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StartseiteHintergrund"Das ist eine Angst, die ich keinem wünsche"25.04.2012

"Das ist eine Angst, die ich keinem wünsche"

Vor zehn Jahren lief ein Schüler in Erfurt Amok

Der Schüler Robert Steinhäuser tötete am 26. April 2002 zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizisten am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Eines seiner Motive: schulisches Versagen. Inmitten eines erschreckend unkoordinierten Polizeieinsatzes bangten Schüler und Lehrer stundenlang um ihr Leben - und haben die Bilder bis heute nicht vergessen können.

Von Henry Bernhard

Jugendliche trauern am 27.4.2002 vor dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. (picture alliance / dpa /)
Jugendliche trauern am 27.4.2002 vor dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. (picture alliance / dpa /)
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"Töten kann man eben auch mit kleinkalibrigen Waffen"

"26. April, der Freitag: Es war Prüfungstag. Und da ich 12. Klasse unterrichte, hatte ich Prüfungsaufsicht."

"Ich hab am 26. meine letzte schriftliche Prüfung gemacht, in Biologie, Grundkurs. Also vorher gar nicht aufgeregt, aber als ich dann meine Aufgaben durchgelesen hatte, wusste ich: O-oh! Also meine Bio-Lehrerin stand dann auch noch neben mir und sagte: 'Und – ist ganz schön schwer, oder!?' Ich sag: 'Hm!' Und da hat sie mir noch viel Glück gewünscht."

"Und in dem Moment hat es so heftig vor unserer Tür geknallt, aber richtig heftig, die Tür hat in ihren Angeln vibriert, es war kurz ruhig, da kam noch ein Knall."

"Und irgendwann ist meine Bio-Lehrerin aufgestanden und meinte: 'Mensch, was ist denn hier nur los?'"

"Dann kam noch ein Knall, noch ein Knall; und Herr Haase meinte nur zu uns, dass es die Bauarbeiter sein werden, die halt den Boden neu machen würden."

"Und gerade als sie vor der Tür stand, ging die Tür auch schon auf und ER stand halt da! Und ich habe ihm in die Augen geguckt. Meine Bio-Lehrerin stand neben mir, war total ruhig. Ich hab genau in den Lauf geguckt, ich weiß genau, wie die Pistole aussah! Und dann hat er halt seine Waffe hochgenommen und hat geschossen."

"Das kriegten wir da oben nicht mit. Wir waren ja da oben, bis auf einen anderen Mathe-Kurs, der auch Prüfung schrieb, waren wir die Einzigen! Da haben mir schon die Knie gezittert! Bin aber äußerlich ruhig geblieben."

"Ich weiß nur noch, dass dann der Täter bei uns im Raum stand. Und dann fing Frau Klement an: 'Raus, alle raus hier!' Ja, alle sind aufgesprungen und sind aus dem Raum rausgelaufen. Außer ich: Ich bin stehen geblieben! Da haben meine Reflexe total versagt. Dann kam Frau Klement zurück und hat mich am Arm gepackt und halt rausgezerrt. Dann bin ich halt losgelaufen, habe Schüsse gehört, hab mich umgedreht. Und da lag halt Frau Klement auf dem Boden."

"Da war kein Puls mehr! Und das war dann wie ein Hammerschlag! Da ist mein Herz genauso stehen geblieben! Und da habe ich nur rüber geguckt zu dem anderen Lehrer, da war ein anderer Schüler, hat auch über dem gekniet. Und in dem Moment kamen die Schüsse wieder nach unten."

"Da bin ich dann auf Frau Dettke gestoßen. Die hat mich halt mit runtergezerrt so im Fluss."

"Ein Mädel aus dem Raum ist dann total hysterisch geworden und hat die ganze Zeit nur den Namen von der Lehrerin gerufen und dass sie tot ist ... Wir haben uns dann total aneinander geklammert, total gezittert, halt total aufgeregt. Man denkt wirklich: Das kann´s jetzt nicht sein, das ist jetzt nicht wirklich passiert!"

"Ich hab mich dann gar nicht mehr um meine Klassenkameraden gekümmert, um gar nichts mehr gekümmert. Ich hab meinen Rucksack geschnappt und bin erst mal runter gerannt! Bin dann raus, und sowie ich draußen war, habe ich mich sicher gefühlt. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich dort sicher gefühlt. Ich hab noch ein paar Schüsse nebenbei gehört, aber ich habe es noch nicht realisieren können, gar nicht."

"Verlassen sie bitte das Objekt weiträumig, hier wird scharf geschossen, danke!"

" ... sind total fertig, die Todesangst da drin, wir konnten kaum atmen, voll fertig ... "

" ... also es war ein maskierter Mann, der kam aus der Toilette, bewaffnet und lief an uns vorbei ... "

"Dann haben wir die Polizei angerufen. Ich bin halt da hingerannt und bin halt auf den Herrn Gorski gestoßen und hab erzählt, was ich gesehen hab. Dann bin ich zurück und er ist zur Tür rein oder wollte zur Tür rein. Und dann kamen dann diese Schüsse wieder. Und dann ne ganze Weile gar nix, total leise!"

"Ja, es war einfach ruhig! Es war mir gar nicht bewusst, dass es fast vier Stunden waren, die wir da oben waren! Es war mir nicht bewusst. Es änderte sich ja auch nichts, es passierte nichts! Dann haben wir gemutmaßt – im Flüsterton –: Was könnte das sein? Was könnte das sein? Keiner hat den Satz gesagt: 'Hoffentlich kommen wir hier raus!' Hat keiner gesagt! Aber alle haben´s gedacht! Wir haben nichts gemacht, wir haben nur gewartet. Jeder war mit sich beschäftigt. Das ist eine Angst, die ich keinem wünsche. Eine Angst, die man auch nicht vergisst."

"Ich bin so zwischen 12 und 13 Uhr dahin gekommen, da war der Sammelpunkt dann am Sportplatz. Da hieß es, man soll sich registrieren lassen. Und da konnte einem auch niemand was sagen. Es war ja klar, es wusste auch niemand was. Das war ziemlich aussichtslos und chaotisch dort. Und dann hat man ja geguckt: Sehe ich meine Frau – oder sehe ich sie nicht? Ich hatte auf dem Handy probiert, da hat es durchgeklingelt."

Detlef Baer hat seine Frau nie wieder gesehen. Als er am 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ankam, war sie bereits tot – ebenso wie elf andere Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und ein Polizist.

Ihr Mörder, der 19-jährige Robert Steinhäuser, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums, richtete sich nach seinem 20 Minuten dauernden Blutrausch selbst. Dies blieb der Polizei jedoch über Stunden verborgen. Da sie außerdem von einem zweiten Täter ausging, bedeutete das Ende des Mordens noch lange nicht das Ende der Angst – weder für die in der Schule verbliebenen 180 Schüler und Lehrer, die sich, so gut es eben ging, verbarrikadiert hatten, noch für ihre Freunde und Angehörigen, die draußen auf sie warteten.

"Der Lehrer hat dann nur noch den Kopf von der Lehrerin mit 'ner Jacke abgedeckt, damit man das halt nicht mehr so sieht. Und dann saßen wir von um Elf bis, – ich glaube, das war halb Drei -, ungefähr in dem Raum. Und wir haben jede Minute von jedem Handy die Polizei angerufen! Weil: Wir haben gedacht, das merkt keiner!"

"Und es war gespenstig ruhig. Es war einfach das Gefühl, wir wären die Einzigen im Haus. Ich sah dann nur diese weiträumige Absperrung um die Schule. Ich hab ja nach hinten rausgeguckt. Ich sah dann, dass sich da Spezialeinheiten auf der benachbarten Kindereinrichtung postierten."

" ... und erst wenn das Kind registriert ist und die Eltern dabei sind, kann das Kind abgeholt werden, das heißt dann auch austragen bitte ..."

"Und dann kam dieses Bangen. Dann ging dieses Erzählen rum, wer hat wen gesehn, vor allem, welche Schüler noch drin waren, das war halt auch krass! Man hat dann versucht, per Handy so viel wie möglich zu simsen oder Leute anzurufen, dass man auch wirklich mit denen in Kontakt tritt. Das waren wirklich sehr beschissene Minuten."

"Ich hab da zwei Väter gesehen, die standen zusammen, völlig sprachlos, und ich kam dann dazu. Und man sah es in den Augen, die Angst steckte drinne, weil sein Kind praktisch noch in der Schule war. Aber auch diese Starre, dass er sich nicht traute, zu weinen! Und ich bin einfach auf ihn zugegangen. Ich hab in dem Moment einfach nur gemerkt: Da musst du jetzt hin! Und da habe ich ihn in den Arm genommen und dann hat er geweint! Jetzt kommen mir selber die Tränen! Das sind so Momente, wo ich gedacht habe: Ich habe meinen Sohn hier; ich habe meinen Sohn da!"

Das Warten zog sich über Stunden hin. Zu chaotisch, zu desorganisiert verlief der Einsatz der Erfurter Polizei, die mit einer Amoklage schlichtweg überfordert und durch den Tod eines Kollegen traumatisiert war. Zudem verfügte sie nur über mangelhafte Funktechnik.

Nach mehreren Notrufen, dass in der Schule geschossen würde und dass es Verletzte gäbe, wurden Funkwagen allein mit der Information, dass "angeblich" eine "Straftat" vorläge, an die Schule beordert.

Während des gesamten Einsatzes bestand keine Funkverbindung zwischen Polizei- und Rettungsdiensten.

Der Einsatzleiter der Rettungskräfte fand die Einsatzleitung der Polizei erst zwei Stunden nach seinem Eintreffen. Erst ab diesem Zeitpunkt war eine wirkliche Koordination von Polizei und Rettungsdienst möglich.

Der Polizei-Einsatzleiter erfuhr über lange Zeit nicht, dass der Täter von einem Lehrer festgesetzt und der Raum von Polizisten bewacht wurde. Auch das SEK, das Spezialeinsatzkommando der Polizei, wurde über den Aufenthaltsort des Täters nicht informiert.

Die im Gebäude befindlichen Polizisten erfuhren ihrerseits nicht, dass das SEK in die Schule eindrang.

Das SEK wusste nicht, in welchen Räumen sich die verbliebenen 180 Schüler und Lehrer verschanzt hatten. Dabei war dies durch Handykontakte bekannt.

Noch vor Ende des Einsatzes verließ der Polizei-Einsatzleiter den Tatort, um an einer Pressekonferenz teilzunehmen, auf der er nicht nur völlig überfordert wirkte, sondern auch noch falsche Angaben zur Opferzahl und zu den genauen Tatorten machte.

Dass diese gravierenden Probleme keine verheerenden Folgen zeitigten, war lediglich dem Umstand geschuldet, dass die Todesopfer ohnehin keine Überlebenschance gehabt hatten und dass der Täter aufgegeben und sich selbst gerichtet hatte. Darauf berief sich auch die Thüringer Landesregierung in ihrem Abschlussbericht, der erst durch Druck von außen und zwei Jahre nach dem Amoklauf in Ergänzung zu einem stümperhaften vorläufigen Abschlussbericht zustande kam. Tenor: So manches ist nicht optimal gelaufen, aber keiner der Toten hätte verhindert werden können. Damit gaben sich fast alle zufrieden – in der Landespolitik, in den lokalen Medien, in der Öffentlichkeit. Zwei widersprachen. Die Berliner Autorin Ines Geipel:

"Dort wird im Detail minutiös dokumentiert, um im Fazit zu leugnen."

... und der Erfurter Rechtsanwalt Eric Langer. Langer hatte bei dem Amoklauf seine Lebensgefährtin verloren. Er zeigte die Verantwortlichen unter anderem wegen unterlassener Hilfeleistung an.

"Dass die Einsatzkräfte an dem Tag überfordert waren, das liegt an der Natur der Sache; ich meine, so ein Attentat hat es vorher nicht gegeben. Was aus meiner Sicht schlimmer ist, wenn Opfer von 11 Uhr 10 bis kurz nach halb eins im Treppenhaus liegen und verbluten und um Hilfe schreien und ihnen immer wieder zugerufen wird, dass man ihnen hilft, ihnen aber nicht geholfen wird, dann ist das einfach Murks! Also, wenn ich das Gefühl habe, und das hatte ich ja als Angehöriger, dass das alles immer nur mit der Frage beantwortet wird, 'Es gab ja sowieso keine Chance!', ja okay, dann kann ich – und das hat man ja auch gemacht – die Hände in den Schoß legen und sagen: Ich muss nichts tun! Nur: Wir wissen es ja vorher nicht."

180 Schüler und Lehrer mussten über Stunden in der Schule ausharren, mitunter neben den Leichen ihrer Lehrer oder Freunde. Eine traumatisierende Erfahrung. Eric Langers Anzeigen und auch eine spätere Beschwerde wurden zurückgewiesen, aber immerhin wurden für ihn damit einige offene Fragen geklärt.

"Und dann denke ich schon, dass es seinen Anteil an einer Verarbeitung gebracht hat, die man nach außen nicht sieht. Aber faktisch wissen wir ja heute, dass die Polizei, die Feuerwehr, neue Konzepte in derartigen Fällen als Interventionskonzepte erarbeitet haben, es gibt ein neues Konzept für die Schule – Verhaltensregeln für derartige Fälle –, also ich glaub schon, dass die Fragen, die wir gestellt haben, im Nachgang auch Einfluss hatten."

Die Nachwirkungen des Erfurter Amoklaufs sind mit denen von München ´72 zu vergleichen: Nach dem Desaster der missglückten Geiselbefreiung wurde 1972 die GSG-9 gegründet. Nach Erfurt wurde die Polizeistrategie geändert. Streifenpolizisten werden seitdem geschult, in Amoklagen sofort und unter hohem persönlichen Risiko einzugreifen, um eventuelle weitere Opfer zu verhindern, wo sie 2002 noch zum Warten verpflichtet waren.

"Ein Abwarten bis zum Eintreffen von Spezialeinheiten ist nicht mehr zulässig."

So das Thüringer Innenministerium, das zum gesamten Komplex "Amok in Erfurt" Interviews verweigert und nur schriftliche Auskünfte gibt.

Schon am Tag des Amoklaufs begannen die Spekulationen, wie Robert Steinhäuser so durchdrehen konnte.

"Auf dem Computer der Steinhäuser wurden auf der Festplatte des Rechners 35 Computerspiele festgestellt ... "

"Bereits kurz nach seinem Rausschmiss aus der Schule bereitet Steinhäuser die Tat vor ... "

"Robert Steinhäuser hat mitgespielt, hat am Bildschirm mitgeballert ... "

"Oder seine Probleme in der Schule, nach Abgang aus der 10. Klasse eben gar kein Zeugnis zu haben: Das passiert vielen Thüringer Schülern."

"Das Spiel verändert seine Lebenswelt ... "

"Er muss seine Lehrer gehasst haben ... "

"Er war freundlich, ruhig, oberflächlich ... "

"Keiner der Mitschüler ahnte, wie viel Frust sich in dem jungen Mann angestaut hatte ... "

"Seine Eltern waren zu Elternabenden nicht da und es gab ein Problem ... "

"Die Pumpgun und die Pistole gehörten ihm ganz legal ... "

" ... und eines Tages hing an unserer Schulwand nur eine Bemerkung: 'Ab sofort ist Robert von unserer Schule suspendiert'"

"Der Detailreichtum ändert am Ende nichts, dass man über Robert Steinhäuser furchtbar wenig erfahren hat ... "


Heute weiß man sicher etwas mehr, die monströse Tat entzieht sich dennoch jeder einfachen Erklärung. Vieles war zusammengekommen: schulisches Scheitern, Entfremdung in der Familie, Hass auf die Welt, der leichte Zugang zu Waffen. Auch wenn der damals neue Thüringer Ministerpräsident und vormalige Kultusminister Dieter Althaus im Januar 2004 erklärte, …

"Zu Gutenberg ist alles gesagt. Robert Steinhäuser ist ein Mörder, und das hat nichts mit der Schule oder dem Schulsystem zu tun."

... so widerlegen ihn sowohl der Abschlussbericht als auch die Thüringer Bildungspolitik seitdem: Der spätere Attentäter war von der heute noch immer amtierenden Schulleiterin wegen eines gefälschten Attests kaltherzig, rechts- und formwidrig von der Schule verwiesen worden und stand damit aufgrund einer Besonderheit des Thüringer Bildungssystems gänzlich ohne Abschluss da. So etwas ist heute nicht mehr möglich, da seither Thüringer Gymnasiasten in der zehnten Klasse eine obligatorische Prüfung absolvieren. Außerdem, so der derzeitige Thüringer Kultusminister Christoph Matschie, wäre auch der Schulverweis heute so nicht mehr denkbar:

"Nach meinem Eindruck würde heute keine Schule mehr so handeln. Ich denke, dass alle gelernt haben aus dieser Entwicklung. Natürlich kann man persönliches Fehlverhalten von einzelnen nie hundertprozentig ausschließen, aber ich denke, wir haben alles getan, damit hier ein vernünftiger Umgang stattfindet und alles getan, damit Schülerinnen und Schüler zuallererst geholfen wird, Probleme zu bewältigen, bevor man mit disziplinarischen Maßnahmen eingreift."

Vertrauenslehrer, Gewaltpräventionsprojekte – Matschie setzt auf ein Klima des Vertrauens an den Schulen - und auf professionelle Hilfen:

"Ich habe dafür gesorgt, dass die Zahl der Schulpsychologen in Thüringen jetzt fast verdoppelt worden ist, damit man frühzeitig in Konflikte eingreifen kann. Und eine Schwachstelle ist nach wie vor der Einsatz von Schulsozialarbeitern; hier gibt's noch 'ne ganze Reihe von Regionen in Thüringen, wo wenig passiert ist. Also, wir haben jetzt rund 90 Stellen für Sozialarbeiter in Thüringen, und ich möchte, dass wir auf 200 Stellen kommen."

Es sei viel Gutes möglich an einer Schule, sagt Matschie, wenn die Schulleitung das wolle. Und dabei sieht er nicht glücklich aus. Aber hat der Amoklauf 2002 zum großen Umdenken geführt, wie es zum Beispiel Petra Vater, Mutter eines Schülers am Gutenberg-Gymnasium, damals hoffte?

"Also ich hab dann einfach daran geglaubt: Jetzt ist so was Schlimmes passiert hier in Erfurt, du bist selber mit betroffen! Jetzt werdet alle mal wach! Aber auf allen Schienen: in der Politik, im Bildungssystem oder wo auch immer! Ich hab dann einfach so innerlich mit mir gesprochen: ihr alten Saubacken! Und zum Schluss habe ich nicht das Gefühl im Nachhinein. Es ist alles dort eingeschläfert, dort ein bissel was, Computerspiele gibt es weiterhin und das ist alles nicht machbar; und da mal ein paar Strafen ausgesprochen, wegen dem Waffengesetz... Das ist alles so lächerlich im Nachhinein!"

Manches wurde angestoßen, einiges verändert. Vieles verlief im Sande. Thüringen hatte unmittelbar nach dem Amoklauf schon einmal hastig mehr Schulpsychologen eingestellt – und nach einem Jahr klammheimlich wieder entlassen. Das Waffenrecht wurde verschärft – doch Stimmen nach einem Verbot von großkalibrigen Schusswaffen zu Sportzwecken blieben ungehört, auch nach weiteren Amokläufen anderswo. Polizei und Rettungsdienste rüsten langsam auf den digitalen Behördenfunk um. Ignorante Eltern gibt es auch heute noch, die weder mitbekämen, dass ihr Kind nicht mehr zur Schule geht, noch dass es Waffen und Munition hortet. Der Leistungs- und Notendruck auf die Schüler ist geblieben, die Erwartung, in eine neoliberale Arbeits- und Lebenswelt entlassen zu werden, in der Chancen ungleich verteilt sind. Computerspiele sind seither nicht friedlicher geworden.

Doch zurück zum 26. April 2002: 700 Schüler und 50 Lehrer, Dutzende Polizisten und Rettungskräfte waren mit schrecklichen Bildern und Erlebnissen konfrontiert. Kinder mussten Stunden neben toten Lehrern verbringen und einen anderen um Hilfe rufen hören. Verzweifelte Angehörige wurden ohne ersichtlichen Grund über Stunden hinweg darüber im Unklaren gelassen, ob ihre Partner oder Kinder tot oder am Leben sind. Lutz Pockel hat damals überlebt, weil ein Kollege ihn vertreten hatte.

"Ich hab jetzt auch die Worte, die damals der eine Vater aus Littleton zu uns sagte: Der sagte, 'Sie haben sich auf einen langen Weg begeben – und sie wissen noch gar nicht, wo der hingeht, wissen auch gar nicht, ob der Weg irgendwann mal aufhört.' Und nach diesen zehn Jahren kann ich diese Worte auch einschätzen. Es ist ein elend langer Weg, den man manchmal gar nicht als solchen wahrnimmt, aber man wird immer wieder mal drauf gestoßen und wird immer wieder dran erinnert, dass manche Sachen, die man als selbstverständlich sieht, gar nicht so selbstverständlich sind."

Ein Jahr lang standen jeder der 26 Schulklassen regelmäßig zwei Therapeuten zur Seite, die halfen, mit dem Erlebten umzugehen und diejenigen weiter vermittelten, die eine Einzeltherapie benötigten. Für die Unfallkasse Thüringen ein Mammutprojekt: Die Hälfte der Betroffenen war traumatisiert, jeder Dritte brauchte eine Einzeltherapie, Therapeuten mussten aus ganz Deutschland zusammentelefoniert werden. Über 200 Renten wurden zeitweise gezahlt, 16 dauerhaft. Noch immer melden sich Betroffene mit psychischen oder psychosomatischen Beschwerden. Heute kommen vor allem die, die vor zehn Jahren nicht an der Gruppentherapie teilgenommen haben. Für einige endet der 26. April 2002 nie. Glücklich können die sein, die wie der Lehrer Lutz Pockel auch Positives aus dem Erlebten ziehen können:

"Heutzutage mein Umgang mit Schülern ist auch ganz einfach der, dass ich da schon sehr nah rangehe an die, weil: Ich möchte schon wissen, wie es denen geht, und möchte manchmal auch, wenn ich meine Zweifel habe, dann schon Ursachen wissen, warum was so ist. Wir haben natürlich heute ganz andere Möglichkeiten, als wir vor zehn Jahren hatten: Durch die sozialen Netzwerke, die es im Internet gibt, erfährt man viel mehr über die Schüler und über ihr Denken und über ihre Gefühle oder Krisen und Probleme, die sie haben, als man sonst hat. Und dann gucke ich schon, was da gerade läuft. Aber ich denke schon, dass wir da nicht aus Schuldgefühl, sondern einfach auch eine Art Vermächtnis unserer umgekommenen Kollegen erfüllen, dass wir an dieser Schule wirklich versuchen, sehr friedlich miteinander umzugehen."

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