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StartseiteKultur heuteDas Kaffehaus28.07.2006

Das Kaffehaus

Die 38. Biennale di Teatro in Venedig bringt Rainer Werner Fassbinders Goldoni-Adaption auf die Bühne

Der venezianische Theatermacher Carlo Gozzi, dessen Todestag sich jetzt zum 200. Male jährt, er steht zur Zeit im Mittelpunkt des 38. Internationalen Theater-Festivals von Venedig, zusammen mit seinem Zeitgenossen und Rivalen Carlo Goldoni, dessen 300. Geburtstag im kommenden Jahr jetzt schon seine Schatten vorauswirft. Eines der interessantesten Ereignisse: Die Neuinszenierung einer Goldoni-Adaption von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1969: "Das Kaffeehaus".

Von Susanne Lettenbauer

Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten 1980 in München (AP Archiv)
Rainer Werner Fassbinder bei Dreharbeiten 1980 in München (AP Archiv)
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Die Korruptheit, das Verlogene und Falsche muss Rainer Werner Fassbinder gereizt haben an Carlo Goldonis eigentlich recht fad daherkommendem Werk "Das Kaffeehaus". Er, als nicht der einzige, aber der prominenteste Bearbeiter dieses solid in der Tradition der beliebten Verwirrspiele stehenden Dreiakters, schrieb dem Stück in Zeiten der deutschen Studentenunruhen einen bitterbösen Abgesang. Eine so hanebüchene Niederträchtigkeit der neun handelnden Personen, dass es nur eine Frage der Zeit sein konnte, dass Ferdinando Bruni und Elio de Capitani das Werk auf die Bühnen holen würden. Die beiden Regisseure sind so etwas wie die Väter der italienischen Fassbinder-Renaissance, die seit 1998 ungehindert anhält. Damals stand Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" auf der Bühne ihres Mailänder Theaters, just zu dem Zeitpunkt als das Stück in Deutschland verboten war aufgrund angeblicher antisemitischer Anklänge. Mit den "bitteren Tränen der Petra von Kant" tourten sie bis nach Südamerika. 2002 pilgerten die Fassbinder-Anhänger zur Retrospektive seiner sämtlichen Filme nach Mailand. Demnächst soll "Das brennende Dorf" auf dem Programm stehen, ebenfalls eine Bearbeitung, diesmal von Lope de Vegas. Nun also "Das Kaffeehaus" oder "La bottega del caffeè" wie die Plakate an Venedigs experimentellster Bühne, dem Teatro delle Tese vergini im Arsenale, ankündigten.

Sicher hätte Fassbinder nicht anders inszeniert. Sein Kaffeehaus von 1969 steht im Teatro delle Tese Vergini auf einer postapokalyptischen Bühne. Verschmierte Hauswände, dreckiges Kanalwasser. Ölfässer und Schiffswracks liegen herum. Kaffeehausbesitzer samt Diener sind von Regisseur und Kostümbildner Elio de Capitani in fantasievolle Lumpen gehüllt. Die Scheinwerfer sind auf ein Minimum heruntergedreht, wie die Stimmung auf der Bühne.

Wenigstens einen Espresso bekommt man in diesem Kaffeehaus immer und jederzeit. Nebenan auf Stelzen aufgebockt der Spielsalon, den Carlo Goldoni, auch als Librettist von Mozart, Haydn und Salieri bekannt, bereits im 18. Jahrhundert geißelte, Fassbinder schmolz daraus seine bitterböse Gesellschaftssatire. Die Verlierer im Spiel treffen sich hinterher im Kaffeehaus: Frauen, Männer, Süchtige, Möchtegernadlige. Keiner ist der, der er scheint, alle bluffen irgendwann, irgendwie. In einer Mischung aus Melodram und Brechtschem Sprechtheater.

Ins Italienische übertragen aus dem Französischen ist jedoch nicht viel von dem Fassbinder-Original bei der Übersetzung übrig geblieben, zu stilisiert kommt bereits der deutsche Text daher. Der einzig vernünftige und auch letztlich vom Publikum bejubelte Weg war eine Inszenierung im Stil der commedia dell´arte. Holzschnittartig bewegen sich die an Botho Strauss und Heiner Müller, Sophokles und Shakespeare geschulten neun Schauspieler durch die fast drei Stunden der Aufführung, improvisieren sich durch den Galgenhumor einer der Apokalypse entronnenen Gesellschaft. Allen voran Elio de Capitani, der Berlusconi-Darsteller aus Nanni Morettis in Cannes gefeierter Italiensatire.

Der italienische Fassbinder kommt in Venedig, begleitet von den leise klappernden Pappfächern des schwitzenden Publikums, sehr viel weicher daher als im Original. Eine Absicht des Co-Regisseurs Ferdinando Bruni. Die Härte des Deutschen, die kalte, nüchtern-stilisierte Sprache des Fassbinderschen Antitheaters überträgt er in den weniger nüchternen Straßenslang Italiens, gemischt mit den barock-entrückten Ausdrücken, für die er Fassbinder so verehrt.

Goldoni, der eigentliche Namensgeber des diesjährigen Theaterfestivals gemeinsam mit Carlo Gozzi, hatte bei der Fassbinder-Inszenierung nicht viel zu melden. Dafür haben die Organisatoren ihm zu Ehren seine Libretti ins Programm gehoben.

"Il mondo della luna", Haydns Oper "Die Welt auf dem Mond", steht auf dem Programm, dazu die Bühnenwerke der beiden Jubilare ebenso wie die Gozzi-Fassung der persischen Turandot-Geschichte. Immer vor dem Hintergrund, dass das sommerliche Theaterfestival soweit als möglich zum Straßentheaterfestival wird.

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