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Das Klimajahr 2018Die Zeit ist uns davongelaufen

Um den Klimawandel jetzt noch zu stoppen, bräuchten wir Veränderungen in einem Ausmaß, das derzeit fast kein Politiker weltweit öffentlich auch nur anzusprechen wagt, kommentiert Georg Ehring. Die Alternative sei eine Heißzeit, wie wir sie uns derzeit noch gar nicht vorstellen können.

Von Georg Ehring

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Qualmende Schorsteine eines Blockheizkraftwerkes vom neuen Flughafen BER vor der untergehenden Sonne im brandenburgischen Schönefeld (dpa-Zentralbild)
Wenn Deutschland seinen Beitrag leisten will, um die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, dann muss der Ausstieg auch aus der Braunkohle viel schneller kommen, kommentiert Georg Ehring (dpa-Zentralbild)
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Jetzt hat es die "Heißzeit" zum Wort des Jahres gebracht. Die Gesellschaft für Deutsche Sprache würdigt damit den Hitzesommer und den Klimawandel und in der Tat: Die Erderwärmung ist in diesem Jahr in aller Munde. Das ist eine gute Nachricht. Einer angemessenen Antwort auf den Klimawandel sind wir allerdings auch zum Jahresende 2018 kaum näher gekommen.  

Dabei gibt es weitere gute Nachrichten in diesem ablaufenden Jahr: Der Protest gegen die Abholzung des Hambacher Waldes hat viele Menschen für den Ausstieg aus der Braunkohle mobilisiert. Die Bäume bleiben vorerst stehen. Europa verschärft den Grenzwert für den CO2-Ausstoß von Autos etwas stärker als zunächst geplant und die Klimakonferenz in Kattowitz ging mit einem Erfolg zu Ende: Alle Staaten werden demnächst zur genauen Rechenschaft über ihren Treibhausgas-Ausstoß verpflichtet.

Noch vor zehn Jahren hätten solche Nachrichten Optimismus gerechtfertigt: Doch wir haben Ende 2018, die Welt stößt mehr Treibhausgase aus als je zuvor und ein bisschen Klimaschutz, das reicht heute nicht mehr. Damals hieß es, die Zeit laufe uns davon. Nun ist sie davongelaufen.

Die Welt ist dabei, um mindestens drei Grad wärmer zu werden

Der IPCC, der wissenschaftliche Weltklimarat, hat im Oktober dargelegt, dass es dringend geboten ist, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, zwei Grad wären schon zu viel. Gelingt das nicht, verlieren wir nicht nur die letzten Korallenriffe – die meisten sind ohnehin bereits zum Absterben verurteilt. Der Meeresspiegel steigt schneller, Hitzewellen, Regengüsse und Stürme werden heftiger. Und es kommt noch schlimmer: Böden und Meere könnten bei noch stärkerer Erwärmung aufhören, wenigstens einen Teil des frei gewordenen CO2 aufzunehmen und selbst zur Quelle von Treibhausgasen werden, wenn etwa der Permafrost in Sibirien auftaut. So würde die Erwärmung selbst dann noch weitergehen, wenn wir Menschen aufhören, sie zu befeuern. Derzeit ist die Welt dabei, um mindestens drei Grad wärmer zu werden.

Ein Gedankenexperiment dazu, wie es weitergeht: Wenn die Emissionen auf dem heutigen Niveau bleiben, dann wird das Budget an Treibhausgasen, die wir in diesem Jahrhundert noch in die Atmosphäre blasen dürfen, in etwa zehn Jahren komplett aufgebraucht sein. Danach ist Schluss, jedenfalls, wenn die Erwärmung unter 1,5 Grad bleiben soll: Kein Flugzeug darf mehr starten, kein Auto mit Verbrennungsmotor, kein Kohlekraftwerk darf mehr laufen. Selbst das Rülpsen von Rindern würde das Emissionsbudget sprengen, wenn die Ausgasung von Methan nicht an anderer Stelle ausgeglichen wird.

Durch schnellen Klimaschutz lässt sich dieses Budget noch ein bisschen strecken. Doch wenigstens halbieren müssen wir die Emissionen im nächsten Jahrzehnt, damit die Umstellung nicht ganz so krass wird.

Braunkohle-Aussteig müsste viel schneller kommen

Hart genug wird sie ohnehin. Wenn Deutschland seinen Beitrag leisten will, um die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, dann muss der Ausstieg auch aus der Braunkohle viel schneller kommen als sich das die zuständige Kommission vorzustellen wagt. Die Technik ist längst da, um Strom fast ohne Treibhausgase zu erzeugen: Windräder und Solaranlagen sind  konkurrenzfähig und sie werden immer billiger – an manchen Standorten kostet ihr Strom sogar weniger als Kohlestrom aus bereits gebauten Kraftwerken. Doch ihr Ausbau müsste drastisch beschleunigt werden, nur dann können sie die konventionellen Stromerzeuger schnell genug ersetzen. 

Um den Straßenverkehr von CO2-Emissionen zu befreien, muss die Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor sehr bald auslaufen, ein Fahrzeug ist schließlich 15 bis 20 Jahre lang auf der Straße. Gemessen daran ist die in der EU jetzt beschlossene Verringerung des Verbrauchs bei neuen Fahrzeugen viel zu wenig. Und in der Ernährung müssen wir einen großen Schritt gehen weg vom hohen Fleischkonsum, doch davon ist überhaupt nichts zu sehen.

Kurzum: Um den Klimawandel jetzt noch zu stoppen, bräuchten wir Veränderungen in einem Ausmaß, das derzeit fast kein Politiker öffentlich auch nur anzusprechen wagt – und das weltweit. Doch die Alternative ist eine Heißzeit, wie wir sie uns derzeit noch gar nicht vorstellen können.

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