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StartseiteKultur heuteDas Konzentrationslager und der Wagner-Clan01.08.2003

Das Konzentrationslager und der Wagner-Clan

Die Bayreuther Außenstelle des KZ Flossenbürg

Ortstermin Flossenbürg. Die Kommandantur des dort 1938 eingerichteten Konzentrationslager dient heute der Gedenkstätte als Archiv- und Verwaltungsgebäude. Der computergestützte Arbeitsplatz des Leiters der Institution befindet sich an der Stelle, an welcher der Schreibtisch des Vorgängers stand. Der Blick schweift hinaus auf den ummauerten Hof, in dem kurz vor Kriegsende der Theologe Dietrich Bonhoeffer und Admiral Canaris gehenkt wurden, und auf die anderen, langsam zuwachsenden Erinnerungszeichen des Lagers, in dem mehr als 5.500 Menschen aus mehr als einem Dutzend Ländern ermordet wurden. Die Forschungsarbeit gilt diesen Opfern. Die Quellen sind solide, die Interpretationen sachlich und zurückhaltend.

Frieder Reininghaus berichtet

Das KZ Flossenbürg hatte insgesamt 92 Außenlager von ganz unterschiedlicher Struktur – große unterirdische Rüstungsbau-Projekte wie in Hersbruck oder im böhmischen Leitmeritz. Bayreuth ist eines der kleinsten Außenlager des KZ Flossenbürg, wird im Juni 1944 erst gegründet. Insgesamt waren dort 85 Häftlinge eingesetzt – im Institut für physikalische Forschung; und dieses Institut war eine Rüstungs-Schmiede, ein Forschungs-Projekt, in der an neuen Zielerkennungsverfahren für ferngelenkte Bomben geforscht wurde von deutschen Technikern. Das Institut für physikalische Forschung in Bayreuth in der neuen Baumwollspinnerei ist identisch mit dem KZ-Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg.

Dieser Sondercharakter dieses Instituts spiegelt sich auch in der Quellenlage wieder – es gibt Unterlagen vor allem, was die Häftlinge betrifft, Unterlagen in Amerika das Häftlings-Nummernbuch, auch FBI-Dokumente, denn die dort forschenden Wissenschaftler werden 1947 in der sog. Aktion Paperclip mit nach Amerika genommen und forschen dort weiter für die amerikanische Rüstungs-Industrie (das sind Akten, die erst seit wenigen Monaten zugänglich sind); es gibt Prozess-Akten in bayerischen Archiven; es gibt vermutlich noch Unterlagen im Hause Wagner. Also ganz heterogene Spuren, die nicht ganz einfach zusammenzuführen waren.

Die Gründung des Instituts für physikalische Forschung geht zurück auf die Initiative von Bodo Lafferenz. Nach Bayreuth kommt Lafferenz in seiner Funktion als Leiter von "Kraft durch Freude" und Organisator der Kriegsfestspiele. So lernt er auch Verena Wagner kennen, die Schwester des heutigen Leiters der Festspiele, Wolfgang, und von Wieland Wagner. Und dieses Institut für physikalische Forschung hätte es vielleicht irgendwo ab 1944 gegeben, aber x der Standort Bayreuth führt direkt in die familiäre Beziehung, in die Heirat von Bodo Lafferenz mit Verena Wagner.

In diesem KZ-Außenlager war auch Wieland Wagner tätig, der nachmals zum "Parsifal von Neu-Bayreuth" stilisierte große "Entrümpler" der Wagner-Tradition.

Wieland Wagner spielt eine untergeordnete Rolle. Er ist weder der Initiator noch ein Protagonist dieses Außenlagers. Er findet ein Unterkommen in diesem Institut er bastelt dort in einem Raum weiter an Bühnenmodellen und an Beleuchtungssystemen für Bühnentechnik, ist dafür aber vom Kriegsdienst freigestellt Allerdings, das beschreiben verschiedene Häftlinge und auch Angehörige der Familie Wagner, hat er immer wieder punktuellen Kontakt zu KZ-Häftlingen.

Was man doch hört aus verschiedenen Biographien der Nachgeborenen, ist dieses Entlastungs-Narrativ, das sich durchzieht. D.h., dieses Außenlager, auch wenn es diesen 85 Häftlingen dort besser ging als im Stammlager, war ein integraler Bestandteil des Systems der Konzentrationslager. Das Haus Wagner hat insofern auch vom Einsatz dieser KZ-Häftlinge profitiert. Es ist ja schon auffällig, dass es immer nur den Forschern von Außen gelingt, dort ein Stück näher zu kommen, diese Firnis etwas aufzubrechen, und man hätte gerade mit dem Charakter dieses Instituts, wo es den Häftlingen besser ging, offensiv umgehen können. Aber über der gesamten Thematik des Nationalsozialismus liegt eine dicke Staubschicht, die man ein wenig wegblasen müsste. Und wir hoffen, dass dies durch dieses Buch wirklich auf einer sehr nüchternen Faktenlage basierend, gelingt.

Das könnte nun sein. Die Firma auf dem Grünen Hügel war, wie bereits gegenüber anderen Historikern, auch gegenüber Jörg Skriebeleit und seinen Mitarbeitern sehr zugeknöpft. Sie wurden bei den Recherchen, die zunächst einem Gutachten für den Stadtrat von Bayreuth bezüglich einer Gedenktafel am Standort des KZ-Außenlagers dienten, in keiner Weise unterstützt. Vielleicht aber wäre das private Festspielunternehmen, wie manch andere Firma, gut beraten, nun, nach sechzig Jahren, die Verstrickungen der verschiedenen Familienmitglieder in der Endphase es Nationalsozialismus rückhaltlos offen zu legen und – wenn beispielsweise die Arbeitskraft von Zwangsarbeitern oder Häftlingen in Anspruch genommen wurde - die selbstverständlichen Konsequenzen einzuleiten.

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