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StartseiteKalenderblattDas Leben für den Widerstand22.02.2008

Das Leben für den Widerstand

Vor 65 Jahren wurden die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst hingerichtet

Unter dem Namen "Weiße Rose" verbreitete eine kleine Gruppe Münchner Studenten Flugblätter gegen das NS-Regime. Dabei wurde sie an der Universität beobachtet, festgenommen, vier Tage später zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet - dem 22. Februar 1943.

Von Otto Langels

Die Münchner Widerstandsbewegung "Weiße Rose" mit Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.). (AP Archiv)
Die Münchner Widerstandsbewegung "Weiße Rose" mit Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.). (AP Archiv)

"Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique 'regieren' zu lassen."

So beginnt das erste Flugblatt der "Weißen Rose". Es tauchte im Juni 1942 in Münchener Briefkästen auf. Verfasst hatten den Text die Medizinstudenten Alexander Schmorell und Hans Scholl. Um sie bildete sich ein kleiner Kreis von Freunden, darunter Christoph Probst, Sophie Scholl und Willi Graf, die aus moralischer Empörung und Freiheitsdrang zum Kampf gegen das Nazi-Regime aufriefen und damit ihr Leben riskierten.

Die Studenten stammten aus bürgerlichen, christlich geprägten Elternhäusern. Einige waren 1933 zunächst empfänglich für die Propaganda des NS-Regimes gewesen. Das Gerede von Volksgemeinschaft und Kameradschaft hatte ihnen imponiert. Aber die anfängliche Begeisterung war schnell verflogen, als sie den Drill der Hitlerjugend kennenlernten. Die totalitären Züge und der Rassenwahn des Dritten Reiches widersprachen ihren humanistisch-liberalen Grundsätzen. Sie wollten dem verbrecherischen Treiben des Nazi-Regimes nicht mehr schweigend zuschauen, wie sich Inge Aicher-Scholl, die Schwester von Sophie und Hans Scholl, später erinnerte:

"Sie wollten weder Märtyrer noch Helden sein. Sie wollten etwas tun, was sie für notwendig gefunden haben. Das haben sie empfunden, dass einer anfangen muss und dass einer zeigen muss, dass nicht alle diesem Volksbetörer nachlaufen."

Der Münchener Philosophieprofessor Kurt Huber, er schloss sich später selbst der Weißen Rose an, wurde zum Mentor der Studenten. Susanne Hirzel, eine Jugendfreundin Sophie Scholls, half, die Flugblätter der Weißen Rose zu verteilen. Anfang der 40er Jahre traf sie ihre Freundin in Stuttgart:

"Sie hat gesagt, ich muss etwas machen, sonst bin ich mitschuldig. Und sie hat mir erzählt, dass sie vorhaben, Flugblätter zu drucken, und diese Flugblätter wollen sie verteilen."

"Wer hat die Toten gezählt. Hitler oder Goebbels – wohl keiner von beiden. Täglich fallen in Russland Tausende. Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe."

Aus dem vierten Flugblatt der Weißen Rose vom Juli 1942. Kurz darauf wurden Willi Graf, Alexander Schmorell und Hans Scholl an die Ostfront einberufen. Die Kriegsgräuel, die sie dort beobachteten, entsetzten sie. Nach ihrer Rückkehr im November verschärften sie ihre Proteste.

"Deutsche! Wollt Ihr und Eure Kinder dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist? Wollt Ihr mit dem gleichen Maße gemessen werden wie Eure Verführer? Beweist durch die Tat, dass Ihr anders denkt. Entscheidet Euch, ehe es zu spät ist."

Nach der Niederlage von Stalingrad malten die Studenten nachts mit Teerfarbe Parolen an die Fassaden der Universitätsgebäude und Hauswände:

"Nieder mit Hitler! Hitler Massenmörder! Freiheit!"

Hatten die ersten Flugblätter der Weißen Rose eine Auflage von jeweils nur 100, so wurden von dem sechsten und letzten Flugblatt mehrere tausend Exemplare gedruckt.

"Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung ist gekommen."

Die letzten Exemplare verteilten Hans und Sophie Scholl am 18. Februar im Hauptgebäude der Münchener Universität. Ein Hausmeister beobachtete sie dabei. Er verschloss die Tür und alarmierte die Gestapo, die die Geschwister festnahm. Da man bei Hans Scholl einen von Christoph Probst verfassten Entwurf eines Flugblatts fand, wurde auch dieser verhaftet. Nach langen Verhören gestanden sie ihre Widerstandsaktionen.

Adolf Hitler ordnete einen Prozess vor dem Volksgerichtshof an. Der Präsident Roland Freisler reiste dazu eigens aus Berlin an, um am 22. Februar die Verhandlung zu leiten. Unter den Zuschauern waren die Eltern der Geschwister Scholl.

"Als mein Vater hörte, dass der Pflichtverteidiger völlig versagte und eher dem Volksgerichtshof Recht gab, ist er aufgestanden und hat versucht, seine Kinder selber zu verteidigen. Und da haben sie ihm das Wort abgeschnitten und haben meine Eltern hinaus gewiesen aus dem Saal."

Nach dreieinhalb Stunden stand das Urteil fest: Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst wurden wegen "landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftversetzung" zum Tode verurteilt. Sie wurden noch am selben Nachmittag hingerichtet.

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