Montag, 17.12.2018
 
Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteUmwelt und Verbraucher"Das macht mir wenig Sorgen"16.10.2009

"Das macht mir wenig Sorgen"

Atommüll aus Deutschland beunruhigt in Russland nur wenige Umweltschützer

Die Bundesregierung will den Standort Gorleben für ein Endlager weiter erkunden, doch der Widerstand aus der Region ist gewiss. Da ist die Verlockung groß, Atommüll ins weniger atomkritische Ausland zu bringen. So geschehen mit abgereichtertem Uran, das in Russland wieder aufgearbeitet wurde - die nicht verwendbaren, aber strahlenden Reste lagern heute in Sibirien. Was hierzulande für Aufregung gesorgt hat, scheint in Russland kaum jemanden zu interessieren.

Von Robert Baag

Warnschild vor Radioaktivität (Stock.XCHNG)
Warnschild vor Radioaktivität (Stock.XCHNG)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Was jetzt für Wirbel gesorgt hat, der jahrelange Transport von über 27.000 Tonnen abgereichertem Uranhexafluorid von der Firma URENCO aus dem westfälischen Gronau nach Westsibirien - dagegen haben Andrej Ozharovskij von der Umweltorganisation Eco-Defense und seine Mitkämpfer schon vor genau drei Jahren, Mitte Oktober 2006, vor der deutschen Botschaft in Moskau demonstriert, behindert und gejagt von der russischen Miliz.

Dieses Unternehmen, sagt Viktor Ozharovskij, hat abgereichertes Hexafluorid zu uns in den Ural transportiert, wo es ähnliche Firmen gibt. Und dort liegt das Zeug in Fässern unter freiem Himmel.

Und dort liegen die Fässer heute noch. Maximal 15 Prozent dieses deutschen Atommülls seien wiederverarbeitet worden. Der Rest aber liege unter freiem Himmel in einer äußerlich schwer gesicherten, für Ausländer unzugänglichen Uran-Anreicherungsanlage mit der Bezeichnung Sewersk/Tomsk-7. Satellitenbilder untermauern diese Aussage, von der sich die zuständige Stadtverwaltung im Interview mit dem deutsch-französischen Sender ARTE allerdings unbeeindruckt zeigt.

Nein, sagt Jevgenij Zubkov, zuständig für Strahlenschutz in der Gebietshauptstadt Tomsk, das macht mir wenig Sorgen. Die Container seien doch kompakt, das Gelände weit weg von der Stadt. Höchstens, wenn ein Flugzeug auf das Gelände stürzen würde - was Gott verhüten möge -, dann könnte sich eine giftige, radioaktive Wolke bilden.

Die dem deutschen TÜV vergleichbare Staatsagentur ROSTECHNADSOR hingegen wiederhole schon seit 2003 in ihren Jahresberichten, dass die Stahl-Container aus Deutschland gegen Rost nicht gefeit seien und somit Lecks entstehen könnten, weiß Ozherovskijs Ecodefense-Kollege Vladimir Slivjak. Trotz solch regelmäßiger Mängelberichte bleibe die zuständige Staatsagentur ROSATOM, geführt vom ehemaligen Ministerpräsidenten Sergej Kirijenko, aber untätig. Beschwerden würden weder von den Sicherheitsbehörden noch von der Justiz weiterverfolgt. Und obwohl nach russischem Gesetz der Import von Atommüll eigentlich verboten sei, habe sich noch nie ein Staatsanwalt die Mühe gemacht hier einmal zu ermitteln, berichtet Slivjak. Außer dem Standort Tomsk-7 gebe es noch drei weitere Urananreicherungsanlagen in Russland, wo die Verhältnisse ähnlich seien. "Korruption" - das sei, wie so oft in Russland, der vermutliche Grund für derlei Zustände, in deren Windschatten sich viel Geld verdienen lasse, meint Slivjak. Doch auch Unkenntnis und Desinteresse der breiten Öffentlichkeit spielen eine Rolle. Die Aufregung um die über 27.000 Tonnen Uran-Hexafluorid für Tomsk-7 in Deutschland haben die russischen Medien bislang nicht aufgegriffen, sogar die kleineren oppositionell-kritischen Blätter haben noch nicht regiert.

Russische wie deutsche Umweltschützer sind jetzt zwar froh darüber, dass die Firma URANCO, an der die deutschen Energieriesen RWE und EON dem Vernehmen nach Anteile halten, den Vertrag mit Sewersk/Tomsk-7 Ende August hat auslaufen lassen. Tatsache bleibe aber, so Matthias Eickhoff von der Münsteraner Umweltgruppe SOFA schon 2006 vor der deutschen Botschaft in Moskau:

"Die russische Bevölkerung muss den Preis dafür bezahlen, dass deutsche Atomfirmen ihren Atommüll hier in Russland entsorgen."

Und überreichte damals - auch im Namen der russischen Umweltschützer - einem deutschen Diplomaten einen Brief, mit der Bitte, ihn nach Berlin an die damalige schwarz-rote Bundesregierung weiterzuleiten:

"Die Transporte finden aufgrund einer Regierungsvereinbarung statt, zwischen der deutschen Regierung und der russischen Regierung, seit 1996. Das war alles geheim. Und wir möchten, dass diese Vereinbarung aufgekündigt wird und kein deutscher Uranzug mehr von Deutschland nach Russland kommt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk