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StartseiteForschung aktuellDas Murren der Skeptiker23.12.2008

Das Murren der Skeptiker

Zitatensammlung soll Welt-Klimarat diskreditieren

<strong>Umwelt. - Wenn es um den Klimawandel geht, schlagen die Emotionen große Wellen. Während die eine Klientel bereits das Ende der Eisbären kommen sieht, zweifeln andere ganz an der Schuld des Menschen an der Erderwärmung und propagieren dies nicht minder laut.</strong>

Von Volker Mrasek

Der "Minderheitenreport des US-Senats" bezweifelt den Einfluss des Menschen auf das Klima. (Stock.XCHNG / Lars Sundström)
Der "Minderheitenreport des US-Senats" bezweifelt den Einfluss des Menschen auf das Klima. (Stock.XCHNG / Lars Sundström)

Der so genannte "Minderheitenreport des US-Senats" ist der Versuch, den Weltklimarat IPCC zu diskreditieren. Es gibt überhaupt keinen Konsens darüber, dass der Mensch schuld an der Erderwärmung ist, wie führende IPCC-Vertreter immer wieder behaupten. Das soll das Papier suggerieren, das aus dem Büro des republikanischen US-Senators James Inhofe stammt. Doch schnell fällt auf: Es handelt sich eigentlich gar nicht um einen Report, schon gar nicht um einen wissenschaftlichen. Der belgische Physiker und Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele, einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden des IPCC:

"Ich habe mir dieses Dokument angeschaut. Aber einen "Report" habe ich nicht gefunden. Es ist eine Auflistung von Meinungen einer Reihe von Wissenschaftlern. Da werden einfach Zitate aneinandergeklebt. Und da, wo auf Studien verwiesen wird, kann ich nicht erkennen, dass sie am Fundament des aktuellen Welt-Klimareports rütteln. Wenn der IPCC seinen Bericht in dieser Weise abgefasst hätte – er wäre vollkommen unbrauchbar."

Die Herausgeber der Streitschrift behaupten, unter den 650 Wissenschaftlern seien "viele", die früher einmal oder heute noch für den IPCC arbeiteten. Tatsächlich sind es nur einige wenige. Ganz oben in der Zitatenliste steht der südafrikanische Chemie-Ingenieur Philip Lloyd. Seine Aussage: Die vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen seien zu gering, um das Klima zu beeinflussen ...

"Dr. Lloyd war koordinierender Hauptautor. Das ist eine wichtige Funktion. Aber das war bloß in einem technischen Report des IPCC über das Auffangen und Einlagern von Kohlendioxid. Das hat nichts mit Klimawissenschaft zu tun. Es war ein IPCC-Report, und ich bin sicher, Lloyd hat seine Sache gut gemacht. Aber das, was er hier in diesem Papier über den Kohlenstoff-Kreislauf sagt, ist grundlegend falsch."

Der so genannte Senatsminderheiten-Report enthält aber nicht nur falsche Aussagen. Seine Herausgeber haben nicht einmal Skrupel, Studienergebnisse zu verdrehen und umzudeuten:

""Die unterstellen uns etwas, was wir gar nicht sagen und was auch nicht stimmt.""

Darüber ärgert sich Jürg Beer, Physiker bei der Schweizer EAWAG; einer Forschungsanstalt im Umfeld der ETH Zürich. Für die Hälfte der heutigen Klimaerwärmung sei die Sonne verantwortlich, behaupten die Herausgeber der Streitschrift. Und berufen sich dabei auf eine Studie, an der Jürg Beer mitgewirkt hat. Sie erschien erst vor wenigen Tagen und rekonstruiert, wie sich die Temperatur im sibirischen Altai-Gebirge in der Vergangenheit entwickelt hat ...

"Was eigentlich genau das Gegenteil zeigt von dem, was diese Leute behaupten. Es zeigt nämlich, dass in den letzten 50 Jahren eben die Treibhausgase der dominante Faktor sind. Ab 1970 ist der Beitrag der Sonne konstant geblieben. Und diese Erwärmung, die man seit dieser Zeit beobachtet, die kann nicht von der Sonne stammen. Das ist ganz eindeutig. Die Datenlage ist klar."

... übrigens nicht nur im Altai-Gebirge. Genauso keck behauptet das Senatsbüro von James Inhofe, es gebe inzwischen gar keine Erwärmung mehr. Seit 1998 kühle sich die Erde sogar ab. Eine These, mit der viele Klimaskeptiker in letzter Zeit hausieren gehen. Nur: Auch sie entspricht nicht den Tatsachen. Bestätigen können das englische Klimaforscher. Im Auftrag der Weltmeteorologie-Organisation ermitteln sie Jahr die globale Mitteltemperatur, eine Referenzgröße in der Klimaforschung. Phil Jones, Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia:

"1997/98 gab es im Pazifik den stärksten El Nino im ganzen 20. Jahrhundert. Deshalb war 1998 so warm. Zuletzt hatten wir eher kühle La-Nina-Verhältnisse. Aus diesem Grund waren die letzten Jahre etwas kälter. Und trotzdem ist das laufende Jahrzehnt ein Fünftel Grad wärmer als die 90er Jahre. Und die letzten zehn Jahre sind die bisher wärmsten der Aufzeichnungen."

Davon steht nichts in dem neuen Papier aus Washington. Es würde ja auch die eigenen Behauptungen ab absurdum führen. Die Initiative von Senator Inhofe scheint rein politisch motiviert zu sein. Wissenschaftlich fundiert ist der vermeintliche "Klimareport" aus seinem Büro jedenfalls nicht. Wie sagte Jean-Pascal van Ypersele? Seriöse Berichte sehen anders aus.

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