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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas Phänomen der Empathie01.02.2007

Das Phänomen der Empathie

Warum Mitfühlen lebensnotwendig ist

Die Entdeckung von Nervenzellen, die dafür sorgen, dass das Gehirn eine Bewegung, die das Gegenüber macht, nachvollzieht, hat das Verständnis vom Menschen erheblich verändert. Vieles wird dadurch verständlich, angefangen von der Reaktion des Babys auf seine Eltern und deren intuitive Antwort über das Mitempfinden bis hin zur Faszination, die Sport, Theater, Konzert und Medien ausüben. Allerdings muss das Mitempfinden erlernt werden. Immer mehr Eltern sind aber unsicher, wie sie dem Kind dabei helfen können.

Von Cajo Kutzbach

Reaktion des Babys auf seine Eltern zeigen das Mitempfinden.  (AP)
Reaktion des Babys auf seine Eltern zeigen das Mitempfinden. (AP)

"Spiegelneuronen wurden vor zehn Jahren am Institut von Professor Giacomo Rizzolatti entdeckt, erzählt sein Mitarbeiter, der Neurologe Dr. Giovanni Buccino von der Universität Parma. Es sind Nerven, die in dem Hirnbereich sitzen, der an Bewegungen beteiligt ist, also etwa wenn ein Affe im Labor nach einer Nuss greift. Das Neue ist, dass diese Spiegelneuronen auch dann aktiv werden, wenn der Affe nur zusieht, wie jemand anders die Nuss ergreift, egal ob das der Versuchsleiter ist oder ein anderes Lebewesen."

Das Gehirn des Affen reagiert auch dann, wenn er ein Lebewesen anderer Art, eben einen Menschen, nach der Nuss greifen sieht. Selbst, wenn man einen Teil der Bewegung hinter einer Sichtblende verbirgt, erkennt das Gehirn des Affen die Bewegung wieder. Weil diese speziellen Nervenzellen sozusagen Bewegungen des Anderen spiegeln, nannte ihr Entdecker Prof. Rizzolatti sie Spiegelnervenzellen oder Spiegelneuronen.

Um die Reaktion des Affengehirns zu messen, musste man mit einer Elektrode eine Weile im entsprechenden Hirnbereich des Affen suchen, denn die Spiegelneuronen liegen fein verteilt zwischen anderen Bewegungsnervenzellen. Das gilt auch für den Menschen, wie man mittlerweile von Untersuchungen an Hirnverletzten weiß.

Professor Joachim Bauer, Arzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburg skizziert die Bedeutung dieser Entdeckung:

"Wir haben in der Neurobiologie in den letzten 15 Jahren ne Menge aufregende Forschungen und Entdeckungen erlebt, aber es blieb eigentlich bis vor Kurzem noch völlig unklar, warum Menschen mit anderen Menschen mitempfinden können, warum wir Anteil aneinander nehmen, warum wir durch Resonanz verbunden sind. Und dieses Rätsel scheint aus neurobiologischer Sicht durch die Entdeckung der Spiegelnervenzellen, durch die Entdeckung des Systems der Spiegelneurone gelöst zu sein. "

Mitzuempfinden ist ein anderer Vorgang, als wenn man eine Handlung in Gedanken noch mal wiederholt, um sie besser zu verstehen. Letzteres ist eine Leistung unseres Verstandes, Empathie dagegen beruht auf der Fähigkeit des Gehirnes mit Hilfe der Spiegelneuronen mitzuempfinden, und so durch Bewegungen ausgedrückte Gefühle zu teilen.

Wie wichtig Spiegelnervenzellen sind, wird deutlich, wenn man sich anschaut, was ein Kind damit anfängt. Prof. Mechthild Papousek vom Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Universität München erforscht seit über 20 Jahren das Leben von Säuglingen und Kleinkindern:

"Da gibt es sehr schöne Experimente dazu, dass ein neugeborener Säugling bereits am ersten Tag seines Lebens - relativ kurz nach der Geburt - das Ausdrucksverhalten im Gesicht des Gegenübers nachahmen kann. Es braucht dazu ziemlich lange Zeit (lacht), guckt sehr genau hin, es bemüht sich sehr stark es wirklich zu schaffen, als ob da eine innere Motivation dahinter wäre und es schafft es haargenau! Das ist was ganz Faszinierendes.

Man hat das nie verstehen können, weil es ja seinen eigenen Gesichtsausdruck nie selber gesehen hat. Und da geben natürlich jetzt die Spiegelneurone so etwas, wie ein Erklärungsmodell dafür."

Das Neugeborene sieht ja noch nicht gut, weil Augen und Gehirn erst lernen müssen aus den zwei Bildern eines zu machen. Trotz dieses Hindernisses und trotz der völlig neuen Umgebung fängt der Säugling sehr bald an den Gesichtsausdruck derjenigen nachzuahmen, die ihm nahe kommen. Die Spiegelnervenzellen weisen darauf hin, dass das kein Akt des Willens ist, sondern automatisch geschieht.

"Was hier abläuft ist: das Baby sieht ein bestimmtes Ausdrucksverhalten und das aktiviert Neuronennetze, die für das Ausüben der gleichen Bewegung erforderlich sind. Das ist etwas, was eigentlich sehr früh eine Verbindung, grade im emotionalen Bereich herstellt.

Wir wissen noch nicht, ob es auch so etwas, wie eine Gefühlsansteckung dabei schon gibt, wenn das Baby jetzt nur ein lächelndes Gesicht sieht, oder ein ärgerliches Gesicht oder so."

Sicher ist also nur, dass das Baby mit Hilfe der Spiegelnervenzellen Bewegungen nachahmt. Wann es die Mimik als Ausdruck von Gefühlen erkennt, ist noch unklar. Versucht eine Mutter keine Miene zu verziehen, dann probiert das Baby all seine Gesichtsausdrücke durch und fängt an zu weinen, wenn sie dann immer noch nicht darauf reagiert.

Die Verknüpfung von Bewegungen mit Gefühlen dürfte also schon sehr früh ablaufen. Es ist eine der ersten großen Leistungen des Lebens. Die Eltern helfen dabei intuitiv, indem sie ihr Gesicht in den richtigen Abstand zum Baby bringen, indem sie sich dem Baby ganz zuwenden, mit ihm reden, auf seine Stimmung eingehen und durch eine gewisse Übertreibung ihrer Mimik und Sprache das Erkennen erleichtern. Umgekehrt verstärkt das Baby durch Nachahmen der Eltern deren Zuneigung. Das Gehirn sorgt also dafür, dass die ersten Beziehungen in unserem Leben funktionieren. Doch viele Eltern wissen das nicht:

"Es ist wirklich bemerkenswert wie verunsichert die Mehrzahl der jungen Eltern heutzutage ist. Da fehlt das Selbstvertrauen. Sie haben eine Vorstellung, ja eigentlich braucht's Experten. Sie haben große Angst davor irgend was falsch zu machen, weil es natürlich auch in den Medien ist, was alles passieren kann bis hin zu dem ADHS-Syndrom und solchen Dingen. Und wenn da irgend etwas ein bisschen aus der Reihe geht bei ihrem Kind und das ne besondere Eigenheit hat, dann sind sie gleich total verunsichert und haben Angst, was daraus sich alles entwickeln kann und was sie da alles falsch machen könnten."

Dass sie es gut machen wollen, ehrt die Eltern. Aber gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen gibt Mechthild Papousek einen verblüffend einfachen Rat:

"Wenn sie sich auf ihr Baby einlassen würden und sich von ihrem Baby leiten lassen, dann können sie sich mit relativ großer Sicherheit darauf verlassen, dass sie's richtig machen, dass sie schon den richtigen Weg finden, denn das Baby gibt ihnen ständig Feedback. Und das ist etwas, was heute doch sehr, sehr vielen Eltern fehlt. Die große Selbstunsicherheit und das Lesen von 1000 Büchern anstatt sich einfach von ihrem Baby leiten zu lassen."
Die Ursachen sind vielfältig: Während es vor 100 Jahren nur so vor Kindern wimmelte und man fast zwangsläufig mitbekam, wie man mit Babys umgeht, fehlt dieses lehrreiche Erlebnis heute. Zudem stützte die Großfamilie jungen Eltern mit Rat und Tat, während heute Eltern oft mit der Überforderung durch Beruf und Kleinkind allein bleiben.
Wie wichtig Mitempfinden ist, wird klar, wenn man sich überlegt, was geschähe, wenn den Eltern diese Fähigkeit fehlte, also sie nicht spürten, was das Baby braucht, denn dann würde es vermutlich nicht lange überleben.
Aber auch für das ganze weitere Leben ist Mitempfinden notwendig. Prof. Bauer:

"Die Spiegelnervenzellen, die uns dieses Mitgefühl und die Resonanz ermöglichen, sind angeboren. Aber die Empathie ist es nicht, sondern wir müssen diese Spiegelnervensysteme benützen und zwar dadurch, dass wir als Kleinkinder als Säuglinge gute Erfahrungen machen. Wir müssen selbst Empathie erlebt haben, damit das System der Spiegelneurone in Funktion treten kann und damit das Kleinkind peu a peu selber in die Lage kommt emphatisch zu sein."

Die Spiegelnervenzellen sind Grundlage für das Mitempfinden, sozusagen die technische Vorbedingung. Sie dienen in frühester Kindheit dazu, Bewegungen zu üben, die den Kontakt zu den Eltern unterstützen und später zum Ausdruck von Gefühlen benutzt werden. Den Eltern ermöglichen sie, anregend oder beruhigend auf das Kind einzuwirken. Auch beim Sprechen, wobei ja auch Muskeln bewegt werden, helfen die Spiegelneuronen. Damit aber wirkliches Mitempfinden entsteht, muss das Kind eine gewisse Reife erreichen.

In einem Versuch ließ die Entwicklungspsychologin Prof. Doris Bischof-Köhler vom der Münchner Universität Kinder mit einer Person spielen, deren entsprechend vorbereiteter Teddy einen Arm verlor. Einige Kinder versuchten sofort zu helfen, andere brachen in Tränen aus und eine dritte Gruppe stutzte kurz und spielte dann weiter. In einem zweiten Versuch zeigte man den Kindern einen großen Spiegel. Und siehe da, diejenigen Kinder, die hilfsbereit gewesen waren, erkannten sich selbst im Spiegel wieder und schnitten Grimassen. Die anderen beiden Gruppen waren offenbar noch nicht so weit.

Um Mitempfinden zu entwickeln, muss das Kind also erkannt haben, dass es selbst nicht von dem Malheur betroffen ist, aber, dass der andere Mensch darunter leidet.

"Und wir kennen ja dann die rührende Situation, wo ein dreijähriges Kind- das ist etwa die Zeit, wo die Empathie dann auftaucht beim Kind - die Mutter, die sich weh getan hat, tröstet und sagt: "Komm Mama, es ist gut."
Nicht das ist also dann der Moment erreicht, wo das System der Spiegelnervenzellen, das das Kind zunächst mal genetisch mitbekommen hat, so eingeschult ist und durch Erfahrung so weit gekommen ist, dass das Kind selber Empathie ausüben kann."

Professor Bauer betrachtet die Spiegelnervenzellen als einen von vielen Hinweisen darauf, dass der Mensch auf Mitmenschlichkeit angelegt sei. Das würde erklären, warum die meisten Singles gar nicht gerne Singles sind und weshalb Menschen sich freuen, wenn sie viele Freunde und Bekannte haben und mit diesen zusammen sein können.

Das Bedürfnis sich mitzuteilen und angenommen zu sein, also dazu zu gehören, zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben. Und man braucht sich bloß die vielfachen Anstrengungen der Menschheit vor Augen zu führen, um zu erkennen, dass nicht nur alle Wiegen- und Liebeslieder oder Gedichte dem Vermitteln von Empfindungen dienen, sondern auch Musik, Literatur und bildenden Kunst.

Diese Anlage zum Mitempfinden erklärt vermutlich auch, weshalb uns Theater, Zirkus, Sport und Konzert faszinieren, eben weil wir dabei miterleben, mitempfinden können, wie Menschen Höchstleistungen vollbringen. #

Doch die Bedeutung der Spiegelnervenzellen geht weit darüber hinaus. Nachdem sie entdeckt waren, brauchte man keine Elektroden mehr ins Hirn zu stecken. Man will ja nur noch wissen welche Hirnbereiche angeregt werden. Dazu legt man Menschen in einen Computertomographen und kann auf dem Bildschirm sehen welche Hirnbereiche stärker durchblutet, also aktiv werden. Giovanni Buccino berichtet von einem weiteren Experiment:


" Man weiß, dass beim Erlernen von neuen Bewegungen die Spiegelneuronen eine wichtige Rolle spielen. Versuchspersonen, die nicht Gitarre spielen konnten, bekamen im Computertomographen das Bild eines Gitarrengriffes gezeigt. Und sowohl wenn sie dieses Bild betrachteten, als auch, wenn sie später den Griff aus der Erinnerung nachahmten, waren die gleichen Hirnbereiche aktiv. "

Spiegelnervenzellen regen also ihre benachbarten Zellen an und helfen dadurch eine Bewegung zu merken und später nachzuahmen. Sie wirken nicht nur beim Kleinkind, sondern während des ganzen Lebens zumindest bei all denjenigen Lernaufgaben, die mit Bewegungen zu tun haben, beim Basteln, beim Schreiben, Malen, Sport, Musizieren und Tanzen, aber auch bei der Schauspielerei und, wenn wir durch Mimik und Körpersprache eines Menschen verstehen, wie er sich fühlt. Prof. Bauer fasst zusammen:

"Wir haben in unserem Gehirn neuronale Systeme, die darauf spezialisiert sind, das, was wir an einem anderen Menschen der in unserer unmittelbaren Gegenwart ist, was wir da miterleben oder wahrnehmen können, dass das in uns in unserem eigenen Gehirn "online" also fast zeitgleich noch mal nachgespielt wird. Das heißt wir spüren in unserem Gehirn was das ist, was im anderen Menschen gerade vor geht. Wir haben ein Spiegel- oder Resonanz-Geschehen. Und das macht es uns möglich mit anderen Menschen mit zu fühlen."

Dass beim Lernen Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle spielt, wundert sicher niemand. Aber auch das, was man bereits weiß, die Vorkenntnisse spielen eine Rolle, berichtet Dr. Buccino:

" Wie sehr das System der Spiegelnervenzellen anspricht hängt vom Vorwissen des Betrachters ab. Balletttänzer reagieren stärker, wenn sie Bewegungen aus dem Ballet sehen, als von anderen Tänzen. Umgekehrt reagieren Tänzer des Brasilianischen Capuera stärker, wenn sie diesen Tanz sehen, als bei Bewegungen aus dem klassischen Tanz. "

Es leuchtet ein, dass vorhandenes Wissen es einfacher macht eine neue Bewegung einzuordnen und damit auch zu erinnern und nachzuahmen. Spiegelnervenzellen sind deshalb auch eine wichtige Grundlage des Lernens durch Nachahmung. Man nutzt das sogar bei der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten.

Die beiden letzten Experimente zeigen aber auch, welche Macht Medien haben, weil sie, egal ob Bilder, Filme oder Spiele, als Vorbilder dienen können. Das macht verständlich, dass in einigen Kulturen Bilder verboten sind, eben weil sie eine so große Wirkung haben.

Menschen mit ausgeprägtem Mitempfinden erleben Gewalt in Filmen und Spielen als abstoßend und meiden sie. Für Menschen mit schwachem Mitgefühl, sind sie gefährlich, weil Spiele durch ihre Bilder die innere Haltung eines Menschen verändern können. Unser Selbstbild prägt aber sowohl die Körperhaltung, als auch das Verhalten. Gewaltspiele können suggerieren Gewalt sei die beste, ja sogar einzige Lösungsmöglichkeit bei Konflikten.

Seltsamer Weise gilt es heute als erstrebenswert unbeteiligt, also neudeutsch "cool" zu wirken. Vor einigen Jahren war es Mode möglichst schreckliche Filme anzuschauen. Heute werden manchmal wildfremde Menschen verprügelt, wobei deren Tod in Kauf genommen wird. Diese Gefühllosigkeiten sieht Prof. Bauer mit Sorge:

"Ja es haben uns eigentlich immer wieder irgend welche ganz klugen Leute gesagt, wir sollten die Emotionen ausschalten. Nicht wahr? Wir hatten solche Lehren ja schon in den vergangenen Jahrzehnten. Im Nationalsozialismus galt es als "modern" Emotionen, Weichheit, Menschlichkeit auszuschalten. Alles musste hart sein; hart für den Überlebenskampf. Aber ich glaube es ist ganz klar: zum Menschsein gehört die Emotion, gehört das Mitgefühl. Es ist eigentlich das, was uns zum Menschen macht."

Das bedeute aber auch, dass Wirtschaft und Bildungssystem mit ihrem Konkurrenzdenken und der Auslese Schwächerer das Grundbedürfnis des Menschen nach Zusammenarbeit und Zuwendung missachten. Soziale Ausgrenzung, egal ob Arbeitslosigkeit oder Verweigerung eines Ausbildungsplatzes, werde vom Hirn genauso empfunden und verarbeitet, wie körperliche Schmerzen: es reagiert darauf mit Aggression. Sie dient dazu diesen unerträglichen Zustand zu beenden. Deshalb, so Bauer, nennt man menschenunwürdige Zustände zu Recht "Sozialen Sprengstoff".

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