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StartseiteKultur heuteNeue Männer- und Frauenbilder in der Literatur 26.08.2018

Das Poetenfest ErlangenNeue Männer- und Frauenbilder in der Literatur

Das Poetenfest im fränkischen Erlangen ist zu einem der wichtigsten literarischen Ereignisse auf dem Weg zur Frankfurter Buchmesse geworden. Und es stellt sich auch politischen Debatten: Diesmal reflektierte es neue Frauen- und Männerbilder nach #MeToo.

Von Tobias Krone

Lesungen und Gespräche mit (vlnr) Anne-Dore Krohn (Moderation), Antonia Baum, Kristine Bilkau, Annika Reich, Fatma Aydemir und Nora Gomringer (Erlanger Poetenfest 2018 / Erich Malter)
Lesungen und Gespräche mit (vlnr) Anne-Dore Krohn (Moderation), Antonia Baum, Kristine Bilkau, Annika Reich, Fatma Aydemir und Nora Gomringer (Erlanger Poetenfest 2018 / Erich Malter)
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Am Anfang der Geschichte ist es ein harmloser Flirt. Für die Frau ganz gewiss. Und für den Mann wahrscheinlich auch.

Antonia Baum: "C. und ich gingen nach dem Agentur-Fest noch auf eine andere Party. Wir saßen im Taxi, es war schon nach eins. Wir waren beide angetrunken, bisher war es nett gewesen. Mir hatten C.s Komplimente gefallen und dass er meine Nähe gesucht hatte. Zwischenfrage aus dem Publikum: Was heißt das konkret? Haben Sie auch seine Nähe gesucht? Was heißt: Es hat Ihnen gefallen? Würden Sie sagen, dass Sie ihn angemacht haben?"

#MeToo auf dem Podium der Erlanger Orangerie

Ob Anmache oder schlicht Anwesenheit mit ihrem weiblichen Körper – Die Protagonistin in Antonia Baums Erzählung "Setzen Sie sich", sie hat eine Menge Fragen mit ihren fiktiven Über-Ichs zu verhandeln, um ihre vermeintliche Mitschuld am Ausgang dieser Taxifahrt zu klären. Denn zumindest die Berührungen ihres Vorgesetzten C. in ihrem Intimbereich sind handfest. – Missbrauch im Alltag, #meToo auf dem Podium der Erlanger Orangerie. Mehrere junge Autorinnen lesen ihre Prosa zur Frage von Sex und Macht. Antonia Baum liefert mit ihrer Taxiszene eine geradezu paradigmatische Ouvertüre.

Antonia Baum: "Was ich wollte mit dieser Geschichte, war einerseits die Komplexität der Mechanismen dieser Debatte abzubilden, die andere Ebene ist sozusagen die Verhaltensebene. Weil es ja immer wieder in der Debatte die Kritik gab an dem Hashtag: Ja, da werden irgendwie Sachen vereint, unter einem Hashtag zusammengefasst: Das eine ist strafrechtlich relevant, das andere ist nur nett Anlächeln und so weiter. Um das irgendwie abbilden zu können, habe ich das ganz Banale gewählt. Auch weil das erlaubt, dass es uneindeutiger ist."

"Er soll kein Loser werden bitte"

Und gerade für Uneindeutigkeiten eignet sich Literatur besser als Internetforen. Das zeigen auch die Texte der anderen Autorinnen auf dem Erlanger Poetenfest, wie die Hamburgerin Christine Bilkau mit ihrer sensiblen Alltagsstudie zu feministischer und maskulinistischer Erziehung – aus eigener Anschauung.

Christine Bilkau: "Die Feminismusdebatte – wenn es ums große Ganze geht, da sind sich ganz viele Frauen, Mütter einig, aber wenn es zum Beispiel um den eigenen Sohn geht, dann denken ganz viele Mütter trotzdem insgeheim, aber er soll kein Loser werden bitte. Er soll bitte ein richtiges Alphatier werden, damit er später erfolgreich wird, damit wir uns keine Sorgen um ihn machen müssen."

Missbrauchsgeschichte im migrantischen Milieu

Nur eine von vielen spannenden Detailbeobachtungen, die die Frauen auf dem Podium austauschen. Die Berliner Jungautorin Fatma Aydemir  erzählt eine Missbrauchsgeschichte im migrantischen Milieu. Das Opfer geht nicht zur Polizei, weil sie neben der männlichen auch eine rassistische Gewalt fürchtet.

Doch was tun gegen den Machtmissbrauch der Männer? Die Bamberger Lyrikerin Nora Gomringer möchte dazu die Männer ins Boot holen, Fatma Aydemir ist skeptisch.

Nora Gomringer: "Ich finde, es ist Zeit für die Frauen, wie Lysistrata zu handeln und sich zu bekennen zu den Männern, die sie lieben und brauchen, und sie an der Schulter zu packen und an all denen vorbeizutragen und zu sagen: So, ab jetzt verhandeln wir. Frauen müssen die Männer wieder erheben. Und zwar wirklich zu Menschen auf ihrer Augenhöhe. Aber ich verstehe, wie erhebt man einen, der einen gequält, vergewaltigt hat? I know, aber…"

"So weit sind wir noch nicht"

Fatma Aydemir: "Ich wollte gerade sagen, ich glaube, so weit sind wir noch nicht. Erst müssen wir sie richtig runterdrücken, bis sie am Abgrund sind, und dann können wir sie erheben."

In den vergangenen Tagen beherrschte eine neue Schlagzeile die Debatte. Eines der Missbrauchs-Opfer des Filmproduzenten Harry Weinstein, die Schauspielerin Asia Argento, soll den damals 17 Jahre alten Kinderstar Jimmy Bennett zum Sex verführt haben. Eine Frau als mutmaßliche Täterin. Gibt diese Enthüllung der Me-Too-Bewegung eine neue Wendung? Antonia Baum findet: nein.

Frauen nicht "ständig heilig"

"Also es schließt ja einander auch überhaupt nicht aus. Es wäre auch total dumm und eine weitere Zuschreibung, die scheiße ist, wenn man jetzt sagt, dass Frauen irgendwie ständig heilig sind. Es ist aber so, dass es, wenn man sich Statistiken oder eben #MeToo anguckt, dass es tendenziell in einem sehr hohen Maße eher Frauen sind, die von solcher Art der Gewalt betroffen sind. Dass es umgekehrt auch der Fall sein könnte – auch dazu gibt es Statistiken, das gibt es auch. Aber das diskreditiert für mich überhaupt gar nichts. Null."

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