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StartseiteHintergrundDas schwere Erbe des Berthold Beitz25.09.2013

Das schwere Erbe des Berthold Beitz

Thyssen-Krupp kämpft um Tradition und Zukunft

Morgen wäre Berthold Beitz 100 Jahre alt geworden. Bis zu seinem Tod Ende Juli war er Patriarch in Personalunion Vorstands- und Kuratoriums-Chef der Krupp-Stiftung. Die Zukunft des Unternehmens ist ungewiss. Es fehlt an Geld, Arbeitsplätze müssen abgebaut werden.

Von Barbara Schmidt-Mattern

Das Firmenlogo des Stahlkonzern ThyssenKrupp in Essen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Das Firmenlogo des Stahlkonzern ThyssenKrupp in Essen (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
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Kein Arbeiter ist zu sehen, als Achim Wiebe mit Helm und Schutzbrille die 700 Meter lange Warmband-Straße 2 betritt. Hier, in der Stahl-Produktionshalle von Thyssen-Krupp in Duisburg-Beeckerwerth, wird fast jeder Arbeitsschritt ferngesteuert am Computer.

"Wir befinden uns im ersten Bereich, in der sogenannten Vorstraße, wo halt die ersten Walzstiche erfolgen, und das werden wir gleich auch hören…"

Es ist dunkel, heiß und stickig hier: ein Walzwerk, in dem Stahl für die Auto-Industrie gefertigt wird. Auf einem fauchenden Fließband rollen die sogenannten Brammen durch das Warmbandwerk: Über tausend Grad heißer Stahl, bis zu 36 Tonnen schwer, wird hier wie ein Kuchenteig hin und her gewalzt, und dabei immer länger und immer dünner.

"Unter Bramme versteht man einen großen Stahlblock, der circa zehn Meter lang ist, zwei Meter breit und 25 Zentimeter dick…"

Wer sich - trotz des ohrenbetäubenden Lärms - mit Achim Wiebe unterhält, dem fliegen die Fachbegriffe nur so um die Ohren. Seit 28 Jahren ist der Diplom-Ingenieur bei Thyssen-Krupp in der Stahlsparte beschäftigt. Jede einzelne Bramme – die vor Hitze feurig-orange leuchtend an ihm vorbeirattert – begeistert den 58-Jährigen…

"Das Band wandert hier mit fünf Metern pro Sekunde über den Rollgang, (das) sind circa 15 Stundenkilometer. Und nach dem Fertigwalzprozess hat das Band eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern."

"Wenn Arbeitskämpfe sich zuspitzten, dann wurde immer darüber diskutiert, ob es nicht sinnvoll und notwendig sei, Brammen auf die B1 zu bringen – dann steht die Stadt!"

So erinnert sich Guntram Schneider, Sozialdemokrat und Arbeitsminister von Nordrhein-Westfalen, an die Proteste der Kruppianer in den achtziger Jahren zurück. Der Aufstand der Stahlarbeiter gegen die Schließung ihres Werkes in Duisburg-Rheinhausen ist bis heute legendär. Es war einer der letzten großen Arbeitskämpfe im Revier.

"Die Menschen sahen wirklich dieses Unternehmen nicht nur als irgendeinen Arbeitgeber, sondern das war ein Stück weit ihre Heimat. Und dies ist auch sehr wichtig, weil über diesen Weg natürlich die ganzen Regionen in Nordrhein-Westfalen sich mit Thyssen- oder Krupp-Betrieben identifizierten."

Heute sind die Rahmenbedingungen in dem 1999 fusionierten Thyssen-Krupp-Konzern zwar völlig andere, doch wieder bangt die europäische Stahlsparte des Unternehmens um ihre Zukunft. Der geplante Arbeitsplatzabbau dürfte morgen in der Villa Hügel in Essen eines der Gesprächsthemen sein, wenn sich das Who’s Who aus Politik und Wirtschaft trifft, um den Ende Juli verstorbenen Firmenpatriarchen Berthold Beitz zu würdigen. Mehr als 2000 Stellen will Thyssen-Krupp im europäischen Stahlgeschäft streichen. Duisburg wird besonders betroffen sein – und damit auch das ohnehin gebeutelte Ruhrgebiet, wo Thyssen-Krupp bis heute als "Traditionskonzern" gilt – eng mit der Region und ihren Menschen verbunden. Auch Arbeitsminister Guntram Schneider bezeichnet sich selbst als "Thyssen-Gewächs" – er saß jahrelang bei der Unternehmenstochter Hoesch im Aufsichtsrat:

"Die Dortmunder haben immer nur gesagt, die Hoeschianer: Was Krupp in Essen, sind wir im Trinken. Das ist etwas platt, aber dahinter stehen auch eben besondere Traditionen."

Doch wie viel von dieser alten Bindung ist heute noch übrig? In Zeiten des Strukturwandels und der Globalisierung? Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er zu neuen Ufern aufbrechen will. Und muss, denn dem Unternehmen geht es schlecht: Milliardenschwere Fehlinvestitionen in Übersee und ungünstige Bedingungen auf dem Weltmarkt sind der Grund, warum Thyssen-Krupp nicht mehr länger nur als Stahlkonzern wahrgenommen werden will. Heinrich Hiesinger:

"Wir produzieren gerne Stahl, aber Stahl wird in Zukunft nur noch 30 Prozent ausmachen. 70 Prozent unserer Geschäfte sind heute Engineering-Kompetenzen im Bereich von Werkstoffen, Mechanik und Mechatronik, und Anlagenbau."

So stellte der Konzernchef schon vor einem knappen Jahr fest. Die massiven Verluste im Stahlgeschäft sind nur das eine. Thyssen-Krupp steckt mitten in der tiefsten Krise seiner über 200-jährigen Geschichte – und fast alle Probleme sind hausgemacht: die überbordenden Schulden, das Missmanagement bei großen Investitionen, die Heuschrecken-Gerüchte in Börsenkreisen, und schließlich diverse Kartellverfahren und Korruptionsvorwürfe. Die Lage des Unternehmens ist derart ernst, dass Thyssen-Krupp seinen Aktionären in diesem Jahr erstmals keine Dividende auszahlte. Die Suche nach den Ursachen für die angespannte Lage des Konzerns gestaltet sich schwierig – sind doch die Probleme über Jahre, teils Jahrzehnte heraufgezogen und gewachsen. Eine Erklärung drängt sich allerdings immer wieder auf: die lange Zeit streng hierarchische Unternehmenskultur bei Thyssen-Krupp. Bis in die jüngste Vergangenheit war das Klima von Arroganz und gleichzeitig von Duckmäusertum geprägt:

"Ich kann mich noch gut an meine ersten Diskussionen in der Strategie erinnern, als ich frisch hier war, und als Finanzvorstand Fragen zur Strategie, Nachfragen stellte und auch Kritik äußerte oder Sachen nachfragte, die ich nicht verstand. Die Leute guckten mich an, als dürfte ich das gar nicht!"

Guido Kerkhoff wirkt immer noch ein wenig schockiert, wenn er sich an seine ersten Tage bei Thyssen-Krupp zurückerinnert. Der 45-Jährige ist oberster Herr der Finanzen des Dax-Konzerns. Doch er will nicht nur die Kasse aufräumen, sondern ausmisten und ein Umdenken herbeiführen. Null Toleranz, so lautet die neue Devise.

"Dies haben wir auch als Vorstand noch deutlich damit unterstrichen, dass wir ein Amnestie-Programm aufgesetzt haben, damit wir den Mitarbeitern, die noch aus der Vergangenheit meinen, vielleicht ist da etwas, und sie wollen es uns mitteilen, einen Anreiz zu geben, wirklich reinen Tisch zu machen."

Ekkehard Schulz, scheidender Thyssen-Krupp-Chef (2011) (picture alliance / dpa)Ekkehard Schulz, ehemaliger Thyssen-Krupp-Chef (2011) (picture alliance / dpa)Zu den dunkelsten Kapiteln der jüngeren Firmengeschichte zählen die diversen Kartellverfahren. Wegen Preisabsprachen für Aufzüge und Rolltreppen, aber auch für Gleise und Weichen – hat Thyssen-Krupp bereits Millionen Euro an Strafzahlungen leisten müssen. Die sogenannten "Schienenfreunde" trafen sich auf Flughäfen und gerne auch mal in Nachtclubs. Mit solchen Auswüchsen soll in Zukunft Schluss sein. Nicht nur der langjährige Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz – genannt der "Eiserne Ekki" – musste gehen, nur ein knappes Jahr nach seinem Wechsel in den Aufsichtsrat, sondern der gesamte Vorstand wurde in den letzten zweieinhalb Jahren ausgetauscht und von sechs auf derzeit nur noch drei Mitglieder geschrumpft. Einer von ihnen ist Guido Kerkhoff. Seit seiner Berufung im April 2011 hat er mehr als eine schlaflose Nacht hinter sich:

"Eine Menge…!"

Kerkhoffs derzeit teuerste Baustelle heißt Steel Americas – eine Konzerntochter mit zwei Werken in Brasilien und den USA, die der Vorstand lieber heute als morgen abstoßen möchte. Das Amerika-Geschäft ist zum Synonym für die gigantischen Fehlinvestitionen der letzten Jahre geworden, denn bisher hat Steel Americas den Essenern nur Verluste beschert – mehr als zwölf Milliarden Euro. Baumängel, Managementfehler und immer wieder technische Pannen sind der Grund, warum sich die Verkaufsbemühungen seit über einem Jahr hinziehen. Im Frühjahr ging dann im brasilianischen Werk auch noch der zweite Hochofen kaputt. Mittlerweile läuft er zwar wieder, doch ein schlimmeres Omen als ein kalter Hochofen in einem Stahlwerk erscheint kaum denkbar. All das drückt gewaltig auf die Bilanz, daraus macht Finanzvorstand Kerkhoff keinen Hehl:

"Deswegen wollen wir uns ja auch von den Werken trennen, weil das Konzept des integrierten Stahlwerks in Brasilien billig Brammen produzieren und in den USA teuer walzen und im teuren US-amerikanischen Markt verkaufen, heute nicht mehr aufgeht."

"Man war besoffen von der Möglichkeit, sage ich mal, in der Welt großes Geld zu verdienen. Und hat dabei die Risiken kleingeredet…"

… so sieht es Günter Back, er ist der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Thyssen-Krupp Steel Europe AG.

"Wir haben auch gegenüber dem Vorstand klar diskutiert, dass wir hier im Management ein Heer der Ja-Sagern hatten. Und hat offensichtlich sich falsch beraten lassen, vielleicht auch aus einer gewissen Überheblichkeit heraus."

Was die Unternehmenskultur betrifft, sind allerdings auch die Arbeitnehmer-Vertreter zwischenzeitlich ins Zwielicht geraten. Denn unangenehm aufgefallen ist Thyssen-Krupp in den letzten Jahren unter anderem wegen mehrerer Luxusreisen, nicht nur für Journalisten, sondern auch für Vorstände und Aufsichtsräte – und als Mitglieder des Aufsichtsgremiums machten auch die Arbeitnehmervertreter die teuren Trips auf Firmenkosten mit. Günter Back bemüht sich um eine diplomatische Antwort:

"Ich eier jetzt ein bisschen rum. Es gibt Begründungen, diese Reisen zu tun, vom Inhalt her. Muss man dann sozusagen noch ein Formel-1-Rennen besuchen? Weiß ich nicht, nein, muss man vielleicht nicht. Aber die Reise an sich war begründet. Weil man ja die Unternehmungen auch mal ein Stück weit kennenlernen will, wo unser Material verarbeitet wird."

Lieber ereifert sich der 59-jährige Betriebsrat über die vage Zukunft der Stahlsparte von Thyssen-Krupp. Back ist auch deswegen so sauer, weil in Duisburg gerade über Arbeitszeitverkürzung, Lohnabstriche und Stellenabbau verhandelt wird, während Steel Americas nur Schulden produziert.

"Man müsste sich nur vorstellen, wenn man diese zwölf Milliarden, die man da investiert hat, wenn man die heute noch hätte, könnte man ganz gelassen auf eine europäische Stahlkrise reagieren."

Es ist eine der großen und durchaus emotionalen Glaubensfragen, die die Manager und Arbeitnehmer-Vertreter im Konzern in diesen Tagen gleichermaßen umtreiben: Wie viel Tradition – also zum Beispiel das Festhalten am Rohstoff-Geschäft – darf und kann sich der Riese aus dem Revier heute noch leisten? Diese Frage interessiert auch die nordrhein-westfälische Landesregierung – schließlich beschäftigt Thyssen-Krupp an Rhein und Ruhr knapp 40.000 Menschen. Rot-Grün in Düsseldorf hat deshalb ein wachsames Auge auf den Patienten in Essen – Arbeitsminister Guntram Schneider ist die Besorgnis durchaus anzuhören:

"Thyssen-Krupp ist kein Wasserhäuschen! Sondern ein riesiger Konzern, der von großer Bedeutung für die Zukunft auch Nordrhein-Westfalens ist."

Genau deshalb wird derzeit intensiv über die Option einer Kapitalerhöhung diskutiert – durch die Ausgabe neuer Aktien. Wie erst gestern bekannt wurde, verlängern die Banken ihre Milliarden-Kredite zwar, und zusätzlich steigt nun ein Finanzinvestor als neuer Großaktionär bei Thyssen-Krupp ein. Aber trotzdem: Wenn es dem Konzern nicht endlich gelingt, einen Ausweg aus der hohen Verschuldung zu präsentieren, könnten die Kreditgeber langfristig ihre Konditionen verschärfen: Zum Beispiel in Form höherer Zinsen – die Schuldenspirale würde sich dann noch schneller drehen. Offiziell will Finanzvorstand Guido Kerkhoff aber bisher weder die Kapitalerhöhung selbst noch den Zeitpunkt bestätigen – darauf angesprochen verfällt er in den klassischen Manager-Jargon…

"Wir haben deutlich gesagt, wir haben noch nicht entschieden. Wir sind aber gegenüber einer Kapitalerhöhung nicht negativ eingestellt, so sie ausgewogen die Interessen aller Stakeholder eines Unternehmens, also sowohl der Aktionäre als auch der Fremdkapitalgeber und Kunden ausgewogen darstellt und reflektiert."

Erwähnt wird in diesem Zusammenhang immer wieder die RAG-Stiftung. Sie soll in Nordrhein-Westfalen eigentlich für die Folgeschäden des Steinkohle-Bergbaus aufkommen, doch die Stiftung ist ein stark politisch geprägtes Gremium. Verlässliche Aussagen, ob und warum ausgerechnet diese Stiftung sich bei Thyssen-Krupp engagieren will, gibt es nicht. Doch die Spekulationen an Rhein und Ruhr gehen weiter. Denn RAG-Stiftungs-Chef Werner Müller, einst Wirtschaftsminister im Bundeskabinett von Gerhard Schröder, gilt als wirtschaftspolitischer Strippenzieher im Revier. Hinzu kommt: Sowohl im Kuratorium der RAG-Stifung als auch der Krupp-Stiftung sitzt qua Amt Hannelore Kraft. Als NRW-Ministerpräsidentin ist vor allem ihr daran gelegen, Thyssen-Krupp wieder auf die Beine zu helfen, da redet sie nicht um den heißen Brei herum:

"Wir haben ein hohes Interesse daran, dass dieser Konzern auch so bestehen bleibt. Ich muss nur auf die Zahl der Arbeitsplätze schauen… Dass Thyssen-Krupp für Nordrhein-Westfalen, aber auch für die Bundesrepublik Deutschland ein wichtiger Konzern ist, darüber sind wir uns einig. Und dass es Sinn macht, diese Arbeitsplätze auch in Deutschland zu erhalten, da haben wir auch schnell Einigkeit."

Überlegt wird derzeit, ob die RAG-Stiftung der wichtigsten Großaktionärin des Unternehmens, nämlich der Essener Krupp-Stiftung, mit einem Darlehen unter die Arme greift. Nur so wäre gesichert, dass die Krupp-Stiftung sich an der geplanten Kapitalerhöhung bei Thyssen-Krupp beteiligen und damit ihre Sperrminorität von 25,3 Prozent erhalten kann. Diese Sperrminorität gilt wiederum als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme. Finanzvorstand Guido Kerkhoff ist dennoch bemüht, die Rolle der Stiftung herunterzuspielen:

"Ich denke, das Richtige für ein Unternehmen ist, das ökonomisch Sinnvolle zu tun – von daher finde ich, dass die Thematik der Sperrminorität wesentlich überhöht diskutiert wird."

Berthold Beitz (dpa / picture alliance / Roland Weihrauch)Berthold Beitz (dpa / picture alliance / Roland Weihrauch)Diese Überhöhung ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Berthold Beitz. Bis zu seinem Tod Ende Juli war der 99-jährige Patriarch in Personalunion Vorstands- und Kuratoriums-Chef der Krupp-Stiftung. Keiner hatte mehr Macht im Konzern als er. Grund dafür ist wiederum die Traditionsgläubigkeit im Unternehmen: Von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1953 nach Essen geholt, galt Berthold Beitz als "der letzte Krupp" im Hause – ein geflügeltes Wort, mit dem er gerne kokettierte:

"Ich bin nicht der letzte Krupp, sondern ich bin der letzte Beitz…"

Seit 1967 stand Berthold Beitz an der Spitze der Krupp-Stiftung. Sie fördert nicht nur Kunst und Kultur im Ruhrgebiet, sondern sie übte eben auch lange Zeit entscheidenden unternehmerischen Einfluss aus. Das dürfte sich ändern, wenn am 1. Oktober jetzt Ursula Gather den Kuratoriums-Vorsitz der Krupp-Stiftung übernimmt, seit 2011 ist sie dort bereits Mitglied. Für gerade einmal drei Jahre wurde Gather gewählt, sieben wären theoretisch möglich gewesen. Ihr Amt als Rektorin der Technischen Universität Dortmund will die 60-Jährige behalten. Interviews lehnt auch sie derzeit ab. Mit Ursula Gathers Berufung endet bei Thyssen-Krupp endgültig jene Ära, in der die Vorstände jede wichtige Entscheidung in der Essener Villa Hügel absegnen lassen mussten. Dort arbeitete und residierte Berthold Beitz in gediegenem Ambiente, zwischen Wandteppichen und Ölbildern. Ein Vorbild sei er gewesen, meint Günter Back, Betriebsratschef von Steel Europe:

"Ich denke, er fehlt deswegen schon, weil er Unternehmer ist in gutem Sinne des Wortes – wir haben keine Unternehmer mehr. Und ich sage mal, uns fehlt auch der Mut, den der Herr Beitz als Unternehmer hatte, in vielfältiger Art und Weise, indem er zum Beispiel genau das getan hat - gegen den Zeitgeist damals - der Stiftung innerhalb des Konzerns einen so großen Platz eingeräumt hat. Er hat ja Aktien dazugekauft, um eben genau nicht diesem Zeitgeist dieses Finanzmarkts zu erliegen und alles verwertbar zu machen für den Finanzmarkt."

Morgen wäre Berthold Beitz 100 Jahre alt geworden. Wirtschaft und Politik gibt sich deshalb ein Stelldichein in der Villa Hügel – um den Verstorbenen mit einer großen Trauerfeier zu würdigen. Einer der Gastredner wird Bundespräsident Joachim Gauck sein. Doch in den zahlreichen Nachrufen Anfang August klangen auch kritische Worte durch: Der Patriarch trage eine Mitverantwortung für den schlechten Zustand des Unternehmens. Beitz habe es versäumt, rechtzeitig eine moderne Führungskultur bei Thyssen-Krupp aufzubauen, mit der manche Fehlentwicklung verhindert worden wäre. Der heutige Vorstand widerspricht dieser Sichtweise vehement. Guido Kerkhoff:

"Also da war auch viel um ihn herum, da, wo die Menschen, glaube ich, in vorauseilendem Gehorsam meinten, dass Themen nicht ansprechbar waren. Er selber hat das viel weniger so gesehen."

Die Trendwende wird Heinrich Hiesinger zugeschrieben: Als erster habe der Vorstandsvorsitzende es gegenüber Beitz gewagt, die Probleme im Konzern offen anzusprechen: Die alarmierende Verschuldung, die Pleite-Stahl-Werke in Übersee. Und ein dringend benötigter Personalwechsel im Management, um aufzuräumen mit Mauscheleien und Misswirtschaft. Ein Name, der vor allem in den Augen der Aktionäre für diese Fehlentwicklungen steht, bleibt allerdings untrennbar mit Berthold Beitz verbunden: Gerhard Cromme. Bis Ende März dieses Jahres war er Aufsichtsrats-Chef bei Thyssen-Krupp.

Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)Gerhard Cromme, Vorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKrupp (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)Und lange galt er als Kronprinz des Patriarchen an der Spitze der Krupp-Stiftung, bis ihm das verpatzte Stahlgeschäft in Nord- und Südamerika in die Quere kam. Vor allem die Aktionäre machten Cromme dafür verantwortlich – und so musste der 70-Jährige sein Amt an den ehemaligen Henkel-Chef Ulrich Lehner übergeben. Bleibt die die neue Führungsspitze unter Heinrich Hiesinger. Laut Zeitungsberichten fliegt der auf einem Bauernhof aufgewachsene Schwabe im Inland schon mal Economy, und die firmeneigenen Jagdgründe hat er auch verkauft. Doch die eigentlichen Aufgaben – eine finanzielle Rosskur und eine verbesserte Unternehmenskultur – stehen erst noch an. Finanzvorstand Guido Kerkhoff zieht ein Resümee voller Zweckoptimismus:

"Eine solche Aufgabe bekommen sie eigentlich nur dann übertragen, wenn auch Dinge schief gelaufen sind. Aber: Wir können es jetzt auch umgestalten, und die Leute gehen mit. Und das motiviert mich. Mit Thyssen-Krupp kann man ein Stück Deutschland erhalten."

Das Fazit von Günter Back, Betriebsratschef der europäischen Stahlsparte, fällt weniger zuversichtlich aus. Angesichts des geplanten Stellenabbaus und der Spekulationen um die Zukunft des alten Kerngeschäfts von Thyssen-Krupp, also dem Stahl, spricht der Arbeitnehmer-Vertreter eine Warnung in Richtung Konzernführung aus.

"Ich erinnere an die Übernahme von Thyssen-Krupp: Da gab es den Slogan: Stahlarbeiter verkauft man nicht. Und ich füge hinzu: Schon gar nicht für blöd. Klare Ansage von uns: Sollten wir feststellen, dass wir irgendwann mal Ziel einer Heuschrecke werden, werden wir uns entsprechend aufstellen. Bei allem Nehmen, was ihr an Kapitalerhöhung macht, wen (ihr) als Geldgeber reinholt, wir werden ganz genau darauf achten, wer das ist, und was die mit uns vorhaben."

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