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StartseiteComputer und Kommunikation"Das sind alles Dinge, die nach außen nicht sichtbar sind"10.09.2011

"Das sind alles Dinge, die nach außen nicht sichtbar sind"

In der Wikipedia-Community herrscht eine ausgeprägte Streitkultur

Unter Wikipedia-Autoren geht es nicht selten ruppig zu. Da wird zum Beispiel darüber gestritten, ob Darth Vader ein eigener Eintrag in der Online-Enzyklopädie gebührt oder nicht. Die "normalen" Nutzer von Wikipedia bekommen von Auseinandersetzungen wie diesen meist nichts mit.

Wissenschaftsjournalist Maximilan Schönherr im Gespräch mit Manfred Kloiber

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Manfred Kloiber: Herr Schönherr, das scheinen ja zwei verschiedene Welten zu sein – das, was der Normalverbraucher über Google als ersten oder zweiten Eintrag findet und dann bei Wikipedia ließt und schätzt und auf der anderen Seite die Welt der Autoren.

Maximilian Schönherr: Das kam gestern Abend ganz wunderbar bei einem Vortrag heraus, der in einer langen Diskussion mündete. Und da ging es zum Beispiel um einen Artikel über eine junge Frau, die sich ihre Lippen selbst gespritzt hatte, um sie zu vergrößern. Soll über so eine Person, die nur deswegen, weil sie durch ein paar Privatsender gereicht wurde, nun ein Artikel in der Wikipedia erscheinen? Und der Kernbegriff hier ist der der Relevanz. Ist also so ein Artikel relevant? Er wurde dann auch mehrfach gelöscht, kam immer wieder in die Wikipedia hinein und verschwand dann wieder. Im Moment ist er auch verschwunden. Gestern Abend war ein nicht großes Behagen da im Raum zu spüren. Und dann ging die Diskussion schnell weiter Richtung Darth Vader. Brauchen wir über Darth Vader einen Wikipedia-Artikel oder nicht? Und über Darth Vader gibt es keinen eigenen Artikel. Und das ist auch wieder eine Relevanz-Geschichte. Natürlich kommt der im Artikel Star Wars vor. Jetzt ist die Frage: Wo zieht hier die Wikipedia die Grenze? Und die Mehrheit gestern Abend sah das also als wirklich großen Diskussionsbedarf. Das sind alles Dinge, die nach außen nicht sichtbar sind. Man stößt dann eben bei diesem Model – das ist kein Model, sondern eine Frau, die fast zum Model wurde dadurch, dass sie sich ihre Lippen gespritzt hat – ... dass man sich mit diesem Thema beschäftigt und dann in der Wikipedia auf nichts stößt, das fanden natürlich die Autoren und Autorinnen auch nicht richtig. Tja, und ich gebe noch ein anderes Beispiel, das fande ich sehr plastisch: Es gibt zahlreiche Artikel über kleine Höhlen in der Fränkischen Schweiz. Die wurden aus der deutschen Wikipedia alle mehrfach rausgelöscht, obwohl sie mit großer Liebe und Hingabe geschrieben wurden. Jetzt haben sie ihren Platz in der englischen Wikipedia, also kleine Höhlen in der Fränkischen Schweiz.

Kloiber: Die unterschiedlichsprachigen Wikipedias, sind das auch verschiedene Welten oder gibt es eben halt eigentlich keinen größeren Unterschied, außer dass es eben halt Übersetzungen sind von A nach B?

Schönherr: In dem Fall könnte man ja jetzt die englischen Artikel über die Höhlen zurückübersetzen. Aber es sind wirklich völlig verschiedene Welten. Die deutsche Wikipedia ist ja nach der englischen die größte. Und die Italiener zum Beispiel haben kürzlich – das war auch heute von einer internationalen Konferenz zu erfahren – die Deutschen für völlig bekloppt gehalten, nur weil sie sich mit dieser Frau, die ihre Lippen vergrößern will, so herumschlagen. In Italien wäre das einfach gar kein Thema. Dieser Artikel würde nicht stattfinden. Andererseits sagten dann andere, dass in Polen die Wikipedianerinnen und Wikipedianer noch strenger seien als die Deutschen. Also da gibt es große Unterschiede.

Kloiber: Bei Wikipedia handelt es sich ja auch um eine technische Plattform, die bereitgestellt wird, damit man eben halt diese ganzen Artikel veröffentlichen kann. Wird denn über die Technik, die Programmierung von Wikipedia überhaupt noch diskutiert, zum Beispiel in Nürnberg?

Schönherr: Ja, auch darüber wird kräftig diskutiert. Ich war heute Mittag zum Beispiel auf einem Vortrag, der handelte nur davon, wie man Ideen und Bugs, also Softwarefehler, in die Wikimedia Foundation, das ist sozusagen die Stiftung, die hinter allem steckt, einpflegen kann. Und da kam in dem Vortrag von dem Informatiker Tobias Klenze heraus, dass diese Wege katastrophal schlecht verlaufen. Eine Sache, die ganz gut funktioniert ... sind Open Street Maps. Die Open Street Maps kann man jetzt in der Wikipedia abrufen und einpflegen. Man kann also, wenn man einen Artikel über die Fränkische Schweiz macht, die Daten der Open Street Maps reintun und man sieht dann auch die Karte. Aber es geht noch nicht – und das war vorhin auch ein kurzes Thema und damit sieht man, wie speziell die Diskussionen hier auch sind – es geht noch nicht, die Open Sea Maps, die Seekarten, die über den Open Street Maps liegen, in die Wikipedia einzubauen.

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