Kommentare und Themen der Woche 28.12.2019

Das Sportjahr 2020Von "Alles wird gut" weit entferntVon Matthias Friebe

Beitrag hören Die olympische und die russische Flagge nebeneinander bei den Winterspielen in Sotschi 2014. (AFP / Andrej Isakovic)"Staatlich orchestriertes Doping, ein Sportbetrug in bis dato unvorstellbarem Ausmaß" - Matthias Friebe kritisiert, dass die Strafen für Russland als Sportnation zu milde ausgefallen seien (AFP / Andrej Isakovic)

Das Olympische Komitee werde sich nicht reformieren und Russland werde trotz Staatsdopings weiter eine große Rolle im Weltsport einnehmen, kommentiert Matthias Friebe. Und die Fußball-EM 2020? Erscheine wie eine Ausgeburt von Funktionärs-Größenwahn.

Jetzt ist sie wieder da, die Zeit der guten Vorsätze und Beteuerungen. "Im nächsten Jahr wird alles gut oder zumindest alles besser." Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren: in der Sportwelt wird das sicher nicht eintreten.

Zwar werden im kommenden Sommer wieder viele Titelseiten und Schlagzeilen durch den Sport bestimmt. Mit der Fußball-Europameisterschaft und den Olympischen Sommerspielen samt Paralympics erwartet uns ein langer Sport-Sommer. Und der ist fern von "Alles gut!".

2020 als Startpunkt einer neuen Epoche?

Wieder einmal hat der Sport eine riesige Chance. Milliarden Menschen auf der ganzen Welt werden dabei sein wollen, wenn das Olympische Feuer im Tokioter Olympiastadion entzündet wird. Noch sind olympische Eröffnungsfeiern die glitzerndste Bühne der Welt, dann, wenn mit größtmöglichem Pathos die Jugend der Welt zusammenkommt, wenn Eide gesprochen, Fahnen geschwenkt und Sonntagsreden gehalten werden. Wie viel davon später übrig bleibt, ist fraglich. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Die mit viel Tamtam gestarteten Friedensversuche in Korea rund um die letzten Winterspiele sind verpufft.

Und jetzt also 2020. Genau das Jahr, das das Internationale Olympische Komitee selbst mit einem Neustart verknüpft hatte, groß angekündigt im wahrsten Sinne des Wortes mit "Alles wird besser". Die oft angezählte Ringe-Organisation wollte das verstanden wissen als "ab jetzt sind wir die Guten in der Sportwelt".

Die sogenannte Agenda 2020, maßgeblich von IOC-Präsident Thomas Bach forciert, sollte den Weg weisen in eine neue Zukunft: eine transparentere, umweltfreundlichere und dem Gigantismus abschwörende Zukunft. Das IOC selbst also hat 2020 zum Startpunkt einer neuen, besseren Epoche ausgerufen, oder man sollte besser sagen: hatte?

Inzwischen heißt das neueste vermeintliche Reformpapier nicht mehr Agenda 2020 und außerdem gelte sie ja eh erst nach den Spielen von Tokio im Sommer, wiederholt man gebetsmühlenartig.

Der reine Anschein von Reformen

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass doch alles einfach so weiter geht wie bisher. Getreu dem alten Motto: "Reformlabel drauf, bunt anmalen, die Leute werden es schon glauben. Aber die richtige Reform kann dann ausbleiben." Und viel deutet nicht darauf hin, dass sich etwas ändert. Von wegen "Alles wird besser!".

Nehmen wir ganz einfach die Sommerspiele in Tokio. Teuer werden sie allemal, die Wochen im Sommer, und heiß auch. Das wusste man schon bei der Vergabe, doch damals war es den Verantwortlichen schlicht egal, jetzt werden händeringend Sport-Wettkämpfe hunderte Kilometer in den Norden verlegt oder nachts ausgetragen. Die einzigen Leidtragenden: die Sportler. Und mehr noch: Das Thema Russland wird vieles überstrahlen und manch einem vorgeblich sauberen Athleten die Glücksmomente nehmen. Neustart oder "Alles wird gut" sieht anders aus.

Vielleicht können Sie es schon nicht mehr hören. Aber Russland wird im Weltsport 2020 weiter eine große Rolle einnehmen. Das in den letzten Jahren aufgedeckte, staatlich orchestrierte Doping, ein Sportbetrug in bis dato unvorstellbarem Ausmaß. Nur zur Erinnerung: Dopingproben wurden während Olympia 2014 durch geheime Löcher in Wänden mit Hilfe des Geheimdienstes ausgetauscht. Und selbst 2019 noch wurden Labordaten manipuliert. Die Strafe, so hart wie nie und doch so mild. Individualstarter zugelassen, Sportwettkämpfe in Russland verboten, außer der Fußball-EM im Sommer. Die findet mit russischer Mannschaft und in St. Petersburg statt.

Man fragt sich: Was muss noch passieren, um ein Land komplett auszuschließen? Ein monatelanges juristisches Tauziehen ist nach den russischen Einsprüchen in jedem Fall angesagt.

Die Entfernungen der Spielorte? Irrsinn!

Ach ja, apropos Fußball-EM. Uns blüht ein interkontinentales Turnier in zwölf Ländern. Das ist so ziemlich der größte Quatsch, den sich Fußball-Funktionäre je ausgedacht haben. Es bedeutet nichts weniger als organisatorische Schwierigkeiten und unnötige Reiserei. Gleich zweimal auf den halben Weg nach Indien muss sich alleine in der Vorrunde die Schweizer Mannschaft machen. Baku, Rom, Baku sind die Spielorte. Zehntausend Kilometer binnen weniger Tage. Irrsinn!

Diese EM ist kein völkerverbindendes, einendes Symbol. Es ist Ausgeburt des Funktionärs-Größenwahns. Der Fernsehzuschauer wird davon zwar kaum etwas merken. Außer, dass auf einer Werbebande in Höhe der Mittellinie der Ort des Spiels angezeigt wird, macht es vor dem Bildschirm kaum einen Unterschied, ob das Spiel in München, Amsterdam oder Bukarest stattfindet.

Und so kann man am Ende des Jahres 2019 relativ leicht versprechen: In einem Jahr, nach dem Super-Sportjahr 2020 werden wir ganz sicher keine Schlagzeilen lesen à la "Alles neu im Weltsport" oder "Korruption, Doping und Skandale waren gestern". Nein, dazu wird es nicht kommen. Von "Alles wird gut" ist der Weltsport weit entfernt.

Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.

Mehr zum Thema

Empfehlungen