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StartseiteGesichter EuropasDie Tugend des Schweigens in Politik und Alltag21.12.2019

Das stille FinnlandDie Tugend des Schweigens in Politik und Alltag

In seinem Gedicht "Finnische Landschaft" schreibt Bertolt Brecht von einem Volk, das in zwei Sprachen schweigt. Die Finnen sind bekannt dafür, nicht zu viele Worte zu verlieren, wenn es nicht sein muss. Im Aufzug würde kaum jemand ein Schwätzchen vom Zaun brechen, einen Fremden auf der Straße zu grüßen, ist ebenso ungewöhnlich.

Von Jenni Roth

Helsinki (imago/Hoch Zwei Stock/Angerer)
Es wird mehr geschwiegen als anderswo in Europa - auch im Straßencafe. (imago/Hoch Zwei Stock/Angerer)
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Von Lappland bis Helsinki Was ist finnisch?

Ist die zentraleuropäische Kommunikationskultur ein Pingpong-Spiel, hantieren die Finnen eher mit einem Medizinball: Jeder abwechselnd, bis zum Ende. Unterbrechen gilt als unhöflich. Der häufigste Satz bei finnisch-ausländischen Telefonaten lautet: "Bist du noch da?" Das Schweigen im Geschäftsleben ist für Fremde schwer auszuhalten.

Aber wie steht es um die Debattenkultur in der Politik: Wie funktioniert die Kommunikation in der Auseinandersetzung? Und warum ist ausgerechnet Finnland Profi im Vermitteln zwischen den ganz Großen? Schließlich ist die Hauptstadt Helsinki schon länger ein beliebter Austragungsort für internationale Gipfel.

Zur Kommunikationskultur der Finnen gehört auch das Verschweigen unangenehmer Themen: So debattieren die Finnen jetzt erstmals darüber, inwiefern sie an Kriegsverbrechen beteiligt waren.

Eine aufmerksame Hörreise in fünf Teilen von Jenni Roth.

Eine Frau geht auf eine rote Holzhütte im Wald bei Kuopio in Finnland zu (Imago/ Westend61) (Imago/ Westend61)Kurzer Small Talk reicht
Kaum Small Talk, kurze und effiziente Verhandlungen, wenige offene Worte in persönlichen Gesprächen: Dieses Klischee haftet den Finnen an - auch weil Regisseur Aki Kaurismäki es in seinen Filmen auf die Spitze treibt. Doch was ist dran am Bild der schweigenden Finnen?

Eine Streichholzschachtel mit der Aufschrift  (picture alliance/ dpa/ Peter Endig) (picture alliance/ dpa/ Peter Endig)Das Verschweigen und die Folgen
Der Finne Pekka Kääriäinen betrieb in Berlin eine Brauerei samt Kneipe. Dann geriet er wegen seines unbekümmerten Umgangs mit der Zusammenarbeit Finnlands mit Nazi-Deutschland in die Schlagzeilen. Die Kritik verstand Kääriäinen nicht. Er hat eine besondere und sehr finnische Haltung dazu.

Peter Vesterbacka (rechts) von der finnischen Computerspiele-Firma Rovio Entertainment ( (picture alliance/ dpa/ Christian Charisius) (picture alliance/ dpa/ Christian Charisius)Business-Talk mit eigenen Regeln
"Sind Sie noch dran?" lautet angeblich der häufigste Satz, wenn ein Ausländer mit einem Finnen telefoniert. "Wenn man nichts zu sagen hat, sagt man halt nichts", erklärt Spieleentwickler Peter Vesterbacka. Im eher schweigsamen Finnland funktioniert eben auch das Geschäftsgebaren anders.

US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin schütteln sich bei einem Treffen in Helsinki die Hände (AFP/ Yuri Kadobnov) (AFP/ Yuri Kadobnov)Wo die Großmächte verhandeln
Effiziente Organisation, zurückhaltende Gastgeber: Finnlands Hauptstadt Helsinki ist beliebt als Bühne für große Auftritte der internationalen Diplomatie. Was im Kalten Krieg als Brücke zwischen Ost und West begann, ist heute noch attraktiv für Großmächte.

Blick ins finnische Parlament in Helsinki während einer Plenarsitzung (Deutschlandradio/ Jenni Roth) (Deutschlandradio/ Jenni Roth)Es wird rauer in Finnland
Die Finnen gelten als schweigsam. Wenn finnische Politiker debattieren, geht es um Inhalte, weniger um Personen und Vorwürfe. Aber auch in Finnland gibt es Hatespeech und öffentliches Anprangern. Die Tradition der Sachlichkeit trifft nun auf neue Formen der Aggressivität.

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