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StartseiteSonntagsspaziergangDas südamerikanische Utopia des 18. Jahrhunderts09.05.2013

Das südamerikanische Utopia des 18. Jahrhunderts

Eine Reise durch 150 Jahre Kulturgeschichte

Von 1609 bis 1767 haben Jesuiten in Südamerika Hunderttausende von Indianern in sogenannten Reduktionen zusammengeführt, um sie vor dem Sklavendasein und dem Tod zu schützen. Rund 30 verfallene Missionsstationen gibt es noch, etliche sind UNESCO-Kulturgut.

Von Detlef Urban

Die Jesuiten-Reduktion San Ignazio (Detlef Urban)
Die Jesuiten-Reduktion San Ignazio (Detlef Urban)
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Meine Reise beginnt beim größten Wasserspektakel der Welt: an den Fällen von Iguazu, mitten im Regenwald am Dreiländereck Brasilien, Argentinien, Paraguay. Große und kleine Fälle, fast 300 sind es. 7000 Kubikmeter Wasser stürzen pro Sekunde in die Tiefe. Ich steige einen Pfad hinab, Gischt im Gesicht, beschnüffelt von Nasenbären, die am Wegesrand eine Symbiose mit den Touristen eingehen. Höhepunkt, besser gesagt Tiefpunkt der Tour, ist ein Steg unter dem Wasserfall. Man steht mittendrin, die Fälle stürzen auf Dich zu.

Hier ist der beste Ausgangspunkt für die Weiterreise zu meinem eigentlichen Ziel, hinüber nach Argentinien und Paraguay, in die versunkene "Republique communiste-chrétienne des Guaranís", wie sie Clovis Lugon mit einem Buchtitel bezeichnete: die christlich-kommunistische Republik der Guaraní-Indianer, eine Utopie, gespeist aus europäischem Humanismus und der indianischen Vision von einem "Land ohne Übel", versunken wie gesagt, doch lebendig in den Gemäuern italienischer Baumeister, barocken Skulpturen und in der Musik europäischer Komponisten, die sie hier mit den Indios einstudierten. 30 verfallene Missionsstationen gibt es noch, etliche sind UNESCO-Kulturgut. Einer, der an ihrer Restaurierung mitgewirkt hat, ist der Nürnberger Jesuit Jo Uebelmesser.

"Die Jesuiten-Reduktionen waren halt einfach ein alternatives Modell zur normalen Kolonialgeschichte. Im Normalfall haben die Kolonisatoren die Indios zusammengefangen, haben sie in Plantagen arbeiten lassen oder in Bergwerken. Da hat man eben versucht, Indianer zu schützen, ihnen Schutzräume anzubieten und sie so vorzubereiten auf einen Kontakt mit den Weißen.

Die Jesuiten-Reduktionen sind, meine ich, heute noch wichtig für uns, weil dort ein Modell von Wirtschaft, von Menschlichkeit gelebt worden ist über 150 Jahre, wonach sich viele heute wieder sehnen, und was vielleicht einmal, vielleicht in ganz veränderter Form, unserer Zeit und unserer Gesellschaft auch dienlich sein kann."

Annäherung an das versunkene Guaraní-Utopia

Als im 17. Jahrhundert die Ideen des Humanisten Thomas Morus, niedergeschrieben in seinem Buch über eine Insel namens 'Utopia', Europa aufwühlten, schwappten sie auch hierher in südamerikanische Gefilde. Sich diesem versunkenen "Guaraní-Utopia" anzunähern, führt über die Fälle von Iguazu. Sie spielen eine Hauptrolle in dem Film "The Mission" mit Robert de Niro und Jeremy Irons, Gewinner der Goldenen Palme.

Nach wahren Begebenheiten erzählt "The Mission" die Geschichte des Jesuitenpaters Gabriel, der Indianer gegen Sklavenhändler verteidigt. Schon die Eingangsszenen des Films sind ganz großes Kino: aufgewiegelt von einem Schamanen fesseln die Indianer einen Pater auf ein Holzkreuz, werfen ihn in den reißenden Fluss, er stürzt die Wasserfälle hinab, in die Garganta del Diablo, den Teufelsschlund – in gurgelndes, schäumendes Gewässer. Da wo ich jetzt stehe. 100 Meter tief. Nicht zu überleben. Ein Märtyrertod. - Manchmal wollten die Indios den Christengott eben doch nicht.

Lange hatten die Jesuiten die Guaraní schützen können gegen portugiesische Sklavenhändler, die 300.000 Indianer töteten oder gefangen nahmen, um sie auf den Märkten von Sao Paulo zu verkaufen zur Zwangsarbeit auf Zuckerrohrplantagen und in Goldminen. In den Reduktionen, zermahlen zwischen den Interessen europäischer Königshäuser, stieß die Utopie der Jesuiten-Patres an ihre Grenzen. Schließlich wurden sie vertrieben von Spaniern und Portugiesen.

Reduktionen als Zeugen der Kolonialgeschichte

Reste des sogenannten Jesuitenstaates finden sich in Argentinien und Brasilien, Uruguay und Paraguay, bis hinauf nach Bolivien. In den Dörfern der Missionsstationen wurden mehr als 100.000 Indios sesshaft gemacht. Für die Kulturgeschichte Lateinamerikas stehen die Reduktionen in einer Reihe mit der Inka-Stadt Machu Picchu in Peru und den Maya-Pyramiden in Guatemala. Doch in Peru und Mittelamerika kann man Reste indigener Staatsgebilde besichtigen, die Jesuiten-Reduktionen hingegen sind Zeugen der Kolonialgeschichte mit allen Konflikten, die Europa nach Südamerika exportierte.

Ich fahre nach Süden, hinüber in die argentinische Grenzstadt Puerto Iguazu. Ein paar Pesos getauscht, ein paar Empanadas für die Reise, ich nehme die Ruta Nacional Doce, die Nationalstrasse 12, quer durch die Provinz Misiones. Nomen est Omen, denke ich, Misiones. Immer parallel zum Rio Paraná. 250 Kilimeter guter Asphaltstraße liegen vor mir bis San Ignacio und Santa Ana, die ersten Reduktionen, mein Tagesziel. Sanfte Hügel, Pinienplantagen, immer wieder Holzeinschlag und Sägewerke. Auch stattliche Araukarien grüßen: Willkommen im Süden Südamerikas, im Land der Gauchos.

Nach einer knappen Stunde erreiche ich Colónia Wanda, 1936 gegründet von einer argentinisch-polnischen Gesellschaft, lese ich, später kamen deutsche und Schweizer Einwanderer. Wanda ist bekannt für seine Edelsteine - und für einen wilden Strauch: Ilex paraguayensis, uns besser bekannt als Matetee. Auch er nimmt eine Hauptrolle auf meiner Reise ein. Denn hier gehen die Leute niemals ohne ihn, lenken ihr Auto lässig mit einer Hand, die andere hält den Matebecher, kein Reiter steigt hoch zu Ross ohne sie: Thermoskannen aus Fernost, rosa, türkis, golden, mit Blumendekor, Glitzersteinchen, Papageien, Ponys, Prinzessin Lillifee. Kitsch as Kitsch can. Ich beschließe deshalb, mich ernährungstechnisch zu akklimatisieren, wähle nach langem Abwägen die bauchige Variante: grüne Plastikkanne, dezent in braunes Leder gehüllt – das verschleimt nicht die Netzhaut wie die vielen Bonbonfarben – aber mit dem Bild eines Gauchos an einer Bauernkate. Dazu gibt es als Trinkgefäß eine Kalebasse – ein ausgehöhlter Flaschenkürbis - nebst Metallröhrchen mit kleinem Sieb, durch das man saugt. Ich gewöhne mich schnell an den Tereré, mit Eiswasser übergossener Mate-Tee. So lieben sie ihn hier. Natur pur aus alten Indio-Zeiten. Den Tee kultivierten die Jesuiten in Plantagen. Sie hielten darauf das Handelsmonopol, verdienten viel Geld und zogen den Neid der Kolonialherren auf sich.

Willkommen in der Heimat von Ché Guevara

Die Kolonien Wanda und El Dorado liegen schon hinter mir. Voraus bei Montecarlo wirbt ein Museum: "Willkommen in der Heimat von Ché Guevara". In dieser Gegend bewirtschafteten seine Eltern eine Mate-Plantage, mit der sie allerdings bald pleite gingen. Melancholisch blickt El Ché, die Ikone, vom Plakat herunter zu mir, erdverbunden, so scheint es, noch nicht mit dem weiten, visionären Blick des Revolutionärs. In der Hand hält er nicht wie später ein Sturmgewehr oder einen Golfschläger, sondern ganz schlicht eine Kalebasse mit Mate. A Salud, compañero. So hätte man ihn gerne, immer etwas verklärt.

In Puerto Ricco geht die Auto-Fähre über den Paraná, eine der wenigen Verbindungen hinüber nach Paraguay. Ich bleibe auf der Ruta Doce, links und rechts Mate-Tee-Sträucher, das Erbe von Indios und Revolutionären.

Nach drei Stunden Fahrt bin ich am Ziel: San Ignazio Mini, eine restaurierte Jesuiten-Reduktion, die beste in Argentinien. Die Reisebusse kommen meistens vormittags und sind schon abgefahren. Nebenan spielen Kinder Fußball. Im sanften Nachmittagslicht werfen die Ruinen lange Schatten. Man betritt einen Platz – 100 mal 400 Meter – um ihn gruppieren sich Gebäude aus dunklem Bruchstein, vermooste Quader und Steinplatten, davor eine Reihe von Säulenstümpfen, Reste überdachter Laubengänge.

Wohngebäude der Indios standen hier, daneben ein Kloster der Patres und ein Haus des Bürgermeisters. Verwitterte Gemäuer heute, ohne Dach. Spektakulär aber wird es am Ende des Platzes: ein Kirchenportal aus rotem Sandstein, mit dem es die milde Nachmittagssonne besonders gut meint. Die Kirchentür existiert nicht mehr, doch der Portikus, eingefasst von Säulen mit Kapitellen und feinen Steingravuren. Darüber Rosenmedaillons und Muschelhälften. Als wären sie hereingeschwebt, oben, links und rechts der Pforte, grüßen Meter hohe Engel, Reliefs mit aufwendig gravierten Kleidern und Flügeln. Daneben die angedeutete Balustrade eines Balkons. Die Kirche war eine wahre Kathedrale, ihr Baumeister ein italienischer Pater Brasanelli. Und sie war eine Trutzburg: Zwei Meter dicke Mauern gegen Überfälle von Sklavenjägern, für die es leichter war, Indianer in den Missions-Siedlungen zu fangen als im Dickicht der Wälder.

In San Ignazio Mini lebten rund 2000 Indianer

Infosäulen geben mehrsprachig Auskunft: San Ignazio Mini wurde gegründet auf brasilianischem Gebiet, doch Sklavenhändler, sogenannte Paulistas, vertrieben die Missionare aus Südbrasilien. Ein Jesuitenpater hätte, so sei in alten Schriften nachzulesen, tausende Indios in Booten und Kanus über den Rio Paraná gebracht. 1696 wurde San Ignazio Mini hier erneut gebaut, im Hoheitsgebiet der Spanier. Die unterstützten die Jesuiten in ihrer Mission und hatten Sklaverei verboten. Trotzdem kauften sie mehr oder weniger offen weiterhin Sklaven von den Portugiesen, was gegen das Gesetz, dafür aber lukrativ war. Auf den Campus von San Ignazio Mini zogen nach und nach 2000 Indianer. Der Eintritt in die Reduktion brachte ihnen Schutz und viele Vorteile. Sie wurden nämlich, aus Sicht der Kolonialherren, von Tieren zu Menschen.

"Das war ja einer der wichtigen Dinge, die man damals immer wieder diskutiert hat: Haben die Indios eine Seele? Und wenn sie keine Seele haben, dann darf man sie behandeln wie die Ochsen, wie die Affen oder wie irgendwelche Tiere des Waldes, man darf sie ausnützen bis sie umfallen – wenn sie aber eine Seele haben, dann sieht die Sache ganz anders aus."

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verordnete der königliche Hof in Madrid, dass Indios, wenn sie denn getauft waren, nicht mehr als Leibeigene eingesetzt werden dürften. "Die Indianer sollen frei sein wie Spanier", schrieb das königliche Gesetz und gab den Jesuiten freie Hand.

"Sie wollten die Leute zu Christus bekehren. Nun haben die Franziskaner schon versucht und die Jesuiten zum Teil, die Indios, die also sehr frei über die Pampas gestreift sind, zu missionieren. Sie sind also zu einigen Stämmen gegangen, haben sie ein bisschen unterrichtet, haben sie getauft, sind dann weiter gezogen, die Stämme sind dann auch weiter gezogen. Man hat sie wieder besuchen wollen, sie waren nicht mehr zu finden."

Sie ließen Missionare Missionare sein. Das aber frustrierte die Jesuiten, weshalb sie beschlossen, die Guaraní anzusiedeln in Siedlungen – sogenannten "Reduktionen", frei übersetzt: Zusammenführungen – um sie dort zu unterrichten. Denn das war jesuitische Spezialität: Schulen gründen, überall auf der Welt. Für einen Platz in der Reduktion mussten die Guaraní jedoch christliches Benehmen lernen.

Täglich religiöse Unterweisungen

Ich betrete eines der verwitterten Steinhäuser, niedrige Eingänge, man muss sich ducken, gebaut wie Reihenhäuser. Das traditionelle Langhaus, in dem ein Indianer-Clan oder eine Dorfgemeinschaft wohnte, mussten sie hier aufgeben. Sie sollten brav in Kleinfamilien leben und der Polygamie und bösen Geistern abschwören. Trotzdem praktizierten die Schamanen im Verborgenen weiter. Fortan sollten die Guaraní auch nicht mehr nackt herum laufen, und sie mussten ihre Rauschmittel vergessen, die sie aus Kräutern des Waldes mixten. Über allem aber stand die Absage an den Kannibalismus.

Tägliche religiöse Unterweisung in der Schule war Pflicht für die Kinder. Ihre utopische, von Gleichheit geprägte Gesellschaft bekam eine theokratische Führung mit den Jesuiten als spirituelle Leiter. "Wir sind nicht Mitglied einer Demokratie, sondern Mitglieder eines Ordens", sagt Pater Gabriel alias Jeremy Irons im Film "The Mission".

Ich durchschreite mehrere Räume. Jede Familie bewirtschaftete eine eigene Parzelle, und sie arbeitete auf Gemeinschaftsfeldern, wo sie Mais und Maniok anbauten, Bohnen, Baumwolle, Zuckerrohr und natürlich Mate. Die Ernte gehörte der Allgemeinheit, Überschüsse wurden unter Aufsicht der Patres verkauft. San Ignazio hatte einen Zugang zu fluvialen Handelswegen, gleich unten fließt der Rio Paraná, wo die Missionare eine Flotte von Booten betrieben. Nach und nach wurden Landwirtschaftsbetriebe, Ziegeleien und Gerbereien errichtet. Ihre Viehherden übertrafen die Bestände der benachbarten spanischen Kolonialgüter an Zahl und Qualität. So war also ihr Gottesstaat, das südamerikanische Utopia des 18. Jahrhunderts.

In ihrer geordneten Bauweise erwecken die Ruinen den Eindruck von einem funktionierenden Gemeinwesen. Ob sie auf dem Hauptplatz zwischen Wohnhäusern, Kloster, Schule und Kirche – heute Rasen, damals gestampfter Lehmboden – ob sie hier Exerzierübungen abhielten? Um sich zu wehren gegen die Überfälle auf ihre Plantagen? Die Jesuiten schulten die Guaraní an Waffen und bauten ein Heer auf, das sogar den Spaniern im Kampf gegen die Portugiesen um koloniale Grenzen zu Diensten war.

Im Zweistromland zwischen Rio Paraná und Rio Uruguay


Ich verlasse San Ignazio, will vor Einbruch der Dunkelheit in Paraguay ankommen, mache aber nach 15 Kilometern noch eine Stippvisite in der nächsten Reduktion. In Santa Ana regiert der Dschungel. Windschiefe Ziegelmauern, viele eingefallen, Fächerpalmen, Kakteen und Elefantenfüße haben Wurzeln geschlagen. Die Grundmauern einer Kirche sind erkennbar, dahinter Reste eines Friedhofs, Betongrabsteine, sicher nicht aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, hier wurden noch vor Jahrzehnten Tote begraben. Steinquader liegen verstreut im zerstörten Kirchenschiff wie Lavabrocken nach einem Vulkanausbruch. Eine erhaltene halbrund gemauerte Treppe führte zum Altar. In den Mauerfugen spielen Eidechsen Verstecken mit mir. Sie lächeln, blinzeln in die Sonne und weg sind sie. An der Eingangsallee erklärt eine Infotafel, dass hier ähnliche Funktionsbauten standen wie in San Ignazio. Die Jesuiten besaßen einen Masterplan für ihre Siedlungen.

Aus der Nähe steigt mir der aus Argentinien vertraute Geruch von Holzkohle in die Nase. Jetzt ein Asado! Ich beschließe meinen Besuch bei Steak und Rotwein, das geht jetzt nicht anders, und nehme danach die Brücke bei Posadas hinüber nach Encarnacíon in Paraguay. Beide Städte sind Handelsstützpunkte, gebaut auf Ruinen von Reduktionen, hier im sogenannten argentinischen Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Rio Paraná und Rio Uruguay.

Am nächsten Morgen mache ich mich früh auf. Es ist die Stunde der Frauen mit ihren bunten Schürzen. Aus großen Körben, abgedeckt mit weißen Leinentüchern, verkaufen sie Chipas an die Autofahrer: Kringel aus Maismehl, Käse, Ei und Anis, ähnlich wie Donuts, oft aber auch als Bällchen – Kölner würden Mutzen sagen - das traditionelle paraguayische Frühstück. Köstlich, lauwarm. Dazu gibt es kalten Tereré.

Eine gute halbe Stunde, und ich stehe erneut vor imposanter Kulisse. Trinidad. Dank der Restauration aus UNESCO-Mitteln ist es die größte und schönste aller 30 Reduktionen.

4000 Indianer wohnten hier in Spitzenzeiten. Auf dem Hauptplatz, größer als ein Fußballfeld, hat man das Gefühl, auf dem Markt einer mittelalterlichen oberitalienischen Kleinstadt zu stehen. Im 360-Grad-Panorama zeigt sich die dichte Bebauung: hintereinander gestaffelte Häuserzeilen, gepflasterte Wege durch Arkadengänge, Indio-Reihenhäuser, von denen die Trennwände noch stehen, ein quadratischer etwa 15 Meter hoher Wehr- und Glocken-Turm. Etliches ist mit Stahlträgern gestützt, manchmal stehen nur noch Fundamente. Ein Lapidarium gibt Aufschluss über die Baukunst, die ein Jesuiten-Architekt aus Mailand hier umsetzte.

Zur frühen Stunde sind wenige Besucher hier, in Ruhe kann ich das Gelände erkunden. Immer wieder neue Durchblicke, ein wahres Foto-Eldorado.

Vom Hauptschiff der Kirche sind drei Seitenmauern erhalten. Das Juwel ist ein umlaufender Fries mit Reliefs von Dutzenden singender und musizierender Engel. Einer spielt Harfe, einer Posaune, andere Violine, Bratsche, sogar ein Orgelpositiv ist besetzt: ein Engel spielt auf dem Manual, ein anderer drückt den Blasebalg. Alles gut erhalten – eine ganze Geschichte. Neben der Religion hatte der Jesuitenstaat ein zweites Fundament: die Musik, weshalb man bald auch von einem Musikstaat sprach.

"Die Indianer haben Musik geliebt. Die Jesuiten haben das sehr bald gemerkt und haben sehr, sehr gute Leute, auch Musiker wie den Zipoli, der ja eine bedeutende Figur in Rom damals gewesen ist, als er in den Orden eingetreten ist, sofort nach Lateinamerika geschickt und haben gesagt: Da drüben brauchen wir einen Musiker, der wirklich gute Musik macht, die wir für die Indianer brauchen.

Sie müssen ein ungeheures Gehör gehabt haben und haben sie wahrscheinlich auch heute noch – es gibt ja diese Geschichte von einem Norbigny, einem französischen Forscher, der 100 Jahre, nachdem der Jesuitenstaat aufgelöst war, dahin gekommen ist und merkte, dass die vierstimmige Messen singen, Barockmessen, und hat gesehen, sie singen das alles vom Blatt, und dann hat er hingeschaut und er sah, dass sie die Blätter falsch herum gehalten haben. Die Blätter waren einfach so etwas wie ein Symbol. Das haben sie alles im Kopf und aus der Erinnerung gehabt."

In Trinidad bauten sie eine Glockengießerei und betrieben eine Orgelwerkstatt. In den Reduktionen gab es über 500 Musikinstrumente, die zwischen den Stationen ausgeliehen wurden, großenteils in Werkstätten von Guaraní gebaut: allein 22 Orgeln, ein Dutzend Spinette, Schalmeien, Klarinetten, Harfen, Violinen, Trompeten und Posaunen. Es gab ein fröhliches Fiedeln in der Pampa. Ins christliche Utopia zog Barockmusik ein. Missionare brachten sie mit aus Europa unter ihnen berühmte Komponisten wie Domenico Zípoli. Hunderte Seiten mit alten Noten haben Musikethnologen in den vergangenen Jahrzehnten wieder entdeckt. Ich treffe Luís Szaran, den Dirigenten des Staatsorchesters von Paraguay. Die Musik der Reduktionen ist sein Lebenselixier, er hat sie mit paraguayischen und europäischen Chören und Orchestern neu eingespielt.

"Die Jesuiten haben die Musik eingeführt, um im Unterricht bestimmte Werte in die indigene Kultur zu bringen. Sie brachten europäisches Barock sozusagen auf eine Wellenlänge mit den Ritualen der Indios. So wurde das Barock, nicht nur in seiner musikalischen Seite, sondern ganz generell zur Ausdrucksform der Jesuiten-Reduktionen. Gleichsam ein transplantiertes Barock in der Originalsprache Latein."

Eine Steinkanzel mit barocken Gravuren finde ich in der Kirchenruine, ein Taufbecken, eine Heiligenfigur im Seitenaltar. Eine Pforte führte zur Sakristei, eingerahmt von Säulen noch heute, doch ohne Tür wie ein Bilderrahmen: ein freier Blick in die weite grüne Landschaft mit einem tiefblauen Himmel. Ein riesiger Schmetterling fliegt vorbei, eine Gruppe lärmender Papageien. Ich lausche der Barockmusik in mir. Ist das hier Utopia? Ein Grabstein führt mich zurück ins irdische Dasein. In fehlerhaftem Latein sagt mir der eingemeißelte Spruch: "Medium tenuebe Beati", "Die Glücklichen halten den Mittelweg". Ob das für einen Jesuitenbruder gedacht war oder für einen aufmüpfigen indianischen Schamanen? Ich weiß es nicht. Hier, im Tempel Gottes und der Musen, plädierten sie für Ausgleich und Harmonie. Lasst das Kriegsbeil ruhen. Nimm den Mittelweg, werde glücklich.

Das jedoch gelang nicht. In blutigen Gemetzeln haben Spanier und Portugiesen unter Duldung des Vatikans die Jesuiten schließlich aus ihrem südamerikanischen Utopia vertrieben. Sie und ihre Schützlinge, die Indianer, konnten den Truppen der Kolonialmächte nicht viel entgegensetzen. Die Jesuiten wurden gezwungen, das Land zu verlassen, die überlebenden Indios zogen sich zurück in die Wälder. Das urchristlich anmutende Experiment von Entwicklungshilfe war gescheitert. Kritiker meinen, Schuld an dem Desaster seien auch die Jesuiten selbst. Denn sie waren nicht nur Gotttesdiener, sondern hatten mit ihrer Wirtschaft – mit Hilfe und auch auf Kosten der Indios – den Kolonialmächten zu viel Konkurrenz gemacht.

Verfallene Missionen im Dschungel

1767 musste der Jesuitenorden Südamerika verlassen. Die Missionsstationen verfielen, der Dschungel holte sie sich zurück. Erst Mitte des vergangen Jahrhunderts interessierte man sich allmählich wieder in Brasilien, Argentinien und Paraguay für die stummen Zeugen aus 150 Jahren südamerikanischer Kulturgeschichte.

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