Montag, 10.12.2018
 
Seit 01:10 Uhr Interview der Woche
StartseiteHintergrundDas Trauma von Mogadischu16.10.2007

Das Trauma von Mogadischu

Leben nach der Landshut-Entführung

Am 5. September 1977 entführte das RAF-"Kommando Siegfried Hausner" den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, um inhaftierte Mitglieder der Rote Armee Fraktion aus dem Gefängnis freizupressen. Um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen kidnappten vier palästinensische Terroristen am 13. Oktober 1977 das Lufthansa-Passagierflugzeug Landshut. 91 Menschen an Bord der Maschine werden zu Geiseln.

Von Anne Ameri-Siemens

  In der offenen Kabinentuer der entführten Lufthansamaschine Landshut sitzt der Pilot, Jürgen Schumann, am Samstag, 15.10.1977 auf dem Flughafen von Dubai, Vereinigte Arabische Emirate. (AP Archiv)
In der offenen Kabinentuer der entführten Lufthansamaschine Landshut sitzt der Pilot, Jürgen Schumann, am Samstag, 15.10.1977 auf dem Flughafen von Dubai, Vereinigte Arabische Emirate. (AP Archiv)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Mallorca-Heimkehr wurde zum Horrortrip

"Hier ist der Deutschlandfunk mit einer wichtigen Nachricht. Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten Geiseln sind alle glücklich befreit worden.
(ZDF) Um 13.57 Uhr war die Boeing 707 der Lufthansa in Frankfurt eingetroffen. Mit Bussen wurden die 80 Befreiten zunächst in eine Kantine zu ihren Angehörigen gebracht. Als Letzter kam Co-Pilot Jürgen Vietor, der zum Schluss die entführte Maschine geflogen hatte."

Jürgen Vietor
"Wir bekamen für jeden Tag der Entführung eine Woche Sonderurlaub, wobei ich die meiste Zeit bei Lufthansa und beim BKA usw. verbracht habe, ja und dann habe ich gesagt, mal sehen wie es ist. Bin zu meinem Flottenchef wieder hin und habe mit ihm abgesprochen, mal sehen, springe ich wieder raus aus dem Flugzeug, wenn ich es sehe, oder geht es. Und dann wurde ich einem Trainingskapitän zugeteilt, das sind besonders befähigte oder ausgebildete Kapitäne, die junge Co-Piloten ausbilden, und dann wurde ein Fünf-Tages-Umlauf eingeplant, und bin mit dem die fünf Tage geflogen, und das war alles in Ordnung, und dann bin ich ganz normal wieder geflogen, als Co-Pilot auf der 737."

ZDF (1977):
"Die 23-jährige Stewardess Gabi Dillmann, die seit 1974 mit der Lufthansa fliegt, ist bei der Befreiungsaktion in Mogadischu verletzt worden. Sie wurde vom Frankfurter Flughafen in ein Krankenhaus gebracht."

Gabriele von Lutzau
"Eine traumatische Erfahrung, die wirklich sich tief eingebrannt hat, hinterlässt Narben auf der Seele, und dann kommt es immer darauf an, was man damit macht. Ich setze es in kreatives Potential um. Andere Menschen machen lange Therapien oder schaffen es nicht. Es gibt auch Menschen, die daran zerbrechen. Ich bin teilweise daran gewachsen."

1977 (Lufthansa-Vorstandsvorsitzender Werner Utter)
"Sie alle, die Sie nun aus der Hölle der vergangenen 100 Stunden unversehrt hierher zurückkehren konnten, sind nach der Zermürbung und der Ohnmacht der vergangenen Tage erfüllt von Glück und Dankbarkeit."

Gabriele von Lutzau
"Das Schlimmste daran, ein Opfer zu sein, ist die Hilflosigkeit, nichts tun können. Da ging es mir eigentlich noch relativ gut, weil die Passagiere waren viel schlimmer dran, ich konnte wenigstens noch rumlaufen und etwas tun. Ich bin ein sehr energievoller Mensch. Wenn ich jetzt nur hätte sitzen müssen, das wäre für mich noch schlimmer gewesen.

Das Schlimmste ist wirklich - ich habe da immer so ein Bild vor Augen - ich war vor Jahren mal auf der "Art". Und auf der "Art" gibt's ja manchmal Sachen, die sieht man, man würde sie niemals kaufen wollen, aber man nimmt sie so mit. Und da wurde ein Schaf geschlachtet, und es war diese rituelle Schlachtung, wo einem Schaf die Kehle durchgeschnitten wird, bei lebendigem Leib. Und man sah, wie das Schaf sich wehrte, wie es da in so eine Wanne geschleppt wurde, und dann bekam das Schaf die Kehle durchgeschnitten. Und dieser Blick in den Augen dieses Schafes, während fast das Auge brach. Man sah das Blut spitzen und das Messer noch durchziehen. Das ist das Gefühl, was man eigentlich hat. Diese völlige Hilflosigkeit. Es ist das Schaf vor dem Messer. Man ist ein Schlachttier, und das ist ein fast unerträglicher Zustand."

Am 5. September 1977 entführte das RAF-"Kommando Siegfried Hausner" den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, um inhaftierte Mitglieder der Rote Armee Fraktion aus dem Gefängnis freizupressen. Der Krisenstab unter Helmut Schmidt spielte den Entführern gegenüber auf Zeit. Die Linie des Krisenstabs sah vor: die Geisel Hanns Martin Schleyer lebend zu befreien, die Entführer zu ergreifen und die Handlungsfähigkeit des Staates und das Vertrauen in ihn nicht zugefährden; das bedeutete auch: die Gefangenen, deren Freilassung erpresst werden sollte, nicht freizugeben. Um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen und die Ziele der RAF zu unterstützen, kidnappten vier palästinensische Terroristen am 13. Oktober 1977 das Lufthansa-Passagierflugzeug "Landshut". 91 Menschen an Bord der Maschine werden zu Geiseln. Gabriele von Lutzau - damals trug sie noch ihren Mädchennamen Dillmann - war Stewardess in der "Landshut" und 23 Jahre alt.

Gabriele von Lutzau
"Es gibt viele schlimme Momente, es gibt den schlimmsten - das war, als wir mit Alkohol übergossen wurden, und als wir praktisch verbrennen sollten, bevor wir in die Luft gesprengt wurden. Das ist genau dieses Schaf vorm Schlachtpunkt. Man wird gefesselt ( ... ) man wird vorbereitet auf den Tod, und dann wartet man darauf."

Jürgen Vietor
"Mit Damenstrumpfhosen wurden wir gefesselt, in die Sitze gestoßen, angeschnallt und mit Duty-Free-Schnaps übergossen, damit wir besser brennen, dann wurde Plastik-Sprengstoff vorne an die Trennwand First-Class / Economy angebracht mit Zündern, weil der Mahmut sagte, wenn da nicht ausgetauscht wird, geht das Flugzeug in die Luft. "

Jürgen Vietor, 1942 geboren, Co-Pilot der "Landshut". Bevor er 1974 zur Lufthansa wechselte, war er Bundeswehrpilot gewesen.

Jürgen Vietor
"Diese Entführung hat ja mein Leben nicht so total verändert, aber diese fünf Tage, da habe ich alles abgedient, was ein Mensch erfahren kann an bösen Dingen und Leid. Ich bin tausend mal gestorben."

Nach fünf Tagen werden die Geiseln in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 aus der "Landshut" befreit. Um null Uhr stürmt das Spezialkommando GSG9 des Bundesgrenzschutzes auf dem Flugplatz des somalischen Mogadischu die Maschine. Drei der vier Terroristen werden dabei getötet - darunter ihr Anführer, der sich Martyr Mahmud nannte. Er hatte während der Odyssee der Landshut beim Zwischenstopp der Maschine in Aden den Flugkapitän Jürgen Schumann erschossen.

Gabriele von Lutzau
"Heute fliege ich nicht besonders gerne. Früher war jeder Flug ein irres Abenteuer, Begeisterung, ich habe es geliebt. Heute fliege ich, weil ich fliegen muss - nicht wirklich gerne. "

Gabriele von Lutzau gibt nach Mogadischu ihren Beruf als Stewardess auf. Sie wird Bildhauerin, bringt einen Sohn und eine Tochter zur Welt. Die Erfahrungen der "Landshut"-Entführung fließen in ihre Kunst ein.

Gabriele von Lutzau
"Jedes meiner Werke hat mit mir zu tun. Diese Flügel, Freiheit, Fliegen, auf und davon, Verwundungen leicht zu machen, Lebenszeichen, Überlebende, trotzdem da sein, obwohl man überflüssig war, obwohl man eigentlich auf den Müll geworfen wurde. Wächter, Herzen mit Verletzungen, das hat alles mit mir zu tun. Ich setze dem Schrecken in mir positive Energien entgegen. Ich schaffe mir Schutzsymbole. Dieses Nichtaufgeben und trotzdem dastehen und trotzdem stark sein - sich eben nicht unterkriegen lassen."

Im Lebenslauf auf der Internetseite der Künstlerin Gabriele von Lutzau findet sich kein Hinweis auf die Ereignisse des Herbstes 1977. Damals wurde sie wegen ihres selbstlosen Einsatzes für die Passagiere von der Boulevardpresse als "Engel von Mogadischu" tituliert, Kanzler Helmut Schmidt ehrte sie mit dem Bundesverdienstkreuz.

Gabriele von Lutzau
"In regelmäßigen Abständen, manchmal auch in unregelmäßigen - da passiert irgendetwas und es ist alles wieder da. Aber durch diese lange Zeit kann ich damit umgehen, ich habe gelernt in 30 Jahren, mit diesem Wiederaufwallen umzugehen. Es kann bis zu einer Panikattacke gehen, es kann passieren, dass mir ein dunkelhaariger Mann mit wilden Blick schnell entgegen kommt und mein Herz fängt an zu schlagen wie verrückt. Es kann passieren, dass ich einen Film sehe, abends, wo jemand mit der Pistole bedroht wird und ich muss umschalten. Manchmal kann ich es aushalten. Das hängt von der Tagesform ab, und es kann passieren, dass ich nachts aufwache und irgendetwas geträumt und bin relativ neben der Spur, das kann auch passieren. Jeder muss einen Preis für Dinge zahlen, die im Leben passieren. Das ist halt meiner. "

1997, zum 20. Jahrestag des "Deutschen Herbstes", produziert Heinrich Breloer sein vielbeachtetes Doku-Drama "Todesspiel".
Für Gabriele von Lutzau werden die Dreharbeiten zu einem Stück Vergangenheitsbewältigung:

Gabriele von Lutzau
"Die beste Therapie war für mich wirklich Heinrich Breloer's Film, denn da habe ich das erste Mal das Ganze praktisch wieder nacherlebt, aber als dritte Person. Es war morgens früh um fünf, wir stehen an diesem wirklich wundervollen Catering-Wagen, und auf einmal kommt Byroll, der Schauspieler, der den Machmut gespielt hat, von hinten und tippt mir mit der Pistole auf die Schulter und guckt mich so an und sagt: "Guten Morgen Gaby" und ich drehe mich um, strahlend, und da steht er wirklich vollständig in Maske mit der Knarre in der Hand. Und ich habe hhhhh gemacht, und dann sah ich aber, er war es und da machte es haaaaa, und der arme Kerl, den hat es richtig gebeutelt, "oh, es tut mir leid, es tut leid, es tut mir so furchtbar leid", hat er gesagt. Aber für mich - ich habe das dann weggelacht. Also der Schreck und dann: ist ja ganz harmlos. Das Schreckensbild im Kopf wurde durch gezielte Harmlosigkeit - auch dass er sich entschuldigte, dass er mich überhaupt gestört hatte, das wurde überlagert, und das ist bei ganz vielen Sachen passiert, während dieses Filmes. Das eine für mich sehr bedrohliche Situation durch eine Spielszene in meinem Kopf fast schon wie mit einem Weichzeichner überdeckt wurde, hat mir sehr gut getan. "

Im Gegensatz zu Gabriele von Lutzau, die nach der Entführung den Beruf wechselt, entscheidet sich Landshut-Co-Pilot Jürgen Vietor, weiter zu fliegen.

Jürgen Vietor
"Ich bin so der große Verdränger vor dem Herrn, ich habe also - ich will nicht sagen an meiner Karriere gearbeitet, aber ich war ja erst junger Co-Pilot, außerdem habe ich ein Haus gebaut, dann kamen die Kinder, das hat mich alles abgelenkt, ich habe das also alles verdrängt. Ich habe da gar nicht groß drüber nachgedacht. Das gleich Weiterfliegen, das rührt aus Erfahrungen her von meinen Kollegen, die bei der Bundeswehr waren, also ich war ja auch bei der Bundeswehr, aber die Starfighter flogen, und da fielen ja sehr viele vom Himmel. Ich hab gerade heute wieder im Flugzeug mal die Zahlen gelesen, also ein Drittel ist runtergefallen, und 109 tote Starfighter-Piloten gab es. Und da wurde verschärft weiter geflogen, wenn einer runtergefallen war, da hieß es nicht, oh, wir machen jetzt erst mal eine Woche Trauer, sondern dann wurde verschärft geflogen, und so habe ich auch reagiert, indem ich sagte, ich mache mein Leben so weiter wie vorher. "

Doch anfangs holen Jürgen Vietor die Erinnerungen an die "Landshut"-Entführung manchmal noch ein.

Vietor
"Zum Beispiel, wenn es sehr laut wurde in der Kabine, dass die Stewardessen mit irgendeinen Trolly, das sind die Wagen, wo die Getränke oder die Essen drauf sind, irgendwo gegen fuhren, es gab ein lautes Getöse. Da habe ich mich schon erschreckt, weil das wieder so ähnlich war, wie der Beginn der Entführung auf dem Flug von Palma nach Frankfurt und einmal, da habe ich mich sehr geärgert, der Kollege hat sich dann entschuldigt, er kam dann rein, Steward, und klopfte mir auf die Schulter und hat hier so gemacht psch...t möchtest du ein Kaffee, also da wäre ich fast ausgeflippt, das gebe ich zu. Aber das war es dann auch schon. "

Seit dem Jahr 2005 ist Jürgen Vietor in Rente. 25 Jahre lang war er Pilot auf dem Flugzeugtyp der "Landshut" - einer Boeing 737. Vielleicht, sagt Jürgen Vietor, sei dies sogar die am längsten anhaltende Folge der "Landshut"-Entführung gewesen. Denn im Leben eines Piloten gehört es eigentlich dazu, irgendwann auf eine größere Maschine zu wechseln.

Jürgen Vietor
"Ob da die Entführung eine Rolle gespielt hat, mag sein. Ich habe da noch mal drüber nachgegrübelt, warum ich da gar nicht gewechselt habe. Einmal bin ich ein bequemer Mensch, ich kannte mich auf der 737 so gut aus, also sehr gut aus. Und auf einem anderen Muster muss man wieder umschulen, man muss wieder Tests machen und so weiter."

1996 begegnen Jürgen Vietor und Gabriele von Lutzau der Terroristin wieder, die als einzige aus dem Entführer-Kommando den Sturm der "Landshut" schwer verletzt überlebt hatte. Souhaila Andrawes war 1978 in Somalia zu 20 Jahren Haft verurteilt, doch schon nach zwei Jahren begnadigt und abgeschoben worden. 1994 in Oslo erneut festgenommen, wurde sie an Deutschland ausgeliefert und 1996 zu zwölf Jahren Haft verurteilt, die sie ab 1997 in ihrer neuen Heimat Norwegen verbüßen konnte. Aufgrund der Spätfolgen ihrer bei der Erstürmung der Lufthansa-Maschine erlittenen Schussverletzungen wurde sie 1999 von der norwegischen Regierung vorzeitig aus der Haft entlassen. Seitdem lebt sie mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter wieder in Oslo. Im deutschen Prozess gegen Souhaila Andrawes traten 1996 Gabriele von Lutzau und Jürgen Vietor als Zeugen auf.

Jürgen Vietor
"Da habe ich gedacht, was wird passieren, wenn du die im Gerichtssaal wieder siehst, und dann bin ich ein Tag vor meiner Zeugenaussage in den Zuschauersaal gegangen, um mich zu testen, (...) also es war normal. Ich habe keine Hassgefühle oder Rachegefühle, ich habe die da gesehen, habe zugehört, was sie da so sagte, bis jemand drauf aufmerksam wurde, und sagte, sie dürfen doch als Zeuge gar nicht im Gerichtssaal sein und mich da rausgeführt. Man darf ja als Zeuge nicht vorher am Gerichtstermin teilnehmen. Wusste ich ja nicht. Dann bin ich am nächsten Tag in die Verhandlung gegangen und habe da an den folgenden zwei Tagen das wiedergegeben, was ich da notiert hatte bzw. was ich vom Richter, Staatsanwalt und Verteidiger gefragt wurde."

Gabriele von Lutzau
"Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, das zu beschreiben nicht so einfach ist. Es ist ein Mittelding zwischen Panikattacke und Atemnot, so - als würde etwas schwer auf einem lasten. Es ist eine Belastung gewesen, das man kaum Luft holen kann, und trotzdem habe ich das bewusst gemacht. Es war meine Staatsbürgerpflicht, und es war gerecht."

Jürgen Vietor
"Sie war einer der Terroristen, die mich entführt haben, die anderen Leuten schlimmes Leid zugefügt haben, aber es war nicht so, dass ich der am liebsten an die Kehle gesprungen wäre. Nein, nein, im Gegenteil, ich habe ja durch meine Aussagen letztlich auch dazu beigetragen, dass sie doch einigermaßen glimpflich davon kam. Ich hasse die Frau nicht, die leidet, die ist ja viel schlimmer weggekommen als die anderen. Die sind erschossen worden, und das war es, und sie humpelt, so lange sie leben wird, mit ihrer Schussverletzung wird sie humpeln, bei jedem Schritt den sie macht, wird sie dran denken, was sie mal getan hat. Die ist mehr gestraft als die anderen drei. "

Gabriele von Lutzau
"Für mich war es nicht wichtig, diese Person nochmal zu sehen. Ich hätte sie liebendgerne nie wiedergesehen. Wenn ich auf jemanden wirklich wütend bin, sehe ich diese Menschen nicht mehr. Ich blick gerade an ihnen vorbei. Die existieren nicht mehr in meinem Universum, und ich möchte, dass sie nie wieder meinem Weg kreuzen. Ich will sie nicht töten, ich will nicht, dass sie für den Rest ihres Lebens irgendwo verrotten in einem afrikanischen Gefängnis. Das will ich alles nicht. Ich möchte, dass der Staat seine Aufgabe übernimmt und diese Menschen verurteilt, und ich möchte, dass sie nie wieder meine Wege kreuzen. Ich habe mich nicht danach gesehnt, aber es war meine Staatsbürgerpflicht, und das würde ich jederzeit wieder tun, dafür zu sorgen, dass jemand, der wirklich schweres Unrecht getan hat, auch verurteilt wird. Das hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Ich habe einen starken Gerechtigkeitssinn. Und diese zwei Jahre in einem norwegischen Gefängnis mit Freigang hat mich nicht wirklich überzeugt. 15 Jahre hätte ich sehr gut gefunden."

Frage:
"Und wie war das, sie unmittelbar vor Gericht wiederzusehen?"

"''Ich habe Frau Andrawes nicht gesehen.''"

Frage: "Das heißt, sie haben an ihr vorbeigeschaut?"

"Richtig, ich blicke diese Person nie wieder an. Der Anwalt von Frau Andrawes hat mich allen Ernstes gefragt, als ich Frau Andrawes vorgespielt habe, ihre Freundin zu sein, sie also mutwillig getäuscht habe über mich, ob ich da nicht aus meinem Herzen eine Mördergrube gemacht habe, Wörtlich. Das war dann der Moment, wo ich so ein bisschen die Kontrolle verloren habe und wirklich mit der flachen Hand auf den Tisch gehauen habe und habe gesagt, wenn Sie mir hier vorwerfen, dass ich nett zu einer Terroristin war, um Menschenleben zu retten, nehme ich diesen Vorwurf gerne und verwahre ihn in der Mördergrube meines Herzens. Also während ich auf den Tisch gehauen habe, habe ich gesagt "Mördergrube" - womm... Sie bezeichnen mein Herz als eine Mördergrube. Da gab es Tumult, die Hafenstraße johlte hinter mir. Es war alles nicht so einfach, und Jürgen Vietor saß wie eine Eins da, ich wusste der ist da, der passt auf mich auf. Es hat mir sehr viel Kraft gegeben, das durchzustehen. "

Zu Beginn des Jahres 2007 rücken die RAF und ihre Taten von Neuem in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Auslöser ist das Gnadengesuch Christian Klars an Bundespräsident Horst Köhler. Klar war 1985 vom Oberlandesgericht Stuttgart unter anderem wegen gemeinschaftlichen Mordes an Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer zu sechsmal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die aus dem inzwischen abgelehnten Gnadengesuch erwachsende Diskussion weckte bei den Angehörigen der von der RAF Ermordeten wie bei den Überlebenden des Terrors Erinnerungen - und ließ in der öffentlichen Debatte erneut die Frage aufkommen: Waren die RAF-Mitglieder politische Täter? Eine Frage, die für Gabriele von Lutzau und Jürgen Vietor längst beantwortet ist:

Gabriele von Lutzau
"Ich glaube, es sind Narzissten gewesen, absolute Narzissten, sie wollten ihren Willen durchsetzen und das mit Gewalt. Wen wollten sie denn befreien? Den Arbeiter, der gesagt hat: stellt die Typen an die Wand, ich will einen Videorecorder? Wen wollten sie befreien? Man kann doch nicht die Leute gegen ihren Willen befreien. Das habe die nur nicht kapiert. Völlig weltfremd."

Jürgen Vietor
"Sie bezeichnen sich als politische Täter, aber ich glaube, es waren ganz gewöhnliche Kriminelle, mit dem Deckmäntelchen, wir wollen die Welt verändern, aber wer die Welt verändert dadurch, dass er andere ermordet, ist für mich ein Krimineller, ein ganz normaler Krimineller. "

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk