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Startseite@mediasresEntscheidend ist auch, was Medien draus machen30.08.2021

Das TV-Triell und seine EffekteEntscheidend ist auch, was Medien draus machen

Wer das erste TV-Triell für sich entschieden hat, bewerten Medien zum Teil sehr unterschiedlich. Grundlage sind neben dem eigenen Eindruck auch erste Umfrageergebnisse. Fest steht: Das Format hat einen Effekt auf bestimmte Wahlentscheidungen. Und wichtig ist hierbei auch, wie im Anschluss berichtet wird.

Von Michael Borgers

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Auf einem Fernseher in einem Wohnzimmer ist "Das Triell" im Fernsehprogramm RTL zu sehen (picture alliance/dpa | Henning Kaiser)
Im ersten "TV-Triell" trafen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz bei RTL und ntv aufeinander (picture alliance/dpa | Henning Kaiser)
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Seit 2002 gehört auch in Deutschland das direkte Aufeinandertreffen der Kanzler-Kandidaten und -Kandidatinnen im Fernsehen dazu. Bei der Premiere trat damals Edmund Stoiber (CSU) gegen Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) an. 19 Jahre später stellen die Grünen erstmals eine eigene Anwärterin auf das höchste politische Amt, aus dem "TV-Duell" ist ein "Triell" geworden. Entsprechend groß war und ist die mediale Aufmerksamkeit für die Fragen an und Antworten von Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz auf RTL und ntv.

Mehr als elf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer schalteten dann auch ein und sahen gut 110 Minuten, in denen sich die drei zu verschiedenen Themen äußern konnten, vom Gendern über Afghanistan bis hin zur Klimapolitik. Die Bilanz? Gemischt. "Klarer Sieg für Scholz im TV" titelt die "Bild"-Zeitung in ihrer Printausgabe, "Armin Laschet landet einen Überraschungssieg", findet dagegen die NZZ, und "Laschet und Baerbock sind zurück", heißt es bei der "Zeit".

Orientierung für Unentschlossene

Hintergrund dieser ausgwählten Überschriften sind eigene Einschätzungen und Bewertungen, aber auch Ergebnisse einer ersten Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv. Auf die Frage "Wer hat das Triell gewonnen" antworteten 36 Prozent für Olaf Scholz, 30 Prozent für Annalena Baerbock und 25 Prozent für Armin Laschet. In der online erfolgten "Bitzumfrage" wurden außerdem nach Kategorien wie Sympathie, Kompetenz, Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit gefragt.

  (dpa/ Kay Nietfeld) (dpa/ Kay Nietfeld)Wer gut fragt, wird weise
Zwei scharf formulierte Fragen – ganz unterschiedliche Reaktionen: Während Marietta Slomka für ihr Nachhaken bei Außenminister Maas Applaus bekommt, erntet Tina Hassel für ihr Interview mit Grünen-Chefin Baerbock Spott. Arno Orzessek darüber, was Fragen über die Fragenden verraten.

Die Ergebnisse dieser aktuellen Umfrage zeigten Unterschiede zwischen den Kandidaten, doch sei keine und keiner "in die Knie gegangen", sagte der Berliner Wahlforscher Thorsten Faas im Deutschlandfunk.

Auf Twitter hatte Faas bereits geschrieben, von Medien wünsche er sich mehr Zurückhaltung bei der Bewertung der TV-Duelle bzw. -Trielle. Im Nachhinein die Sendungen als "langweilig" oder "nutzlos" schlecht zu machen, stimme nicht, denn solche Formate lieferten Orientierung gerade für politikferne Gruppen.


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Im Deutschlandfunk fügte Faas nun hinzu, es gehe vor allem darum, Menschen zu erreichen, die sich "Hilfestellungen" von solchen "niederschwelligen Angeboten" erwarten würden. Das "Charmante" an diesen Formaten sei, dass sie "kompakt, relativ einfach und leicht verdaulich" seien. 

Keine Effekte bei Stammwählern

So kurz vor Schluss des Wahlkampfs schauten viele unentschlossene Wechselwählerinnen und -wähler genau hin, betonte gegenüber dem Deutschlandfunk auch Frank Brettschneider, der wie Faas zur Wirkung von TV-Duellen geforscht hat.

Parteipolitisch bereits Festgelegte dagegen sähen die Sendung "durch die Brille ihrer eigenen Überzeugungen", so der Kommunikationswissenschaftler. "Und da wird immer der eigene Kandidat als der bessere wahrgenommen werden."

Bei Menschen, die ihre Meinung nach der Sendung änderten, sei dieser Effekt meist "relativ kurzfristig". Eine erste Bewertung würde sich schon nach wenigen Tagen wieder zurück zur ursprünglichen Sicht verändern. Das hänge aber auch davon ab, wie im Anschluss über das Duell/Triell berichtet würde. "So erfährt es ja auch eine Reichweite, die über die Zuschauerschaft am Abend selbst hinausgeht."

Bei wenigen ändert sich die eigene Wahrnehmung

Die Nachberichterstattung sei besonders wichtig für die Menschen, die das Duell/Triell nicht gesehen haben, ergänzt Thosten Faas. Bei denjenigen, die die Sendung selbst gesehen haben, müsse schon "Widersprüchliches" kommen, um die eigenen Eindrücke wieder zu korrigieren.   

Faas' Untersuchungen zwischen 2002 und 2017 haben diesen Effekt bei einem Viertel der Befragten gezeigt. Änderungen in der eigenen Wahrnehmung, wer eigentlich gewonnen habe, sind dem Politikwissenschaftler zufolge vor allem bei jenen zu beobachten, "die aus ihrem Umfeld Signale bekommen haben, die der eigenen ursprünglichen Wahrnehmung widersprechen".

Die Frage nach der Gewinnerin oder dem Gewinner sei grundsätzlich eine "Quintessenz, auf die dann vieles herausläuft", so Faas. "Es ist schon sehr, sehr wichtig, weil es den hohen Stellenwert in der Debatte hat." 

Und wer hat nun dieses Mal "gewonnen"? Der ehemalige "Spiegel" und jetzige t-online-Chefredakteur Florian Harms verzichtet in seinem Kommentar auf einen Namen. "Auch jetzt dürften immer noch viele Bürger rätseln, wem sie ihre Stimme geben sollen", glaubt der Politikjournalist. Eine Siegerin habe das erste TV-Triell trotzdem hervorgebracht: Gewonnen habe die demokratische Kultur, findet Harms.  


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