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StartseiteSprechstunde"Dass man sich als Mensch fühlen darf"10.02.2009

"Dass man sich als Mensch fühlen darf"

Palliativmedizin: Ein Angehöriger berichtet

Hoffnung auf Heilung besteht eigentlich nicht mehr. Ein Angehöriger berichtet, wie seine Frau und die ganze Familie unterstützt werden.

Von Martin Winkelheide

Angehöriger:

"Mein Frau liegt hier, ich selber bin 49 Jahre alt und bin das erste Mal überhaupt mit dem Thema konfrontiert: Schwere Krankheit über einen langen Zeitraum. Jetzt in einem Haus, wo wir sagen: Wir haben eigentlich keine Hoffnung auf Heilung. Das ist einfach ausgeschlossen, es sei denn der liebe Gott spielt mit. Aber von ärztlicher Seite wird einfach das getan, was ich für sehr wesentlich halte: Schmerzfreiheit, wirklich eine Umgebung, die toll ist, wo die Menschen sich aufgehoben fühlen, nicht als "Material" behandelt werden. Also hier geht es nicht darum, den Motor noch mal fertig zu stellen, wie in der Werkstatt, was wir in der Klinik woanders mal erlebt haben. Sondern hier geht es darum, die Zeit zu haben, dass der Mensch, der betroffen ist, und auch die Angehörigen würdevoll und wirklich angenommen hier sein dürfen, sich im Haus frei bewegen, jederzeit Gespräch suchen können, das ist das Tolle in diesem Haus. Das ist eine Atmosphäre, die konnte ich mir nicht vorstellen.

Es ist manchmal sehr schwer. Es ist schwer zu sehen, wie jemand, den Sie lieben, einfach geht. Sie können jeden Tag sehen, wie sie weniger wird, ob das Muskelmasse ist, ob das die Klarheit ist im Kopf. Es gibt Momente, wo sie sehr klar ist. Wo sie sagt: Hey, komm, lass uns nach Hause gehen. Ja, das geht an die Psyche, dann fühlt man sich schwer, weil man immer wieder nach Antworten sucht, wie mach ich ihr klar, dass es nicht geht. Dass wir keine Chance haben im Moment.

Oder ich komm nach Hause und der Zehnjährige fragt mich einfach: Wie geht es der Mama? Das sind so Momente, wo ich mich frage: Was sagst Du ihm jetzt? Was kannst Du ihm zumuten auch? Wenn er hier ist, distanziert er sich, ich denke, das ist für ein Kind normal, und zu Hause fragt er mich schon mal mehr.

Wir suchen ja hier nach einer Möglichkeit, sie schmerzfrei zu kriegen, sie relativ klar zu bekommen, dass sie auch noch wahrnimmt, wenn ein Vogel piepst oder wenn Blumen gebracht werden, und vielleicht die Chance haben, dass sie noch mal nach hause kommt, wo sie durch dieses Haus weiter betreut wird. Also nicht so blind: Ja kommt, ab nach Hause und seht mal zu, wie ihre klar kommt, sondern es wird geguckt: Könnt Ihr das leisten? Und welche Unterstützung kann dieses Haus liefern?

Es ist toll, dass jemand nachts da ist, wenn ich nicht da bin. Wo ich dann morgens höre, ja, eine Schwester hat vier Stunden am Bett gesessen, weil sie unruhig war. Weil Tag und Nacht ist für die meisten hier nicht unterscheidbar. Meine Frau weiß jetzt nicht, ob es 4 Uhr morgens ist oder 4 Uhr nachmittags, das kriegt sie nicht mit. Und dann sitzt da eine Schwester und tätschelt ihr die Hand, und hält die und beruhigt sie.

Wenn meine Frau sagt, sie möchte nach draußen gefahren werden mit dem Bett, dann machen wir das. Wenn sie sagt, ich möchte einen Kaffee trinken, dann versuchen wir das, ob das möglich ist. Es hat sehr viel mit Ausprobieren hier zu tun. Immer wieder: Was möchte sie? Und wenn sie ein Stück Kuchen möchte, dann gehe ich ein Stück Kuchen holen, ob sie das nun essen kann oder nicht, wir probieren alles, um es ihr zu ermöglichen, und da kriegen Sie hier jede Unterstützung. Wie sagte der Chef hier mal: Wenn Sie ein Glas Rotwein wollen, machen wir auch. Oder wenn hier drei Kinder mal übernachten wollen, kriegen wir hin. Das sind einfach Aussagen, die motivieren, das durchzustehen und dabei zu bleiben. Wenn es auch schwierig ist, es hat auch was Schönes – also, dass der Mensch gesehen wird und Sie sich als Mensch fühlen dürfen.""

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