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StartseiteKultur heuteDas Ende der Diskretion12.01.2019

DatenklauDas Ende der Diskretion

Robert Habeck hat sich aus sozialen Netzwerken verabschiedet - viele andere geben für ein paar Payback-Punkte alles preis: Ein Leben ohne Twitter und Facebook birgt die Gefahr der Bedeutungslosigkeit. Eines mit Diensten wirkt schädlich. Datenhacks sind die neue verstörende Form der Unmutsäußerung.

Von Michael Köhler

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Bis weit in die sechziger Jahre zog die Oma noch ihre Schürze oder den Kittel aus, wenn das schwere Bakelit-Telefon mit Wählscheibe klingelte. Sie zog die Schürze aus und hängte sie an die Garderobe, um auch beim Telefonieren Form und Anstand zu wahren. Es war förmlich und diskret. Auch ein wenig steif, zugegeben.

Die Oma nahm das in die Hand, was wir früher "Hörer" nannten und was doch nur ein schwarzer Knochen war. Der "Andere" war uns immer nur ein körperloser Knochen am Ohr. Aber ein Rest von Körperhalluzination blieb erhalten.

Mediale Attentate

Längst ist der Andere aber nicht nur eine körperlose Stimme, sondern scheint gar nicht zu existieren. Sigmar Gabriel und Annegret Kramp-Karrenbauer, Doris Schröder-Köpf und viele andere Opfer von Stalking und enthemmten Zudringlichkeiten, scheinen für die Anrufer gar nicht real zu sein. Jetzt stellen manche Anrufer fest, dass ihre Verrohung nicht nur ein Ziel, sondern auch ein Opfer findet.

Die Attentate und Übergriffe beschränken sich nicht mehr auf öffentliche Eierwürfe, sondern wachsen sich zu medialen Attentaten aufs Private rund um die Uhr und rund ums Ohr aus. Aus der sicheren Deckung des anonymen Anrufs erfolgt der Beschuss mit drohenden Worten, Hassparolen und Beschimpfungen.

Abgrund der Kommunikation

Der moderne, demokratische Staat, scheint umso demokratischer je öffentlicher und sichtbarer alles ist. Auch der Politiker. Aber es geht nicht ohne Arkan-Tradition, ohne Geheimnisse, ohne Staatsgeheimnisse und auch nicht ohne geheime Telefonnummern. Diskretion, Privatheit und geheime Telefonnummern scheinen aber nicht in unsere Zeit zu passen, in der alles öffentlich zu sein hat. So schlägt der zunehmende Mangel an Diskretion in ungehemmte Denunziation um. Und das wird mehr. Es zählt zur Dialektik der modernen Medienöffentlichkeit, dass jeder rasch Zugang zu jedem und allem haben kann. Was einst Zeichen von Transparenz, Bürgernähe und Teilhabe war, wird nun zum Abgrund der Kommunikation. Diskretion - wie sie noch die Oma beim Telefonieren kannte - und Kommunikation vertragen sich in der modernen Gesellschaft nicht. Einst wollten wir unsere Wahrnehmbarkeit ausdehnen, jetzt müssen wir lernen, sie einzuschränken. Das Ohr ist das Einfallstor des Unbewussten, sagte der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan. Es ist unverschließbar.  Es ist offen für Schmeicheleien, Zärtlichkeiten, aber auch für Einflüsterungen, Missgunst, Bedrohliches und Befehle.

Dämon der Gegenwart

Nicht ohne Grund ist eine der häufigsten Psychosen die des Stimmenhörens. Welche Stimmen hören eigentlich die Anrufer, die sich gedrängt fühlen andere mit ihren Stimmen zu belästigen? Die Anrufer fürchten sich vor der sozialen Härte der Gegenwart, vor den Flüchtlingen, vor Arbeitslosigkeit, Prestigeverlust oder den "Linken" schlechthin. Und sie verlängern diese Furcht, indem sie andre, zum Beispiel Spitzenpolitiker das Fürchten lehren. Das zeigt nicht nur, dass der Körper des Politikers öffentlich und verletzbar ist, sondern dass Übergriffe auf ihn gewagt werden ohne schlechtes Gewissen, ohne Diskretion. Der panische Schrecken, den die Anrufer verbreiten hat mythischen Ursprung. Als der gutmütige Pan im Schlaf aufgeschreckt wurde, rächte er sich. Es war nicht sein Lärm, der Angst machte. Es war der unkontrollierbar plöztliche, überfallartige Anruf des Dämons. Was wir da gerade zu hören bekommen, ist nicht die legitime Stimme des Gewissens, erst recht nicht die Stimme der Vernunft, sondern die verdrängte Stimme des Dämons unserer Gegenwart: Panischer Protest.

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