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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Schüler, der den Staat blamiert12.01.2019

DatenschutzEin Schüler, der den Staat blamiert

Mit welcher Leichtigkeit ein 20-jähriger Schüler aus Hessen jüngst die Daten deutscher Politiker hackte, mache fassungslos, kommentiert Michael Seidel. Der Fall zeige, dass die Sicherheitsbehörden in Deutschland nicht in der Lage sind, die Bürger verlässlich vor Angriffen zu schützen.

Von Michael Seidel, Chefredakteur der Schweriner Volkszeitung

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Zwischen dem Binärcode auf einem Laptopmonitor ist der Schriftzug "Hacker" zu sehen (dpa/ Jens Büttner)
In Suchmaschinen und sozialen Netzwerken geben viele weit mehr von sich preis, als Spitzel je herausbekommen hätten, meint Michael Seidel (dpa/ Jens Büttner)
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Wir hätten es wissen müssen! Datenschützer warnen seit jeher davor, dass wir mit jedem Klick im Internet Spuren hinterlassen, die "dunklen Mächten" ermöglichen, uns bis in die intimste Sphäre auszuforschen. Nun war beim aktuellen Datenklau diese "dunkle Macht" ein hessisches Bübchen. Nur gut, dass niemand gleich wieder russische Trolle verdächtigt hatte! Doch die Leichtigkeit, mit der es dem Schüler gelang, die gesamte Politik zu desavouieren, macht fassungslos.

Der Brite George Orwell hatte schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem Roman "1984" eine Gesellschaft ersonnen, in der jeder Mensch unter vollständiger Überwachung staatlicher Behörden stünde: "Der große Bruder sieht dich!" (Big Brother is watching you!) nannte Orwell den Propaganda-Slogan dieser Gesellschaft. In der DDR ließ Stasi-Chef Erich Mielke seine Truppe hart daran arbeiten, Orwells Fiktion Realität werden zu lassen. Angesichts heutiger technischer Möglichkeiten würde Mielke wohl erblassen.

Viele Menschen geben sich immer noch gelassen

Insbesondere angesichts der Sorglosigkeit vieler Menschen, die in Suchmaschinen und sozialen Netzwerken weit mehr von sich preisgeben, als Spitzel je herausbekommen hätten. Und auch Orwell selbst hätte wohl nie gedacht, wie real sein Menetekel werden könnte. Das Bemerkenswerteste daran: Trotz des inzwischen ja kollektiven "Stasi-Wissens" und neuzeitlicher Erfahrungen etwa mit NSA-Ausspäh-Algorithmen geben sich viele Menschen immer noch gelassen: Man habe ja nichts zu verbergen, heißt es. Wer "Stasi-Wissen" ernst nähme, der wüsste, dass selbst aus belanglosesten Daten ziemlich exakte Profile jedes Menschen aggregiert werden können, die eben nicht nur zu zielgruppengenauen Werbeangeboten führen, sondern auch böswillig gegen jedermann eingesetzt werden könnten. Denkt man das mit Stasi-"Zersetzungsstrategien" zusammen, läuft es einem kalt den Rücken runter.

Doch selbst Kanzlerin Angela Merkel entschuldigte seinerzeit das Hacken ihres Diensthandys durch die NSA ja eher als Betriebsunfall.

So traten unterdessen "Alexa", "Echo" und sonstige Sprachassistenten den Siegeszug bis in die Privatwohnung an - wo man gelegentlich erst an die permanente Anwesenheit der Datensammelmaschine erinnert wird, wenn "Alexa" einen nach einem Disput mit der Gattin anblafft: "Dieser Begriff gehört nicht zu meinem Wortschatz – bitte verwende einen anderen Suchbegriff!" Kein Witz, gerade erlebte Realität!

Bis heute nicht die richtigen Konsequenzen gezogen

Nun hat ein noch im Elternhaus wohnender 20-jähriger Schüler die Daten deutscher Politiker gehackt. Ein Teenager, kein staatlicher Profi! Das zeigt: Wir sind längst nicht mehr Herr unserer Daten! Und unsere Sicherheitsbehörden sind nicht in der Lage, uns verlässlich vor Angriffen zu schützen. Allein an der unbedarften Reaktion von BSI und BKA kann man ermessen, wie leicht es Cyber-Krieger oder -Terroristen hätten, in unsere kritischen Infrastrukturen einzudringen. Obwohl bereits 2011 ein Gutachten des Bundestags die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft am Beispiel eines großflächigen und lang andauernden Ausfalls der Stromversorgung nachwies, sind offenbar bis heute nicht die richtigen Konsequenzen gezogen worden.

Vor Jahren mahnte ein deutscher Spezialist, der intelligente Stromzähler entwickelte, auf einer internationalen Sicherheitskonferenz vor fehlenden Standards in Deutschland und vor dem Ausverkauf der Hardware-Produktion. Heute stammen fast alle elektrischen und elektronischen Komponenten, auch für intelligente Stromzähler, von Herstellern aus China oder Taiwan. "Glaubt ihr ernsthaft, dass die darauf verzichten, für den Fall der Fälle eine elektronische Hintertür in solche Geräte einzubauen?!", fragte der Spezialist die Sicherheitsexperten.

Bei einem Cyberangriff geht's ins behördliche Nirvana

Nun haben wir den Salat. Den technischen Fortschritt aufzuhalten, wäre aussichtlose Maschinenstürmerei. Der Staat muss laut Verfassung seine Bürger schützen, Unheil von ihm abwenden. Es ist also höchste Zeit, dem von US-amerikanischen Technologieführern beherrschten World Wide Web Fesseln anzulegen. Doch welche Kompetenz will man Bundespolitikern zutrauen, die trotz privilegierten Wissens ihren eigenen Handy-Account nicht schützen? Welche Kompetenz hat ein Innenminister, der sich schon seit den 80ern im Internet wähnt - also noch vor Bill Gates, Steve Jobs und Mark Zuckerberg?

Fast macht es den Eindruck, die größte Gefahr ist nicht der ausspähende Staat, sondern seine unbedarften Politiker und Bürger. Eine freiheitliche Gesellschaft lässt es zu, dass sich ihre freien Bürger freiwillig gläsern machen. Wer dadurch aber Schaden erleidet, der sollte dann nicht nach dem Staat rufen. Es wäre aber schon ein Fortschritt, wenn Bürger wie Unternehmer, die von Datenklau betroffen sind, wüssten, an welchen Notruf sie sich zu wenden haben. Bei Feuer oder Unfall ruft man die 112. Bei einem Cyberangriff landet der Hilfesuchende derzeit im behördlichen Nirvana.

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