Mittwoch, 28.10.2020
 
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Dauerstrahler

Manuskript zur Sendung

Der Super-GAU in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl war nicht der erste schwere Unfall in der Geschichte der Atomkraftnutzung, aber der folgenreichste. Wer heute angesichts von Fukushima fragt: "Warum hat sich nichts verändert?", bekommt zur Antwort: Das Gegenteil ist richtig.

Von Bernd Schuh

Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)
Blick auf die von einem Sarkophag umhüllte Reaktoranlage in Tschernobyl. (AP)

130.000 Menschen hat die weißrussische Regierung umsiedeln lassen. Alle aus Dörfern mit mehr als 30 Curie Radioaktivität pro Quadratkilometer. Zum Vergleich:

"Wir kontrollieren, dass die Menschen nichts aus der Todeszone herausholen. Dächer, Haustüren, Steine, das ist verboten, Sachen aus der Zone herauszuholen. Man darf durch das verseuchte Territorium durchfahren. Aber anhalten darf man nicht."

"In Teilen Schwedens, Finnlands, und Norwegens ist eine ungewöhnlich hohe radioaktive Strahlung gemessen worden. Als Ursache wird ein Defekt…

Im Kernkraftwerk Tschernobyl ist es zu dem gefährlichen GAU gekommen, dem größten anzunehmenden Unfall.

In Berlin werden 50fach höhere Plutoniumwerte gemessen als in den Jahren zuvor.
"

"Wir wohnten in Pripjat, neben dem Atomkraftwerk, dort bin ich geboren und aufgewachsen. In einem großen Plattenbau im fünften Stock, die Fenster zum Kraftwerk raus. Der 26. April? An dem Tag saß unser Nachbar mit dem Feldstecher auf dem Balkon und beobachtete das Feuer. Und wir, Mädchen und Jungen, sind mit den Rädern zum Kraftwerk gerast. Wer keins hatte, hat uns beneidet. Keiner hat uns ausgeschimpft, keiner."

Als die Katastrophe am 26. April 1986 über die Stadt hereinbricht, weiß niemand, was weiter passieren soll.

"Da konnte man zeigen, dass die Leute ein starkes Gefühl von Kontrollverlust hatten. Neben den medizinischen dramatischen Folgen, neben dem Verlust an Lebensqualität, an Lebensraum, gab es so etwas wie dramatische Einbußen in Bezug auf: Ich kann mein Leben kontrollieren, ich kann mein Leben so leben wie ich will."

Andreas Homburg ist Umweltpsychologe und Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Idstein.

"Wir müssen hier fragen, wenn die Leute, die hier davon lesen oder hören oder über die Medien informiert wurden, was ist mit denen passiert?"

"Ich hab mich erschrocken, ganz fürchterlich erschrocken."

"Für Bayern wiederholte heute die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung die Empfehlung, Kinder nicht im Freien spielen zu lassen, oder sie zumindest danach gründlich zu waschen."

"Ich hoffe, dass diese Wolke nicht nach Deutschland rüberkommt. Hab ich natürlich Angst vor."

"Ich koche heute mittag Stielmus aus meinem eigenen Garten, man hört zwar nichts mehr über Cäsium, über Strontium, und ich bin im Moment trotzdem immer noch verunsichert."

Andreas Homburg: "Posttraumatische Belastungssyndrome sind hier nicht aufgetreten, jedenfalls gibt es keine Studien darüber. Aber es hat massive Verhaltensauswirkungen gehabt in Bezug auf Umweltängste. Es sind zwei Sachen passiert, man hat der Umwelt misstraut, Milch, Salatverzehr, im Regen spazieren gehen: das war alles, einfach gesagt, böse. Und das zweite, was passiert ist, war: Das Vertrauen in der Bevölkerung in Bezug auf Kerntechnologie ist schlicht eingebrochen."

Besorgnis und Ängste waren zunächst groß. Wurden jedoch schnell beschwichtigt, mit rein technischen Argumenten: Ein Unfall wie in Tschernobyl könne in Deutschland nicht passieren. Die Kernkraftwerke im Osten seien technisch mangelhaft, die Aufsicht nachlässig, die Sicherheit miserabel. Westliche Kernkrafttechnik, insbesondere die deutsche, sei dagegen auf höchstem Niveau, die deutschen Kernkraftwerke gehörten zu den sichersten der Welt. Dass es erst sieben Jahre zuvor im Hochtechnologieland USA eine Kernschmelze am Reaktor Three Mile Island bei Harrisburg gegeben hatte, wurde in dieser Argumentation wohlweislich unterschlagen. Die Beschwichtigungsbotschaft lautete: So etwas wie in Tschernobyl kann "bei uns" praktisch nicht passieren. Allenfalls theoretisch.

"Ja damit muss man rechnen."

"Hier auch?"

"Das letzte Risiko kann man nicht ausschalten, darüber gibt es keinen Zweifel, aber die Sicherheitsmaßnahmen sind hier in Deutschland doch wohl so, wie jedenfalls die Wissenschaftler sagen, dass man kaum damit rechnen muss. Rechnen muss man immer mit etwas. Das ist das Risiko."

Andreas Homburg: "Man hat folgenden Trick gemacht: da gibt's ein riesiges Risiko und hier gibt es ein kleines Restrisiko. Und dieses kleine Restrisiko, das ist das, was wir im Griff haben, das ist das, womit wir leben müssen, um unseren Wohlstand weiter sichern oder aufstocken zu können. Eigentlich hat man die Bürger in eine kleine Sackgasse manövriert, einerseits gesagt, hier ist es OK, macht Euch keine Sorgen, zum zweiten gesagt, ohne geht es nicht. Und das führt dazu, dass man mit so etwas zu leben lernt."

"Auch bei den Demonstrationen in Brokdorf und Wackersdorf besteht Übereinstimmung, dass nicht diejenigen kriminell sind, die Atombaustellen angreifen, sondern diejenigen, die Atomanlagen bauen."

Umstrittene Atombaustellen hatte es in Deutschland schon vor Tschernobyl gegeben. Die Proteste richteten sich hauptsächlich gegen den so genannten Schnellen Brüter bei Kalkar und die Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage bei Wackersdorf. Beide Projekte waren als "Einstieg in die Plutoniumwirtschaft" umstritten. Beide Vorhaben waren politisch nach Tschernobyl nicht mehr mehrheitsfähig und wurden aufgegeben. Die Angst verpuffte nicht vollständig. Der Großteil der Bevölkerung jedoch vergaß schnell.

"Ich glaube zunächst einmal, langfristig gesehen ist der Effekt auf die Einstellung zur Kernenergie gar nicht so groß gewesen","

meint Hans-Peter Peters. Der Soziologieprofessor hatte kurz nach Tschernobyl eine sozialwissenschaftliche Studie durchgeführt, um die Besorgnis zu ermitteln, die das Ereignis in Deutschland hervorrief.

""Wir hatten große Probleme Gesprächspartner zu finden, die sagten, dass sie sehr besorgt gewesen sind, damals. Für mich war das ein erhellendes Erlebnis, dass man nicht sozusagen unterstellen kann, wenn man selber etwas für wichtig hält, dass es eben auch für die große Menge der Bevölkerung gleichzeitig von großer Bedeutung ist. Das zeigen auch andere Untersuchungen in Großbritannien und Holland, dass es zwar einen Peak gibt, sozusagen die Gegnerschaft gegen die Kernenergie wächst, aber mit der Zeit, über ein, zwei Jahre, geht es wieder zurück."

Zwei Jahrzehnte später sind die Spuren ziemlich verblasst. Andreas Homburg:

"Es gibt eine psychologische Studie, die haben 20 Jahre später einmal gefragt, was den Leuten zu Tschernobyl einfällt. Da gab’s schon recht interessante Antworten, einer meinte zum Beispiel: Tschernobyl? Vielleicht was mit Auto? Ich weiß nicht."

Rein psychologisch ist das abnehmende Interesse leicht zu verstehen.

"Wir nennen solche Katastrophen, die wir nicht direkt mitbekommen, makrosoziale Stressoren, also die kommen irgendwie von außen, von oben, und schlagen dann zu, das ist die Weltwirtschaftskrise gewesen, der Börsencrash, oder jetzt dieser Atomkraftwerksunfall, der sehr weit weg ist, den wir gar nicht direkt mitbekommen, wo wir auch noch nicht genau wissen wie wird es laufen, solche makrosoziale Stressoren, wenn die aus den Medien verschwinden, dann verschwinden die auch schnell aus dem Bewusstsein der nicht betroffenen Bürger und Bürgerinnen."

Neben einer schlicht verblassenden Erinnerung gibt es auch psychische Schutzmechanismen.

"Auf die Dauer können wir nicht mit einer großen Unsicherheit leben. Das wäre schlichtweg zu anstrengend, aufreibend. Wir versuchen im Alltag mit solchen Stressoren irgendwie zurecht kommen.Wenn Menschen in einer bedrohlichen Situation sind, aber keine Handlungsalternative haben, dann passiert auch nix."

"Herzlich willkommen zu den Nachrichten an diesem Samstag morgen, und wir beginnen mit einer Eilmeldung, die uns aus Japan erreicht. Die Kollegen von Reuters melden in diesen Minuten unter Bezugnahme auf eine japanische Agentur, dass es im AKW Fukushima zu einer Explosion gekommen sein soll. Es habe mehrere Verletzte gegeben. Weitere Informationen liegen dazu noch nicht vor. In den schwer beschädigten Nuklearanlagen F 1 und 2 sind möglicherweise Kernbrennstäbe geschmolzen."

25 Jahre nach Tschernobyl. Erinnerungen werden wach. Parallelen bieten sich an. Kontraste zeichnen sich ab. Fukushima führt zu einer heftigen, emotionalen Reaktion. Und gestern wie heute zum -

Johannes Rau, 1986: "Innehalten."

Norbert Röttgen, 2011: "Es geht darum, dass jetzt eine Zeit des Innehaltens ist."

"Innehalten."

Richard von Weizsäcker, 1986: "Dann glaube ich, dass bei uns, eine sehr heftige Reaktion zu einer vertieften Besinnung geführt hat."

Auch wenn es schnell aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verdrängt war, wirkungslos ist Tschernobyl nicht geblieben. Andreas Homburg:

"Erst einmal würde ich sagen: danach gab es in Deutschland keine Investitionen in Neubauten mehr. Das zweite ist: die Grünen, die Friedensbewegung, hatten Auftrieb bekommen, das dritte was passiert ist - das zeigen Längsschnittstudien eines Bremer Kollegen - dass aus diesem Ereignis damals eine Besorgnis erwachsen ist, die durchaus langfristig politisches Engagement motiviert hat. Nicht alle sind zum Alltagsgeschäft übergegangen, sondern es hat durchaus auch positiv mobilisiert, politisch."

"Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, sollen aufstehen – keine Atomkraftwerke mehr."

Johannes Rau, 1986: "Wer nicht will, dass wir eine Plutoniumwirtschaft kriegen, der muss die Partei wählen, die das Atomgesetz ändern will, damit wir weder Kalkar brauchen noch Wackersdorf."

1986. An der Regierung: eine schwarz-gelbe Koalition unter Führung des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Die SPD hat den Bau vieler Kernkraftwerke mitverantwortet. Nun will sie eine Wende vollziehen. Die Regierungsparteien werfen ihr Wahltaktik vor. Hans Peter Peters:

"In der SPD hat es einen klaren Positionswechsel gegeben, damals. Bei der CDU nicht, es gab sozusagen Abmildern von Extrempositionen, aber die haben vorher gesagt, wir wollen Kernenergie und die haben nachher gesagt, wir wollen Kernenergie. Bei der SPD hat sich durch Tschernobyl eindeutig die Antikernenergie-Fraktion durchgesetzt und sie hat sich danach relativ eindeutig positioniert."

Die Wahl zum Bundestag findet neun Monate nach Tschernobyl statt. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen im Juni des Jahres 1986 verliert die regierende CDU unter Ministerpräsident Albrecht zwar ihre absolute Mehrheit. Zusammen mit der FDP kann sie jedoch weiter regieren. Gleichzeitig legt die SPD deutlich zu. Peters:

"Interessanterweise hat es bei den auf Tschernobyl folgenden Landtagswahlen und der Bundestagswahl 1987 keinen Erdrutsch gegeben zugunsten der SPD und der Grünen, was viele erwartet hatten, SPD und Grüne hatten damals ja ein energiepolitisches Konzept, was mit der Mehrheit der Bevölkerung übereinstimmte, aber offensichtlich war das Issue Energiepolitik bei der Wahlentscheidung nicht wahlentscheidend. Ich glaube, dass Tschernobyl so katalytische Effekte gehabt hat, dass Trends schon in der Gesellschaft da waren, dass das dieses noch befördert hat."

Gerd Schröder, 2001: "Wir haben ein klares Ende für die Nutzung der Kernenergie festgelegt."

Bundeskanzler Schröder stellt 2001 das von Rot-Grün verhandelte Ausstiegsgesetz vor.

"Das vereinbarte Verfahren trägt zugleich aber auch den berechtigten Anliegen der wirtschaftlichen Interessen der Energieversorgungsunternehmen Rechnung."

Und wie. Statt Laufzeiten werden den alten Kernkraftwerken Reststrommengen zugewiesen. Wer öfter vom Netz geht, darf länger dran bleiben. So können selbst sieche Kernkraftwerke so lange überleben, wie sie Geld abwerfen. Hans Peter Peters:

"Es ist, glaube ich, sehr schwer, drastische Kehrtwendungen in der Energiepolitik kurzfristig zu bewirken, und ich meine langfristig hat Tschernobyl sehr wohl Effekte gehabt auf die Energiepolitik; hat sozusagen auch zu dieser Ausstiegspolitik geführt, auch wenn das alles langsam geht und langsamer als viele das gerne möchten. Ich glaube die energiepolitische Situation ist heute anders als vor 25 Jahren."

Der Sofortausstieg nach Tschernobyl wäre zuviel verlangt gewesen. Tausende Tote relativierten sich schnell. Die Todeszone mit einer Fläche von knapp 3000 Quadratkilometern schrumpfte zu einem winzigen Klecks auf der weißrussischen und ukrainischen Landkarte. In Deutschland wären das schon fast ein Prozent des Staatsgebiets. Das eigentliche Ereignis war weit genug entfernt, und die Aufteilung der Welt in gute und böse Kernkraftwerke für die Lobbyisten der Kernenergie zu einfach. Außerdem waren die erneuerbaren Energie noch nicht so weit. Was wäre heute möglich? Zunächst die Ähnlichkeiten: Auch das Jahr 2011 sieht ein schwarz-gelbes Bündnis in der Regierungsverantwortung. Und es stehen wichtige Landtagswahlen an, zeitnah zum Ereignis in Fukushima. Jetzt ist es Angela Merkel, die das Sagen hat.

"Aus diesem Grunde werden wir die erst kürzlich beschlossene Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke aussetzen."

Offiziell ist von einem Moratorium die Rede, also von einem Aussetzen der Entscheidung für eine bestimmte Zeit. Doch Vizekanzler Westerwelle sprach bereits von einer Wende in der Atompolitik. Und diesmal ist es die Regierung, die eine Kehrtwende vollziehen will. Die Opposition, SPD und Grüne sind schon längst auf Anti-Atom-Kurs. Sie verhöhnen die Wende der Kanzlerin als Wahltaktik. Wie damals die Regierung die Kehrtwende der SPD. Auch diesmal liegt dieser Standpunkt nahe. Peters:

"Was wir jetzt gesehen haben, sind natürlich sozusagen verzweifelte opportunistische Versuche, sich der zumindest temporär geänderten öffentlichen Meinung anzupassen und nicht im totalen Gegensatz dazu zu stehen, und ich glaube das kommt beim Wähler nicht gut an."

Die CDU und besonders die FDP werden in den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg abgestraft. Grün triumphiert. Auch wenn es heute so aussieht, als wollten tatsächlich alle Parteien den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie, der Souverän hat sein Vertrauen nur einer Seite geschenkt. Der Wähler mag zwar technisch inkompetent sein. Aber er versteht es, Motivationen zu hinterfragen und weiß durchaus, Interessen richtig einzuschätzen. Peters:

"Das haben wir auch nach Tschernobyl in den explorierenden Befragungen herausgefunden, und das ist auch das, was im Verhältnis von Laien und Experten auftaucht, also wenn ich den Eindruck habe, der Experte oder die Expertin argumentiert im Sinne des Allgemeinwohls oder betrachtet mich als Klienten, dann neige ich zu einem sehr hohen Vertrauen, wenn ich aber den Eindruck habe, der Experte, die Expertin ist bezahlt von der Industrie oder hat eigene Forschungsinteressen oder was auch immer, also wenn man plausibel vom Allgemeinwohl abweichende Interessen zuschreiben kann, dann ist natürlich die Glaubwürdigkeit belastet, ich glaube auf solche Signale von Abhängigkeiten reagieren Bürger sehr stark und vielleicht auch kompetent, kompetenter jedenfalls als auf wissenschaftlich-technische Informationen."

Was sowohl verständlich als auch vernünftig ist. Denn im Verlauf und kurz nach einem katastrophalen Unfall werden Informationen häufig unterschlagen, sind bruchstückhaft oder verfälscht.

"Und wir sind ja auch verärgert über die merkwürdige Informationspolitik der Japaner, und wenn die sagen, das geht Euch doch nichts an, dann sagen wir, nein das habt Ihr nicht richtig verstanden, denn wenn irgendwo auf der Welt eine Kernschmelze kommt, geht es uns etwas an. Also das Problem ist international."

Carl Friedrich Gethmann hat einen Lehrstuhl für Angewandte Philosophie an der Uni Duisburg-Essen inne.

"Und ich bin Direktor der europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler."

Und als solcher mit Risiken von Großtechnik und den damit zusammen hängenden ethischen Fragen befasst.

"Wir müssen uns damit vertraut machen, dass wir in einer wissenschaftlich-technischen Kultur leben, die gewisse Risiken implementiert hat, um den Preis eines gewissen Wohlstandes, der sich ja auch in gestiegener Lebenserwartung ausdrückt und an dem ja fast alle Menschen grundsätzlich teilhaben können, und deswegen ist insoweit die Kerntechnik keine Sondersituation."

Hans Peter Peters: "Die Frage ist, ob man auf bestimmte Risikoquellen verzichten sollte, das ist eine Frage, die hängt ganz stark mit Vertrauen in Technik, hängt mit der Bereitschaft Risiken zu akzeptieren, zusammen, und ein Restrisiko ist mit der Kernenergie, ist aber auch mit Chemieanlagen und anderen technischen Anlagen verbunden, und darüber muss dann halt ein gesellschaftlicher Konsens gefunden werden oder eine akzeptierte Mehrheitsentscheidung getroffen werden."

Das so genannte Restrisiko steht für das Unkalkulierbare, das, was man bei der Berechnung der Unfallwahrscheinlichkeit nicht in Rechnung gestellt hat, teils weil man es nicht hat in Rechnung stellen können, oder weil man einen möglichen Gefahrenweg in die Katastrophe nicht bedacht hat. Dieser unkalkulierbare Rest hängt auch von den letztlich immer willkürlichen Annahmen über gedachte Ereignisse ab; die können zu optimistisch gewesen sein oder zu nachsichtig den wirtschaftlichen Interessen der Technikbetreiber gegenüber. Zum Beispiel die Höhe der Schutzmauer um das Kernkraftwerk Fukushima. Sieben Meter sind eben zu wenig, wenn eine 23 Meter hohe Welle heranrauscht. Und ein Kraftwerk, das für Erdbeben der Stärke sieben oder acht ausgelegt ist, kann einem Neuner kaum standhalten. Eine der von niemandem bestrittenen Lehren aus dem japanischen Unglück ist die, dass niemand mehr Kernkraftwerke an Tsunami-gefährdete Küsten bauen sollte, oder auf Erdbebenspalten. Gethmann:

"Ein Kraftwerk direkt am Wassersaum, das ist natürlich fahrlässig. Es gibt eine Anlage, etwa 15 Kilometer weiter von der jetzt zur Debatte stehenden, die hat man auf etwa 200 Meter Höhe gebaut, die war vom Tsunami nicht betroffen, das Erdbeben war nicht das Problem, die arbeitet weiter. Das heißt auch, dass die Erdbebenprobleme, die wir in Süddeutschland haben, dass die uns nicht die allergrößten Sorgen machen müssen, andererseits ist der Stilllegungsbeschluss für Mülheim Kärlich, dieses fast betriebsfähige Kraftwerk in der Nähe von Koblenz, das ja dann durch einen Gerichtsbeschluss nicht zugelassen wurde, wohl gerechtfertigt im Nachhinein, denn das hat man auf eine so genannte Erdbebenspalte gesetzt, und da muss man im Nachhinein sagen, das war seitens der deutschen Konstrukteure ähnlich fahrlässig. Also das ist zu Recht nicht ans Netz gegangen, würde ich jetzt sagen. Damals als der Beschluss kam, hat mich das nicht sofort überzeugt, aber jetzt im Nachhinein ist das auch ein Lernen aus Japan, dass man da sehr aufmerksam sein muss."

Mycle Schneider, Träger des Alternativen Nobelpreises 1997 und Atomenergieexperte, macht seit Jahren auf andere Gefahren aufmerksam.

"Wir haben ja jahrzehntelang mit einer Gleichung gelebt: Wir haben gesagt, es gibt ein sehr hohes Gefahrenpotenzial, das steht ja völlig außer Frage, wenn man eine sehr große Menge radiotoxisches Material an einer Stelle hat, dann ist das ein sehr hohes Potenzial. Das multipliziert man aber mit einer Freisetzungswahrscheinlichkeit, die so gering ist, dass hinten in der Gleichung ein akzeptables Risiko herauskommt. Das war die Gleichung mit der wir gelebt haben. Eigentlich ist diese Gleichung am 11. September 2001 in die Luft geflogen. Denn wenn wir zwanzig Menschen haben, die bereit sind, Selbstmord zu begehen, um einem Industrieland großen Schaden zuzufügen, dann kann ich nicht mehr mit verschwindend geringer mathematischer Wahrscheinlichkeit rechnen."

Gethmann: "Zum Beispiel ein Thema, was so ein wenig verdrängt worden ist in der Vergangenheit, sind Flugzeugabstürze und Terrorangriffe, und die müssen durch die Containments, also nicht durch den Innenreaktor, durch die innere Birne sozusagen abgefangen werden, sondern durch die äußere Fabrikhalle. Da war man in Japan sehr lässig. Das ist bei uns schon alles besser ausgestattet, aber auch nicht so perfekt, die älteren Anlagen wie Biblis A sind auf einen A 380 einfach nicht ausgelegt, weil es den bei der Konstruktion einfach nicht gab. Jetzt kann man nachrüsten, oder, wenn das zu teuer ist, einfach stilllegen."

Angela Merkel: "Ich sage deutlich, es gibt bei diesen Sicherheitsüberprüfungen keine Tabus."

Heinz Riesenhuber: "Es gibt eine ganz einfache Regel. Wenn die Sicherheit der Kernkraftwerk nicht ausreicht, werden sie stillgelegt."

Auch das gehört zu den Parallelen der beiden Katastrophen: zunächst wird die Sicherheit in Frage gestellt und eine Überprüfung versprochen. Dann kommen die Argumente für die Verlängerung des Status quo: steigender Strompreis und die kerntechnische Kompetenz. Angela Merkel 1998 über einen schnellen Ausstieg.

"Ich halte ihn also sicherheitstechnisch für absolut nicht geboten, weil es in der Tat außerordentlich schwierig wäre, deutlich zu machen, dass wir bei unserem Sicherheitsniveau die Kernkraftwerke abschalten, sie anderswo aber weiterlaufen, und wir gleichzeitig an Einfluss auf andere Länder – ich sage nur Russland, ich sage nur Litauen, ich sage Slowakei – verliere."

Carl Friedrich Gethmann: "Also das Problem ist international. Da das aber so ist, ist ein Ausstieg nur in Deutschland unter Sicherheitsgesichtspunkten witzlos."

Angela Merkel: "Wenn wir aus der Kernenergie ausgestiegen sind, interessiert sich kein Mensch auf dieser Erde mehr dafür, welche klugen Hinweise wir für den Rest der Welt zu geben haben, wie man sich in Fragen der Sicherheit zu verhalten hat."

Originaltöne der Umweltministerin Merkel wohlgemerkt, aus dem Jahr 1998. Aber warum sollte es keinen Sinn machen, den anderen ein Beispiel zu geben? Umgekehrt ist zu fragen: Wie sollte ein Ausstieg jemals zustande kommen, wenn Deutschland zunächst die Abschaltung der vorgeblich unsichereren Nachbarkraftwerke in Belgien, Frankreich, Tschechien forderte, ohne die eigenen stillzulegen? Warum sollten andere desinteressiert wegschauen, wenn ein Land mit angeblich dermaßen hoher kerntechnischer Kompetenz sich überzeugt davon abwendet? Gern wird darauf verwiesen, wie nachgefragt die Kernenergie in der Welt sei. Tatsache ist, dass in den letzten 10 Jahren noch 34 Reaktoren weltweit ans Netz gegangen sind, während 409 bereits am Netz waren. Seit Tschernobyl hat es 165 neue Kernkraftwerke gegeben, während vorher bereits 278 Strom lieferten. Die Zahl der Zubauten ist also eher rückläufig. Der Langlebigkeit der radioaktiven Strahlung vergleichbar wirkt Tschernobyl heute auch politisch und gesellschaftlich noch nach. Währenddessen hat Fukushima bereits einen erneuten Ausbruch an Angst, Einsicht und Änderungswillen hervorgerufen. Beide Schockwellen werden sich letztendlich überlagern. Doch für eine endgültige Bewertung ist es zu früh, solange die japanische Reaktorkatastrophe noch nicht ausgestanden ist. Zur Zeit reicht es nur für ein Stimmungsbild.

Mycle Schneider: "Ich denke, dass die Atomkraft ein Auslaufmodell gewesen ist vor dieser Katastrophe, und dass der Niedergang dieser Industrie erheblich beschleunigt werden wird durch diese Katastrophe, die wie gesagt noch lange nicht vorbei ist; nur, es wird noch viele Jahre dauern, bis die alle vom Netz sind, und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis man hinterher aufgeräumt hat."

Carl Friedrich Gethmann: "Das ist jetzt die Frage, welche Perspektive in Bezug auf die globale Lage sollte man in Zukunft wählen, da sage ich ganz klar, wir sollten den Ausstieg aus der Kernenergie ins Auge fassen. Aber mit Blick auf die, die jetzt überhaupt erst installieren und natürlich auch amortisieren wollen, wird das zwischen ein und zwei Generationen dauern, also ich sage mal 40 bis 60 Jahre."

Hans Peter Peters: "Es wird sicherlich der Ausstieg etwas forciert. Es wird glaube ich keine drastischen Änderungen der Energiepolitik geben, regenerative Energien gewinnen sicherlich an Zuspruch und an Aufschwung, aber das sind alles Trends, die schon da waren und die jetzt allenfalls noch ein bisschen verstärkt werden."

Andreas Homburg: "Meine These ist, dass die Gesellschaft zu wenig das Wissen nutzt, was man besser machen kann, sondern eher an dem Wissen festhält, wie kann man mehr produzieren, wie kann man mehr einnehmen, wie kann man weiter reisen, wie kann man mehr verkaufen. Aber das Wissen, was uns helfen würde besser durchzukommen, wird viel zu wenig genutzt und unterliegt sozusagen in der Marketingschlacht der Konsumgüterindustrie gnadenlos."

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