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StartseiteBüchermarktMein Vater, der Massenmörder04.03.2020

David Albahari: "Heute ist Mittwoch"Mein Vater, der Massenmörder

Alt und krank erzählt der Vater seinem Sohn, der zu ihm nach Belgrad gezogen ist, aus seinem Leben - und entpuppt sich als eiskalter Verbrecher unter Tito. Abscheu über die Enthüllungen und die zugleich weiterhin bestehende Zuneigung zu seinem Vater stürzen den Sohn in inneren Konflikt.

Von Terry Albrecht

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Der Schriftsteller David Albahari (imago images / Leemage)
Unerschrockener Chronist Jugoslawiens: der serbisch-jüdische Autor David Albahari (imago images / Leemage)

Zemun, ein Vorort der serbischen Hauptstadt Belgrad. Hier lebt ein hochbetagter Mann und ist auf Hilfe angewiesen. Sein Sohn entscheidet sich, zu ihm zu ziehen, um ihn zu pflegen. Fremdheit und Nähe dieser Vater-Sohn Beziehung stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von David Albahari. Und von Anfang an wird deutlich: Der Sohn hat sich auf eine heikle Mission begeben.

"Mein Vater hat die Parkinson’sche Krankheit. Tausendmal habe ich ihm gesagt, er solle sich beim Anziehen der Unterwäsche hinsetzen, und er hat tausendmal versprochen, es zu tun. Das hat er natürlich tausendmal nicht getan, und ich traf ihn dann am Boden liegend an, hilflos und wütend, als sei ich an seinem Zustand schuld. Wie auch immer, wenn das geschieht, schweigt er trotzig und wartet darauf, dass ich ihn finde. Nie gibt er zu, selbst schuld zu sein, vielmehr behauptet er, alles sei die Folge uns noch unbekannter kosmischer Kräfte. Nichts wirkt lächerlicher, als wenn ein nackter, beleibter alter Mann mit in einer verblichenen Unterhose verhedderten Beinen großspurig das Schicksal des Weltalls erklärt und schaukelt, strampelt und vergebliche Verrenkungen macht beim Versuch, sich umzudrehen und seiner Tirade mehr Ernst zu verleihen."

Grausige Geständnisse eines alten, schwerkranken Vaters

Der knorrige alte Mann ist widerborstig. Doch der Sohn unternimmt mit ihm ausgedehnte Spaziergänge am Donauufer, auf denen sich der Vater ihm gegenüber öffnet und aus seinem Leben zu erzählen beginnt. Es sind grauenvolle Dinge, die der Sohn erfährt aus der Zeit des jungen Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Vater war ein glühender Verehrer Stalins und bereit, unter Staatschef Tito für die "neue Volksherrschaft" nicht nur zu kämpfen, sondern  für seine Gesinnung auch über Leichen zu gehen.

"Er war ein überzeugender Erzähler, der in kurzer Zeit sämtliche Register seines szenischen Könnens zu ziehen vermochte. Dabei war er nie bestrebt, etwas vor seinen Zuhörern zu verbergen, und versuchte auch nicht, die negative Wirkung seiner Erzählung zu mindern."

So berichtet der Vater von der Ermordung einer Bauerfamilie, die nicht bereit war, sich in die Diktatur des kommunistischen Systems zu fügen.

"Sie seien exemplarisch erschossen worden. Er verstummte, ich aber hörte nicht auf, ihn anzustarren, bis er mich ermahnte, damit aufzuhören, weil durch nichts die Tatsache aus der Welt geschafft werden könne, dass er damals einem Erschießungskommando angehörte. 'Und nicht nur damals', fügte er hinzu, 'nicht nur damals'."

Wie soll der Sohn mit den Enthüllungen umgehen?

Dieser kranke alte Mann, der an Gleichgewichtsstörungen leidet und ohne Hilfe nicht mehr leben kann. Dieser Vater entpuppt sich als ein eiskalter Verbrecher. Der Sohn gerät in einen Konflikt, wie er jetzt mit dem Berichteten, wie er mit dem Vater umgehen soll.

"Man kann verblüfft den Atem anhalten; man kann meinen, gleich sterben zu müssen, obwohl man noch nie gestorben ist und keine Vorstellung davon hat, wie man sich in diesem Augenblick fühlt. Vielleicht bleibt man aber einfach ohne Worte angesichts der Leere, die einen bis an die äußersten Grenzen ausfüllt."

Der Sohn, der seinen Vater im Grunde für einen guten Vater hält, bringt ihn im Folgenden dazu, der Spur der Erinnerung weiter zu folgen. So setzt sich die Lebensgeschichte des Vaters langsam wie ein Puzzle zusammen, in dem immer mehr abscheuliche Details der grauenhaften Beichte zum Vorschein kommen.

Wie in seinen anderen Romanen hat David Albahari auch diesmal die Handlung in einem Fließtext verfasst. Die Form des Erzählten gleicht einem stream of concsiousness, der nur von wenigen Absätzen unterbrochen ist. Die sehr dichte Erzählstruktur entfaltet der Sohn (weder der Name des Sohns noch des Vaters wird genannt) als monologischer Ich-Erzähler, der aus der Gesprächssituation mit seinem Vater auch immer mal wieder heraustritt. Dann denkt er darüber nach, ob er als nachgeborener Sohn eine vererbte Mitverantwortung für die Verbrechen seines Vaters hat und wie er davon erzählen kann.   

"Die Rolle des schwarzen Schafs in der Familie wurde mir schon vor langer Zeit zugedacht, und ich möchte auch nicht darauf verzichten. Deshalb hat man mir übrigens auch eine zweite Hauptrolle zugeteilt, das heißt, ich habe nicht nur die Aufgabe bekommen, meinen Vater, sondern mit der gleichen Inbrunst auch mich selbst zu spielen. Auf diese Weise bekam ich die Möglichkeit, verschiedene Fäden dieser Geschichte miteinander zu verknüpfen, sie zu einem Ganzen zusammenzufügen und verständlich zu gestalten."

Der Vater wurde vom Schinder zum Folteropfer

Der Vater war in der stalinistischen Ära Jugoslawiens ein wichtiger Geheimdienstmitarbeiter. Als eines seiner Opfer ihn später anzeigt, wird er in das berüchtigte Arbeitslager Goli otok auf der sogenannten Nackten Insel in der Adria verbannt: Aus dem Täter, der in den Dörfern der Wojwodina wütete, wird damit selbst ein Opfer.

"Die Träume, zumindest die, von denen er mir erzählte, ereigneten sich fast ebenso oft auf der Nackten Insel wie in den Dörfern der Wojwodina. Obwohl ich unzählige Male versuchte, in ihnen einen Rhythmus, eine Formel zu finden, gelangte ich doch zu nichts Verlässlichem. Das Einzige, das ich mit Sicherheit wusste, war, dass er in den Nächten nach einem üppigen Abendessen schreckliche Albträume hatte, die vom Lager auf der Nackten Insel handelten, als erinnerte die große Menge der Speisen das Hirn an die Qualen des unerträglichen Hungers, die schlimmer waren als die ideologisch gefärbten Folterungen."

Auch nach der Lagerhaft steht das Leben des Vaters weiterhin im Bann der Gewalt: Er tyrannisiert regelrecht seine Familie und ist besonders kaltherzig gegenüber seiner Frau, selbst dann noch, als diese im Sterben liegt. David Albahari zeigt meisterhaft, wie es dem Sohn immer wieder gelingt, dem Vater das Geständnis seiner Gräueltaten zu entlocken sowie das Geheimnis, das seinem grausamen Verhalten gegenüber der Mutter zugrunde liegt. Zugleich wird in "Heute ist Mittwoch" der innere Konflikt des Sohns, der aus der Abscheu über die Enthüllungen und zugleich weiterhin bestehende Zuneigung zu seinem Vater resultiert, mit großem Einfühlungsvermögen erzählt.

David Albahari thematisiert in diesem beklemmenden Buch nicht nur die lange verschwiegene Terrorgeschichte in den Anfangsjahren Jugoslawiens nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern erweist sich auch einmal mehr als Erzähler der genauen psychologischen Beobachtung. Er klagt nicht an, sondern beschreibt ohne Pathos, welche Spuren seelischer Verwüstung die Gewalt hinterlässt.

David Albahari: "Heute ist Mittwoch"
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main. 208 Seiten, 22 Euro.

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