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StartseiteCorso"Ich finde es wichtig, hier und da die Perspektive zu wechseln"10.03.2018

David Byrne"Ich finde es wichtig, hier und da die Perspektive zu wechseln"

Nach Ausflügen ins Musical und Duetten mit St. Vincent klingt David Byrne auf dem neuen Album "American Utopia" wieder fast wie seine alte Band, die Talking Heads: schräg, nachdenklich, spannend. In Corso spricht er über die Arbeit mit Brian Eno, prophetische Gaben beim Songwriting und typisch väterliche SMS-Nachrichten.

David Byrne im Corsogespräch mit Christiane Rebmann

David Byrne, Gründer Talking Heads (imago stock&people)
David Byrne, Gründer der Talking Heads, mit neuem Solo-Album. (imago stock&people)
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Christiane Rebmann: Ihr neues Album "American Utopia" erinnert streckenweise an Ihre alte Band Talking Heads.

David Byrne: Das ist Zufall. Ich hatte ja lange kein eigenes Album mehr aufgenommen. Ich habe Musicals gemacht und eine Platte mit St. Vincent. Ich bin jetzt vielleicht wieder in Kontakt mit einem Teil meines Selbst gekommen.

Rebmann: Sie haben wieder mit ihrem alten Wegbegleiter Brian Eno zusammengearbeitet. Was ist das Besondere an ihm?

Byrne: Ich fing an, zu seinen Drumtracks zu schreiben. Das inspirierte mich zu ein paar Gesangsparts. Brian ist ein guter Zuhörer. Wenn ich ihm etwas zurückschicke, ist seine erste Reaktion meistens sehr enthusiastisch. Später wird er dann sehr kritisch. Aber am Anfang macht er dir Mut. Das war also ein guter Beginn für das Album.

"Musik hilft - und dass ich älter und entspannter werde"

Rebmann: Er hat Ihnen bei dem Song "Everybody's coming to my house" geholfen. Da singen Sie "Wir sind nur Touristen in diesem Leben. Aber die Aussicht ist wunderbar." Ist das Ihr Lebensgefühl?

Byrne: Das ist die Sicht eines Menschen, der das Leben nicht richtig lebt, sondern es von außen beobachtet. Heute nehme ich allerdings viel eher aktiv teil als früher. Ich habe weniger Angst vor sozialen Kontakten.

Rebmann: Wie haben Sie das geschafft?

Byrne: Musik hilft. Und auch, dass ich älter werde und entspannter.

Rebmann: Aber die Frage ist doch: Sie nehmen Alben auf, bringen Musicals auf die Bühne, schreiben Bücher übers Radfahren und über Musik, und dann arbeiten Sie auch noch an diversen Kunst- und Theaterprojekten. Haben Sie überhaupt Zeit für ein Privatleben?

Byrne: Eine berechtigte Frage. Früher habe ich oft gesagt: Ich schaffe das alles nur, weil ich kein Privatleben habe. Das stimmt aber so nicht. Meine Tochter hat zum Beispiel kürzlich auf einer Kunstausstellung in Austin Texas ausgestellt. Da bin ich hingefahren.

Rebmann: Das klingt, als wären Sie ein sehr väterlicher Vater.

Byrne: Zumindest tue ich typische Vaterdinge. Etwa, wenn es heftig schneit und ich weiß: Sie fährt jetzt Auto. Dann schicke ihr eine SMS: "Fahr vorsichtig!"

"Ich tue nicht genau das, was andere von mir wollen"

Rebmann: Ertappen Sie sich manchmal dabei, wie Sie dieselben Dinge zu ihr sagen, die Ihnen früher Ihre Eltern gesagt haben? Verhalten Sie sich manchmal wie Ihr eigener Vater?

Byrne: Ja, das kommt vor. Oder wie meine Mutter. Manchmal bin ich zu rechthaberisch und zu herrisch. Aber ich bessere mich. Ich glaube, man kann sehr gut mit mir zusammenarbeiten. Obwohl ich nicht genau das tue, was alle anderen von mir wollen.

Rebmann: Sie waren einige Jahre mit der bekanntesten Fotografin der Welt liiert, mit Cindy Sherman. Was haben Sie sich in Bezug auf die Kunst bei Ihr abgeguckt?

Byrne: Oh, ich habe Cindy lange nicht gesehen. Ich bewundere das, was sie macht. Ich fand es interessant, wie privat sie mit ihrer Arbeit umging. Sie verzog sich in ihr Studio und schloss die Tür ab, und niemand wusste, was da drin vor sich ging.

Da waren all diese Masken, die Klamotten und die Requisiten. Man sah, wie das alles da reingetragen wurde. Mehr nicht. Wenn ich die fertigen Fotos dann später sah, sagte ich oft: "Wow, das ist also da drin passiert."

"Wie sieht der Himmel für ein Huhn aus?"

Rebmann: Ihr geht es darum, den Menschen die Augen für einen neuen Blickwinkel zu öffnen. Ist das auch ihr Ziel in Songs wie "Every day is a miracle"? Da singen Sie, Gott sei ein alter Hahn.

Byrne: Das war einfach eine lustige Idee. Ich versuche hier auch, mich in die Lage eines Huhnes zu versetzen: Wie sieht der Himmel für ein Huhn aus? Das können ganz viel Körner sein, ein netter Hahn in der Nähe. Ich nehme gern die Perspektive anderer Lebewesen an. Ich finde es wichtig, hier und da die Perspektive zu wechseln.

Rebmann: Weiter singen Sie, wenn Gott ein Gockel ist, dann ist Jesus ein Ei.

Byrne: Ich bin nicht religiös. Schwer zu sagen, an wen ich glaube. Ich glaube, dass es eine Art poetische Schönheit in den Dingen gibt, die wir nicht verstehen und möglicherweise nie verstehen werden. Dinge, die jenseits unseres konzeptionellen kognitiven Verständnisses liegen. Unsere Wahrnehmung ist begrenzt. Wir sehen nicht so gut wie ein Vogel. Wir hören nicht so gut wie ein Hund. Es gibt eine Welt da draußen, für die uns die Wahrnehmungsmöglichkeiten fehlen.

Rebmann: Um unterschiedliche Perspektiven geht es offensichtlich auch in Ihrem Song "Gasoline and dirty sheets".

Byrne: Ich stellte mir Flüchtlinge in einem Lager vor. Menschen, die in ihrer Heimat vielleicht Akademiker gewesen waren, Ärzte, Ingenieure oder Lehrer – und die jetzt nur noch Nummern in einem Lager sind. Da ist dieser Geruch von Benzin und dreckigen Laken und schlecht getrockneter Kleidung in der Luft – Und sie fragen sich, wie sie das Gefühl für ihre Kultur in diese Situation hinüberretten können.

"Ich versuche, gegen die Verzweiflung zu kämpfen"

Rebmann: Gerade sind Sie mit Ihrer Vortragsreihe "Reasons to be Cheerful" unterwegs. Da erzählen Sie zum Beispiel, dass sich neuerdings auch erzkonservative republikanische Politiker für umweltfreundliche Technologien erwärmen und dass sich im kolumbianischen Medellín nach der Einrichtung eines Jugend-Kulturzentrums die Schulnoten der Schüler in der Gegend signifikant verbessert haben. Mut machen statt immer nur negative Nachrichten verbreiten. Ist das Ihr Mittel gegen die Tendenz zur Hoffnunglosigkeit? Die Jugend-Selbstmordrate in den USA ist ja in der letzten Zeit gestiegen.

Byrne: Ja, dazu kommt, dass immer mehr von ihnen drogensüchtig werden. Wie ein Wissenschaftler sagte: "Das sind Verzweiflungstode." Es gibt da einen tieferen Grund.

Ich versuche, gegen diese Verzweiflung zu kämpfen. Mit positiven Nachrichten. Ich hoffe, dass es etwas bringt. Das Publikum nimmt das sehr ernst. Die Menschen interessieren sich für diese Themen. Sie spiegeln ihre Sorgen wieder. Das macht mir Mut.

Rebmann: Ihr Song "Bullet" hört sich nicht sehr aufbauend an. Da geht es um eine Schussverletzung. Ist das ein politischer Song?

Byrne: Ich beschreibe, wie jemand getötet wird – aus der Sicht einer Revolverkugel. Sie schiebt sich durch den Körper eines Mannes und sendet Bilder seines Lebens: Was er gegessen hat, wen er geliebt hat. Dann beendet die Kugel sein Leben. Und da wird es emotionaler. Es ist plötzlich nicht nur eine Idee, sondern jemandes Leben. Ich spielte den Song einer Freundin vor, und sie sagte: Oh, da geht es um die Schwarzen, die von Polizisten ermordet wurden." Ich sagte: "Ich habe den Song zwar geschrieben, bevor das passiert ist. Aber du könntest recht haben."

Rebmann: Das ist also eine Art Prophezeiung?

Byrne: Auf eine Art ja, eine traurige Prophezeiung. Das klingt jetzt sehr nach Freud, aber manchmal verleitet dich dein Unterbewusstsein dazu, einen Text zu schreiben, der etwas beschreibt, das noch nicht passiert ist. Es ist eine Art Vorahnung.

Rebmann: Wie sieht denn Ihre Vorahnung in Bezug auf Donald Trump aus? Viele Ihrer Kollegen glauben, dass er demnächst über seine eigenen Fehler stürzen wird. Wie lange geben Sie ihm noch?

Byrne: Ich denke, er wird in seinem Amt überleben. Aber alle um ihn herum werden stürzen. Jared Kushner wird im Gefängnis landen. Seine Tochter wird sich irgendwo verstecken. Und Melania wird ihn verlassen. Er ist dann ganz alleine, aber das macht ihm nichts aus.

Rebmann: Noch eine Frage zu Ihrer Zukunft. Es geht das Gerücht, dass Sie wieder eine Zusammenarbeit mit den Talking Heads planen. Stimmt es, dass Sie eine gemeinsame Tournee planen?

Byrne: Nein. Dieses Gerücht war eben nur – ein Gerücht. Das wäre mir ein wenig zu nostalgisch. Und für Nostalgie habe ich nichts übrig. Für mich ist die Vergangenheit normalerweise nichts Schönes und Glorreiches. Die Vergangenheit ist einfach – vergangen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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