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StartseiteKultur heuteSternschnuppe und Spießerschreck06.08.2018

David WojnarowiczSternschnuppe und Spießerschreck

David Wojnarowicz gehörte in den 1980er Jahren zu den führenden Figuren des New Yorker Underground. Das Whitney Museum zeigt jetzt die bisher umfassendste Retrospektive auf den jung verstorbenen Multimediakünstler. Auch, weil in der US-Kunstwelt Außenseiter und Rebellen gerade sehr gefragt sind.

Von Sacha Verna

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Ein Besucher vor dem Bild "Untitled" des US-Künstlers David Wojnarowicz beim Art Basel Miami, 2015  (DPA / EPA / Rhona Wise)
Die Arbeiten Wojnarowiczs gehören in eine Epoche und ein Milieu, für die es heute keine Entsprechung gibt (DPA / EPA / Rhona Wise)
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Arthur Rimbaud am Times Square. Arthur Rimbaud im winterlich verlassenen Luna Park auf Coney Island. Rimbaud mit Toast und Milkshake in einem 24-Stunden-Diner und masturbierend im Bett. Der da posiert, ist natürlich nicht wirklich der französische Dichter. Es sind vielmehr drei Freunde, die David Wojnarowicz 1978 dazu brachte, sich von ihm mit einer papierenen Rimbaud-Maske an einigen seiner Lieblingsorte in New York ablichten zu lassen.

Die schwarz-weiße Fotoserie samt Maske eröffnet die Retrospektive im Whitney Museum. Wojnarowicz identifizierte sich stärker mit diesem Lyriker und Außenseiter als mit all seinen anderen Vorbildern, darunter William S. Burroughs und Jean Genet. Mehr noch: Seine eigene Karriere gleicht der Rimbauds in ihrer Kürze und Intensität.

Der Inhalt aller Arbeiten war Protest

Als David Wojnarowicz 1992 im Alter von 38 Jahren an AIDS starb, hinterließ er ein Werk, für das andere zehn Leben gebraucht hätten: Neben Fotos besteht es aus Skulpturen, Bildern und Collagen, Filmen, Gedichten, Peformances und Manifesten. Ziel und Inhalt all dieser Arbeiten war der Protest. Der Protest gegen eine Gesellschaft, die Schwule wie ihn und andere Minderheiten ausgrenzte. Protest gegen den K.o.-Kapitalismus Amerikas, der keine Rücksicht auf Schwache kannte. Protest schließlich gegen Sitte und Moral, diesen Deckmantel der Wohlanständigkeit, der jegliche Originalität und intellektuelle Freiheit erstickte. David Wojnarowicz war der geborene Spießerschreck.

Als Mitglied der Band "3 Teens Kill 4" machte er, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, zunächst einmal Lärm - oder zumindest Geräusche. Statt Geld, das sie nicht hatten, für Plakate auszugeben, die die Polizei ohnehin abreißen würde, sprayte Wojnarowicz die Ankündigungen ihrer Auftritte, versehen mit ein paar wiederkehrenden Motiven, einfach auf die Häuserwände von Downtown New York. Vor allem das East Village war in den 1980er Jahren ein Zentrum der Gegenkultur. Ein fallender Mann, ein brennendes Haus, die konzentrischen Kreise einer Schießscheibe - damit markierte Wojnarowicz buchstäblich den Beginn seiner Laufbahn als bildender Künstler.

Plakativ, stillos und voller Energie

Plakativ im wahrsten Sinne des Wortes blieb er, auch als er auf Leinwände überging. Er mochte alles, was leicht deutbar war: Nationale Symbole und Pop-Ästhetik, apokalyptische Szenarien und Dollarnoten, Christus-Figuren und Selbstporträts, die ihn mit zugenähtem Mund zeigen. Mit Ausstellungen in Galerien hatte er bald genug Erfolg, um sein Auskommen nicht mehr als Strichjunge an den Piers des Hudson verdienen zu müssen. Doch da war AIDS, die Epidemie, die seine Umgebung und ihn in selber verwüstete. Wojnarowicz dokumentierte die Katastrophe. Zärtlich und erschütternd sind die Aufnahmen, die er im Krankenhaus vom Fotografen Peter Hujar machte: nur Gesicht, Hand und Zehen seines verstorbenen Freundes und Mentors.

Das Whitney Museum präsentiert das Werk eines Aktivisten. Ein Werk voller Kitsch und Pathos, absichtlich stillos, selten schön anzusehen, immer voller Energie. Es passt in eine Zeit, in der Museen sich darum bemühen, Marginalisierte und Marginalisiertes ins Rampenlicht zu rücken, und politisch engagierte Kunst eine Renaissance erlebt. Die Botschaft ist wichtiger als die Form. Zugleich gehören diese Arbeiten, genau wie David Wojnarowicz selber, in eine bestimmte Epoche und ein Milieu, für die es heute keine Entsprechung gibt. Wojnarowicz ist eher als Figur interessant, denn als Künstler relevant. Doch in den Unvereinigten Staaten von heute rekrutiert und reanimiert man zumal in der Kulturszene alle Rebellen, die man kriegen kann.

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