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StartseiteMusikjournalFür Musik brennen, ohne selbst auszubrennen05.08.2019

"Davos Festival" für junge MusikerFür Musik brennen, ohne selbst auszubrennen

Das "Davos Festival" in den Schweizer Alpen will jungen Musikerinnen und Musikern an der Schwelle zur professionellen Laufbahn eine Plattform bieten. Sie sollen die Gelegenheit bekommen, konzentriert künstlerisch Neues einzustudieren, sich aber auch mit Menschen im gleichen Lebensabschnitt auszutauschen.

Von Julia Kaiser

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Eröffnungskonzert "Apres le silence la coupure" mit dem Trio Sora, (Davos Festival/ Yannick Andrea)
Davos Festival 2019: Eröffnungskonzert "Apres le silence la coupure" mit dem Trio Sora, (Davos Festival/ Yannick Andrea)
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Musik: Dieter Ammann, Après le Silence

Das Klaviertrio Sōra spielt Dieter Ammanns zutiefst physisches Werk "Après le silence" zum Auftakt des Davos Festivals mit dem diesjährigen Thema "Einschnitt". Es klingt als würde ein Team aus drei Chirurginnen dem Patienten eine hässliche Geschwulst aus dem Innersten schneiden. Mechanisch stemmen Violine, Violoncello und Klavier Klangschichten weg, dann operieren sie gemeinsam. Mal setzt das Klavier den Ton an wie ein Skalpell, dann zieht die Geige einen feinen Schnitt, später das Cello, bis das Publikum quasi mit offenem Herzen dasitzt und kaum zu atmen wagt. Die drei Französinnen zeigen höchste Musikalität und Unerschrockenheit im Umgang mit einem Musikstück, das der Komponist selbst als einen "Befreiungsschlag" nach einer 15-monatigen inneren Tonlosigkeit beschreibt, in der er keine Musik mehr komponieren konnte.

Der erste Einschnitt ist getan, das Publikum ist offen für die Ideen und Künstlerpaarungen, die Intendant Oliver Schnyder in den kommenden zwei Wochen in Davos vorstellen wird.

Oliver Schnyder: "Der Einschnitt in der Musik ist natürlich sehr vielschichtig. Es fängt an bei den Einschnitten, die Komponisten widerfahren sind, während sie spezielle Werke geschrieben haben, dann Werke, die aufgrund von Einschnitten in einem bestimmten Lebensabschnitt entstanden sind, solche haben wir viele hier im Festival. Dann die Idee, dass Einschnitte auch ganz praktischer Natur sein können. Was zum Beispiel Mozart an Fragmenten hinterlassen hat, wollen wir auch ein bisschen zeigen. Und dann haben wir musikalisch-formale Einschnitte. Wenn wir zwei Wochen lang in unserer Davos Festivalbox die Sonatas und Interludes von John Cage haben, dann sind die Interludes ganz sicher auch Einschnitte."

"Cage in a Box" lautet in diesem Jahr das Thema im kleinsten Konzertsaal der Welt. Ein Container mit Parkettboden, Akustikelementen aus dem hier heimischen, duftenden Arvenholz an der Rückseite und verglaster Front mitten auf dem Dorfplatz am Bubenbrunnen. . Die John-Cage-Spezialistin Petra Ronner zeigt dem jungen Pianisten Frederic Badger noch einmal die Präparationen des Konzertflügels, der in der Mitte steht, ein einziger roter Ledersessel für genau einen Zuschauer ist davor platziert.

Fünf Minuten Privatkonzert

Fünf Minuten dauert jedes Privatkonzert. Die Musik dringt nicht nach außen, das 1-Personen-Publikum erlebt sie mit dem Pianisten exklusiv. Durch die Fenster schweift der Blick über die Berge ringsum, Wanderwege schlängeln sich hier und dort in den Wald. Eine Landschaft, die Ernst Ludwig Kirchner so oft gemalt und Thomas Mann in seinem Roman "Der Zauberberg" beschrieben hat.

Auf selbigem, der Schatzalp, endet im mondänen Luftkurhotel der erste musikalische Festivalspaziergang. Mit einem Gespräch zwischen der Kulturhistorikern Eva Gesine Baur und dem Festivalgründer Michael Haefliger. Die beiden sprechen über dessen Vater, den Tenor Ernst Haefliger, aber auch über den Kern des Davos Festivals, nämlich jungen Musikerinnen und Musikern an der Schwelle zur professionellen Laufbahn eine Plattform zu bieten. In Davos sollen sie die Gelegenheit bekommen, konzentriert künstlerisch Neues einzustudieren, sich aber auch mit Menschen im gleichen Lebensabschnitt auszutauschen.

Michael Haefliger: "Das ist eine große Möglichkeit für junge Künstlerinnen und Künstler, und das sind ja wirklich hier hochkarätige Musikerinnen und Musiker, die eine große Zukunft vor sich haben, die aber diese Plattform brauchen, die nicht zu vorgeformt ist, die Offenheit hat. Und es bietet sich hier auch die Möglichkeit, sich innerhalb von zwei Wochen mit vielen hochkarätigen Kollegen zu treffen und darüber nachzudenken. Und dafür ist Davos heute schon ziemlich einzigartig."

Erfahrene Musiker geben ihr Wissen weiter

Den eigenen Lebenseinschnitt in die Professionalität bedenken, sich gegenseitig musikalisch beflügeln, dafür kommen die jungen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten in Davos zusammen. Dazu mischen sich Musikstudierende, die Jahr für Jahr im Streichorchester Davos Festival Camerata spielen. In diesem Jahr gibt es sogar ein Programm für very young artists, die hier den Duft der großen weiten Musikwelt schnuppern. Und Oliver Schnyder hat nach amerikanischem Vorbild ein Mentorenprogramm eingeführt, bei dem erfahrene Musikerinnen und Musiker in Kammermusikgruppen ihr Wissen an die jungen Musiker weitergeben.

Ein Coup ist Schnyder dabei in seinem ersten und einzigen Jahr als Intendant des Davos Festivals gelungen. Er hat András Schiff dazu bewegen können, zum ersten Mal nach Davos zu kommen. Ein Konzert spielt der Pianist nicht, aber er gibt einen öffentlichen Meisterkurs. Mit dem Trio Sōra arbeitet er an Beethovens Klaviertrio op. 70/2, dem weniger bekannten Schwesterwerk des berühmten Geistertrios.

András Schiff engagiert sich weltweit mit Meisterkursen für den musikalischen Nachwuchs, humorvoll und immer wieder mit werkbiografischen Exkursen. In Davos und mit dem Geist des Davos Festivals fühlt er sich sehr im Einklang.

"Ich bin zum ersten Mal hier und es ist eine Riesen-Überraschung, wie wunderschön es hier ist. Ich bin auf dem Zauberberg, und "Der Zauberberg" ist einer meiner Lieblingsromane. Und ich finde dieses Festival sehr erfrischend und sehr positiv."

Das Menschliche in der Musik verstehen

Von der Schubertiade in Schwarzenberg hat sich Andras Schiff kürzlich nach vielen Jahren im Streit getrennt. Was er dabei dem Publikum und vor allem jungen Künstlerinnen und Künstlern mit auf den Weg geben will, ist das Menschliche in der Musik.

"Karriere ist schon ein schmutziges Wort – geworden. "Laufbahn" ist besser. Viele junge Leute leiden an, ich nenne es Karrieritis. Dass sie anstatt an den Komponisten und die Musik… Die Liebe zur Musik, die muss brennen. Was wir tun, ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Ein Privileg! Wenn das in einem Menschen nicht intensiv brennt, mit einem inneren Feuer, dann soll man lieber was Anderes tun. Mit Demut und Bescheidenheit, dann wird auch etwas passieren, davon bin ich völlig überzeugt."

Für die Musik brennen und das Feuer weitertragen, ohne selbst auszubrennen – dafür bietet das Davos Festival eine Plattform, was durch die Ruhe und Abgeschiedenheit des Ortes, in der Natur sicher noch begünstigt wird.

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