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StartseiteMusikjournalMit Klangmaterial spielen07.08.2017

Davos FestivalMit Klangmaterial spielen

Zwei Wochen arbeiten 70 junge Künstler beim Davos Festival zusammen. Unter dem diesjährigen Motto "Spielplatz" nehmen sie ihre Welt auseinander und setzen sie wieder neu zusammen. Spannende Klangerlebnisse bieten sich dem Besucher - und der kleinste Konzertsaal der Welt.

Von Julia Kaiser

Der kleinste Konzertsaal der Welt: Spielbox. (Deutschlandradio/Julia Kaiser)
Der kleinste Konzertsaal der Welt: Spielbox. (Deutschlandradio/Julia Kaiser)
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Musik: Małe Instrumenty

Hundert Instrumente sind auf der Bühne, wenn das polnische Ensemble Małe Instrumnety auftritt, mindestens. Klangschalen, Vogelpfeifen, Harmonika, diverse Kunststofftröten und Mini-Instrumente für Kinder und allerhand Selbstgebautes. Die Gruppe als "Spielzeugorchester" zu bezeichnen, das greife viel zu kurz, sagt der Bontempi-Organist und Ölkannen-Bassist Pawel Romainczuk.

"Małe bedeutet klein. 'Kleine Instrumente' ist also die Übersetzung. So haben wir angefangen, mit sehr kleinen Klangobjekten. Aber nicht nur Spielzeugen. Wir suchen ständig nach Gegenständen, mit denen wir neue Klänge erzeugen können, die anders sind als von traditionellen Instrumenten. Über 600 haben wir schon gefunden oder selbst gebaut. Es gibt immer Neues zu entdecken, das wir basteln können, eine unerschöpfliche Klangwelt."

70 junge Künstler aus der ganzen Welt

Instrumente entwickeln und neue Musik Komponieren, also mit Klangmaterial spielen, ist eine oft mühevolle und unbedingt ernst zu nehmende Angelegenheit. Ebenso wie der Weg junger Musiker ins Berufsleben, für die das Davos Festival of Young Artists vor 31 Jahren entstanden ist. 70 junge Künstler aus der ganzen Welt arbeiten hier zwei Sommerwochen lang zusammen. Kreatives und Einzigartiges neu zu betrachten, dabei geht es bei dem diesjährigen Motto des Davos Festivals. "Spielplatz" ist hier ein Ort, an dem musikalisch versierte und hoch begabte junge Künstler ihre Welt spielerisch auseinandernehmen und neu zusammenfügen.

Genial ist schon der Auftakt des ersten Konzertes. Die Komposition "Incidental Music" von George Brecht weist einen Pianisten an, bunte Bauklötze im Klavier zu stapeln, bis der Turm umstürzt und die Steine über die Saiten hüpfen. Diesen Impuls nimmt der Cellist des Aris-Quartetts auf und beginnt mit dem Allegro Vivace aus Mendelssohn-Bartholdys Streichquartett f-Moll.

Musik: Mendelssohn Quartett op. 80 Allegro vivace assai

Die Musik gewinnt durch den spielerischen Impuls eine unerwartete Dynamik, während das Publikum die erwartende Spannung auf den Moment des Turmsturzes gleich mit in das nächste Stück nimmt. Festivalintendant Reto Bieri schafft dadurch einen Moment ungeteilter Aufmerksamkeit für das Musikerlebnis.

"Das ist eigentlich genau die Herausforderung. Und das ist es auch, was ich erlebbar machen möchte. Das ist vielleicht das Wort dafür. Dass man über Spielklötze und das Vibrieren von Saiten auf das Vibrieren von Cellosaiten kommt und Mendelssohn auslöst. Und Mendelssohn wiederum unsere Herzensbewegung auslöst, was uns Mendelssohn ganz neu hören lässt. Das finde ich einfach grandios."

Mit Sprache und Klangfarben jonglierende Komposition

Überbordende Konzerterlebnisse sind nicht vorhersehbar – aber man kann den Anreiz dazu im Programm schaffen, und das geschieht nicht nur durch wortspielerische Konzerttitel wie Heimspiel mit Werken von Schweizer Komponisten, Spielzeugschachtel oder Monopoly mit einem Programm aus Wien oder Paris. HK Grubers lustvoll mit Sprache und Klangfarben jonglierende Komposition "Frankenstein" für Chansonnier und Ensemble führt Musiker und Zuschauer in einen Hör-Rausch.

Musik: "Frankenstein"

Jeder Musiker bedient in seiner Stimme mindestens noch ein klingendes Spielzeug, sodass sich auf der Bühne ein Blubbern, Klingeln und Fiepen mit den durchaus virtuosen Streicher- und Bläserpassagen collagiert, als sei man mit Chansonnier Daniel Perez bei Alice im Wunderland, was dieser in einer Textpause hingebungsvoll am violetten Kindersaxophon mit bunten Tasten weiterträumt.

Musik:"Frankenstein"

Alles zwischen Jahrmarkt und Miniatur ist im Programm des Davos Festival zu finden, lauter inspirierende Situationen sagt Intendant Reto Bieri:

"Deshalb hat es für mich eben zu diesem Titel geführt, 'Spielplatz' und nicht Spiel. Man kann solche Spielplätze einrichten, wo solche Dinge geschehen, wo das Spiel passieren kann. Ein Kind spielt, und ein Mensch würde auch einfach spielen – wenn er dürfte. Er merkt nur nicht, dass er so eingespannt ist in diese Gesellschaft, dass er eben nicht mehr spielen kann und nicht mehr spielen darf. Das ist für mich ganz entscheidend, dass man immer wieder ein Umfeld schaffen muss, wo etwas passieren kann. So erträume ich mir eigentlich ein Festivalzusammensein, wie wir es hier versuchen zu machen."

Spielbox - ein sehr intimer Konzertraum

Reto Bieri erträumt sich viel und setzt es dann bei seinem Festival in die Tat um. So ist er mit einer Handskizze zu einem Davoser Schreinermeister und später zu einem Münchener Akustik-Ingenieur gegangen. Herausgekommen ist der kleinste Konzertsaal der Welt. Die Spielbox, etwa so groß wie ein kleiner Lkw, ist von allen Seiten verglast, hat einen hölzernen Boden und eine handgeschnitzte Rückwand mit Wellenstruktur. Auf acht Quadratmetern Fläche stehen ein Konzertflügel und ein Zuhörersessel. Die Neugierigen vor dem Schaukasten hören durch die dicken Glaswände keinen Ton. Die Musik, die von einem Künstler für einen Besucher gespielt wird, bleibt drinnen und der Regen rauscht dazu.

"Guten Tag, ich heiße Gilles und werde für Sie ein Stück von Silvestrov spielen. Das ist eine Uraufführung. Der Komponist war im letzten Jahr hier und hat dieses Stück extra für diese Spielbox komponiert. Es heißt 'Davos See Barcarole' und es ist geschrieben: 'Klavier mit vollständig geschlossenem Deckel', er will also etwas wirklich Leises und Intimes."

Musik: "Silvestrov"

Die Akustik wirkt intim, aber wie in einem viel größeren Raum. Durch die Eins-zu-eins-Situation teilen der Pianist und sein fremder Zuhörer die allerhöchste Aufmerksamkeit und sind sich sehr nah. Unangenehm ist das nur für wenige Sekunden. Nur anfangs habe es etwas Überwindung gekostet, sagt der Schweizer Pianist Gille Grimaitre.

"Stell dir vor, du triffst jemanden und dann fängst du an, über dich zu sprechen. Aber sehr intim und tief. Das finde ich eigentlich das Schwierigste, aber auch das Spannendste."

Dem individuellen Zuhörer in diesem kleinsten Konzertsaal der Welt wird genauso viel Verantwortung für den flüchtigen Moment der Musik-Realisierung übertragen wie dem Spielenden, egal, wie viel Musikerfahrung er hat. Diese Gleichberechtigung überfordert nicht, sondern lässt den Spielbox-Besucher ein Stück wachsen und an Erfahrung reicher werden. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse auf dem Spielplatz des Davos Festivals.

Musik: "Silvestrov"

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