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StartseiteSport am WochenendeGuillou: "Die Tour de France ist Teil des französischen Erbes"28.03.2020

Debatte über Absage des GroßeventsGuillou: "Die Tour de France ist Teil des französischen Erbes"

Während die Olympischen Spiele sowie die EM schon verschoben worden sind, wartet man in Frankreich mit dem Großevent "Tour de France" noch ab. Der französische Radsport-Reporter Clément Guillou erklärt im Dlf-Gespräch die Gründe.

Clément Guillou im Gespräch mit Matthias Friebe

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Massensprint bei der Tour de France (picture alliance /dpa / Dirk Waem)
Massensprint bei der Tour de France (picture alliance /dpa / Dirk Waem)
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Matthias Friebe: Man hält weiter an der Tour de France fest. Wie lange geht das noch?

Clément Guillou: Die ASO, die Tour-Organisatoren, denken, dass man noch bis einen oder zwei Monate davor Zeit hat, eine Entscheidung zu treffen. Die Tour de France ist eine gut organisierte Maschine. Sie können fast mit einer Woche Vorlauf das Rennen organisieren, alle Hotels sind gebucht, die Städte sind geplant. Sie können viel länger warten als bei Olympia oder der Fußball-EM. Bei der Tour wird man vielleicht bis Mai warten können mit einer Entscheidung.

Matthias Friebe: Es werden ja auch andere Szenarien diskutiert, Marc Madiot, einer der Teamchefs brachte noch mal eine Tour hinter verschlossenen Türen ins Gespräch. Ist das überhaupt realistisch?

Clément Guillou: Dieses Szenario wurde von der Regierung ins Spiel gebracht, die Idee kommt wahrscheinlich von der Sportministerin. Eine Tour hinter verschlossenen Türen, also ohne Publikum am Straßenrand, ohne Publikum an Start und Ziel. Wie realistisch das während der Etappe ist, kann man nicht wissen, aber bei Start und Ziel kann man eine Zone ohne Publikum haben. Das hatten wir schon bei Paris-Nizza, nach dem die ersten Beschränkungen in Frankreich beschlossen waren. Das ist eine Idee, die nach unseren Informationen, die von der ASO gerade stark überlegt wird, sie haben auch mit den Sponsoren darüber gesprochen. Das ist aber keine gute Idee für die Fernsehstationen, die Show ist eine andere und auch für die Etappenorte. Die nutzen die Tour auch, um ihren Bürgern etwas zu bieten. Das würde ein harter Kampf für die ASO sein, die Bürgermeister zu überzeugen.

Matthias Friebe: Aber man könnte ja sagen, alleine der Tour-Tross aus Fahrern und Betreuern wäre zu groß. Da besteht doch ein enormes Infektionsrisiko, wenn sich dieser Tross durch Frankreich bewegt?

Clément Guillou: Natürlich. Bis jetzt ist es auch nur eine These und die ASO hat auch noch nicht öffentlich darüber gesprochen. Das sind schwer umzusetzende Maßnahmen, aber natürlich denkt jedes Team im Feld, es ist besser eine Tour hinter verschlossenen Türen zu haben als keine. Das hat wirtschaftliche Gründe und dafür braucht man Veränderungen in der Art und Weise, wie die Tour in den Medien übertragen wird.

Matthias Friebe: Sie haben die Sportministerin schon erwähnt: Roxana Maracineanu. Sie hat gesagt, es sei zu früh für eine Entscheidung. Warum ist die Politik so zögerlich?

Clément Guillou: Das erste, dass Sie wissen müssen: es gibt eine enge Verbindung zwischen den Tour-Organisatoren und dem französischen Staat. Die Tour verlässt sich natürlich zum Beispiel darauf, die Straße für das Rennen zu haben. Man braucht Polizei- und Feuerwehrleute, 29.000 von ihnen sind während der Tour im Einsatz. Es ist eine enge Partnerschaft zwischen den Organisatoren und der Regierung. Die Regierung und natürlich Monsieur Macron werden entscheiden, ob die Tour starten kann. Aber man kann davon ausgehen, dass die Regierung das Rennen erhalten will, weil es ein großes Zeichen der Hoffnung im Juli sein kann, wenn wir die Krise hoffentlich überstanden haben.

,,Die Tour de France ist wie Notre-Dame, wie der Louvre"

Matthias Friebe: Die Tour sei von größter Bedeutung, sagt die Sportministerin auch. Was heißt das konkret – warum ist die Tour so eine große Sache für Frankreich?

Clément Guillou: Die Tour de France ist wie Notre-Dame, wie der Louvre. Es ist Teil des französischen Erbes. Die Tour ist der beste Weg, Frankreich in der Welt bekannt zu machen. Mehr noch, sie ist ein Motor für die Tourismus-Industrie im Juli. So viele Menschen aus der ganzen Welt kommen in die Tour-Städte und in die Berge. Es ist ein sehr bedeutsamer Teil der französischen Tourismus-Industrie.
 
Matthias Friebe: Es gibt ja auch Diskussion über die wirtschaftlichen Auswirkungen, sollte die Tour abgesagt werden. Wie wichtig ist das Rennen in wirtschaftlicher Hinsicht für das Land?

Clément Guillou: Das ist schwer zu bewerten. Das größte Problem werden die Teams haben, weil die Tour das größte Rennen im Jahr ist und die Tourismus-Industrie. Aber Frankreich hat noch andere Möglichkeiten in Sachen Tourismus. Also ich denke nicht, dass die Tour eine große wirtschaftliche Bedeutung für das Land hat, wichtig ist die Tour für die Organisatoren und für den Radsport.

"Bis jetzt kein Thema in öffentlichen Diskussionen"

Matthias Friebe: Wie diskutiert man das in Frankreich, spricht man darüber, ob es eine gute oder schlechte Idee ist, das Rennen zu starten?

Clément Guillou: Nein, bis jetzt ist es kein Thema in öffentlichen Diskussionen. Jeder konzentriert sich auf die Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Aber nach der Verlegung der Fußball-EM und der Olympischen Spiele ist die Tour de France das größte Sport-Event, das im Sommer geplant ist. Es wird zum Thema in den Medien werden, für die Bürger aber erst später, nehme ich an. Schon bei Paris-Nizza, das am 14. März zu Ende gegangen ist, zwei Tage vor der Ausgangssperre, war es aber schockierend zu sehen, dass das Rennen noch lief, während das Land schon auf die Beschränkungen vorbereitet wurde. Aber die Tour de France ist in drei Monaten, da macht man sich jetzt noch keine Sorgen drum.

Matthias Friebe: Die Organisatoren weisen darauf hin, dass nur die beiden Weltkriege zum Ausfall der Tour geführt haben. Was halten Sie für wahrscheinlich – was wird am Ende passieren?

Clément Guillou: Ich weiß es wirklich nicht. Viel wird davon abhängen, wie sich die Pandemie entwickelt. Man kann davon ausgehen, dass die ASO, wenn die Zahl der Fälle Mitte Ende April zurückgeht, die Kraft und den Willen haben wird, am Rennen festzuhalten und die Regierung könnte das erlauben. Das Argument mit den beiden Weltkriegen ist nach der Verlegung der Fußball-EM und der Olympischen Spiele nicht mehr stichhaltig, weil diese beiden Events größer sind als die Tour de France. Und sie haben nicht gezögert oder nur ein wenig gezögert. Am Ende kam es zur Verlegung. So wäre die Tour de France die Ausnahme.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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