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StartseiteThemaWie lange hält der Corona-Impfschutz?12.10.2021

Debatte über Booster-ImpfungenWie lange hält der Corona-Impfschutz?

Die Wirkung der Coronaimpfungen lässt mit der Zeit etwas nach. Deshalb bietet die Bundesregierung gefährdeten Gruppen eine dritte Dosis an. Wer bekommt die Auffrischungsimpfung und wann ist sie sinnvoll? Ein Überblick.

Zwei Mitarbeitende des Impfzemtrums ziehen Spritzen mit Corona-Impfstoffen auf (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
Viele Menschen in Deutschland sind inzwischen vollständig geimpft. Benötigt man womöglich bald eine Auffrischung und wenn ja, wann? (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
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Der Impfschutz einer Coronaimpfung lässt mit der der Zeit etwas nach. Darum wird bereits seit Monaten über eine dritte Impfung diskutiert - allerdings nicht für gesunde jüngere Menschen. Die dritte Dosis soll dem nachlassenden Immunschutz vorbeugen. Denn durch den sogenannten Booster können sich deutlich mehr Antikörper gegen das Coronavirus bilden.

Interview mit Leif Erik Sander von der Charité in Berlin zur Dauer der Corona-Immunität (12.10.2021)

Wer bekommt die Auffrischungsimpfung?

Die Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister der Länder haben im Einvernehmen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) entschieden, "dass Personen, bei denen nach einer vollständigen Impfung möglicherweise keine ausreichende oder eine schnell nachlassende Immunantwort vorliegt, eine Auffrischimpfung angeboten wird", heißt es auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministerums.

Die Ständige Impfkommission hat am 07.10.2021 grundsätzlich eine Corona-Auffrischungsimpfung für Menschen ab 70 Jahren empfohlen. Zudem soll Bewohnern und Bewohnerinnen von Altenheimen sowie Pflegepersonal und anderen Mitarbeitern mit direktem Kontakt zu Betreuten in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen eine Auffrischungsimpfung angeboten werden, wie die Stiko in Berlin mitteilte. Gleiches gelte für das Personal in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt. 

Die Stiko verwies zur Begründung darauf, dass der Impfschutz nach einer zweimaligen Corona-Grundimmunisierung "mit der Zeit insbesondere in Bezug auf die Verhinderung asymptomatischer Infektionen und milder Krankheitsverläufe nachlässt". Im höheren Alter falle die Immunantwort nach der Impfung zudem insgesamt geringer aus, und sogenannte Impfdurchbrüche, also Erkrankungen trotz vollständiger Impfungen, könnten häufiger auch zu einem schweren Krankheitsverlauf führen.

Die Auffrischimpfung soll mit einer Dosis einer der beiden mRNA-Vakzine (Biontech oder Moderna) mindestens sechs Monate nach Abschluss der ersten Impfserie durchgeführt werden.

Auch die Europäische Arzneimittelbehörde empfiehlt für Risikogruppen eine Auffrischungsimpfung mit diesen Vakzinen. Wie die EMA in Amsterdam am 04.10.21 mitteilte, sollten Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem frühestens nach 28 Tagen eine dritte Dosis erhalten können. Für Personen mit einem normal arbeitenden Immunsystem könne eine sogenannte Booster-Impfung ab einem Alter von 18 Jahren und mindestens sechs Monate nach der zweiten Dosis in Betracht gezogen werden.

Weitere Impfung auch bei Johnson & Johnson

Die Stiko hat außerdem eine weitere Impfung für Menschen empfohlen, die mit dem Vakzin von Johnson & Johnson geimpft wurden. Grund dafür sind eine überdurchschnittliche Zahl an Impfdurchbrüchen und die vergleichsweise geringe Schutzwirkung gegen die Delta-Variante. Wer mit dem Einmal-Impfstoff geimpft wurde, soll sich etwa vier Wochen danach mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen. Das gilt sowohl für ältere als auch jüngere Menschen.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht 
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Wie lange reicht der Schutz nach einer zweiten Impfung?

Schwere Verläufe brauchen die meisten zweifach Geimpften nicht mehr zu fürchten, betont Christine Dahlke vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Schließlich gibt es neben den Antikörpern auch andere Elemente des Immunsystems, etwa Gedächtniszellen. Ebenfalls spielen T-Zellen eine zentrale Rolle bei der Abwehr der Viren. Das Problem ist allerdings: Sie sind im Labor bislang nur sehr kompliziert nachweisbar. Die dazu benötigten Tests können nur Speziallabore durchführen, die dabei entstehenden Datenmengen gelten als schwierig zu beherrschen. Zudem sind die Kosten immens.

Eine Corona-Auffrischungsimpfung bei Menschen über 60 Jahren erhöht die Schutzwirkung des Biontech-Vakzins einer Studie zufolge beträchtlich. So habe es bei Zweifach-Geimpften in Israel mehr als zehn Mal so viele nachgewiesene Infektionen und knapp 20 Mal mehr schwere Erkrankungen gegeben als bei Dreifach-Geimpften, schrieben israelische Forscher im September "New England Journal of Medicine". In der Studie wurden Daten von mehr als einer Million Senioren in Israel berücksichtigt.

Gerade für Ältere sowie für Menschen aus anderen Risikogruppen sei dies auch medizinisch sinnvoll, betont der Infektiologe Leif Erik Sander mit Verweis auf im Sommer als als Preprint veröffentlichte Zwischenergebnisse einer Studie seiner Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité. Diese bestätigt, dass die Immunantwort von älteren Menschen auf die Impfung deutlich stärker nachlässt als bei jüngeren.

Bei vier von zehn Menschen in einer Gruppe, deren Durchschnittsalter in der Studie bei 82 Jahren lag, seien nach einem halben Jahr keine neutralisierenden Antikörper mehr gegen die Delta-Variante feststellbar. Im Vergleich dazu bestimmte die Forschungsgruppe auch den Antikörperspiegel bei Charité-Mitarbeitern, die im Durchschnitt 35 Jahre alt waren. Diese hatten immer noch zu mehr als 97 Prozent neutralisierende Antikörper gegen die Delta-Variante - obwohl beide Studiengruppen zur gleichen Zeit mit dem gleichen Vakzin (Biontech) geimpft worden waren.

Welche globalen Pläne gibt es für die Dritt-Impfung?

Auffrischungs- bzw. Booster-Impfungen laufen bereits in mehreren Ländern. In Israel haben mittlerweile alle Geimpften die Möglichkeit, frühestens fünf Monate nach der zweiten Dosis eine Auffrischungsimpfung zu bekommen. In den USA wurde eine Impfauffrischung bei Personen über 65 Jahren sowie bei Menschen mit bestimmten medizinischen Einschränkungen und in Hochrisikoberufen empfohlen.

Der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus hatte ein Moratorium für Booster-Impfungen mindestens bis Ende September gefordert, "damit zehn Prozent der Bevölkerung in allen Ländern geimpft werden können". Denn Drittimpfungen in den Industrieländern verlangsamen die ohnehin nur schleppend verlaufenden Impfkampagnen im globalen Süden. 

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Eine Möglichkeit wäre, Drittimpfungen nur zu verabreichen, sollte ein Antikörpertest tatsächlich Schwächen in der Immunantwort anzeigen. Wenn es außerdem gelingt, durch vorsichtiges Verhalten die Viruszirkulation weiter auf niedrigem Niveau zu halten, könnte sich der Schutz der gefährdeten Personen in Deutschland mit einem schnellen Fortschreiten der globalen Impfprogramme vereinbaren lassen. Das wäre nicht nur aus ethischen Gründen wichtig, sondern auch, um die Entstehung von Virenvarianten zu verlangsamen, die den Immunschutz weiter untergraben könnten.

Für die wäre nebenbei bemerkt kein neuartiger Impfstoff notwendig. Christine Dahlke vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf hat beobachtet, dass eine dritte Dosis nach einem Jahr die Immunantwort deutlich steigert. Auch das sollte helfen, mögliche Varianten mit abzufangen. Auf längere Sicht wäre eine Drittimpfung also sinnvoll – und zwar überall auf der Welt.

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Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

(Quellen: Interview Sprechstunde 13.7.2021, Volkart Wildermuth/
Interview Forschung aktuell 22.9.2021, Christina Sartori in Sprechstunde am 28.9., "New England Journal of Medicine" und Sander laut dpa-Meldungen aus dem August und September)

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