Mittwoch, 29.09.2021
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteThemaWie lange hält der Impfschutz?22.09.2021

Debatte über Booster-ImpfungenWie lange hält der Impfschutz?

Die Wirkung der Coronaimpfungen lässt mit der Zeit etwas nach. Deshalb bietet die Bundesregierung gefährdeten Gruppen eine dritte Dosis an. Einen "Booster" für alle halten Experten derzeit aber nicht für notwendig. Die WHO fordert ein Moratorium für Drittimpfungen bis mindestens September. Ein Überblick.

Zwei Mitarbeitende des Impfzemtrums ziehen Spritzen mit Corona-Impfstoffen auf (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
Viele Menschen in Deutschland sind inzwischen vollständig geimpft. Benötigt man womöglich bald eine Auffrischung und wenn ja, wann? (picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA)
Mehr zum Thema

Corona-Impfung ab zwölf Jahren Sollten Eltern ihre Kinder nun impfen lassen?

Pflicht, Aufklärung, Anreize Wie man die Impfquote erhöhen kann

Coronavirus Aktuelle Zahlen und Entwicklungen

Debatte um Ungeimpfte Reicht ein Schnelltest bald noch aus?

Erste Untersuchungen und die rasche Verbreitung der Delta-Variante geben Hinweise darauf, dass der Schutz durch eine Corona-Impfung mit der Zeit offenbar schwindet. Dies hat die Diskussion verstärkt, ob und vor allem wann eine Impfauffrischung über eine dritte Dosis notwendig wird.

Am 03.08.2021 haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern über mögliche dritte Impfdosen – zunächst für Risikogruppen – beraten. Das Bundesgesundheitsministerium hatte zuvor vorgeschlagen, dass bestimmte Personengruppen bereits ab September mit einem mRNA-Vakzin erneut geimpft werden sollten, also mit Biontech oder Moderna. Allerdings haben die Experten der Ständigen Impfkommission bisher noch keine Empfehlung zu dem Thema gegeben, weder für noch gegen eine Booster-Impfung. Viele Ärzte und Ärztinnen hingegen haben sich einigen können, dass die Dritt-Impfung für Hochbetagte und für Menschen mit einer Immunschwäche sinnvoll ist. Ob sechs oder neun Monate nach der zweiten Impfung – darüber gibt es allerdings keine eindeutigen Daten aus den laufenden Studien.

Wie lange reicht der Schutz nach einer vollständigen Impfung?

Daten von Mitte Juli 2021 aus Israel – wo sehr früh geimpft wurde – als auch von BioNTech/Pfizer zeigten, dass nach drei Monaten die Antikörper-Level ungefähr um ein Drittel gefallen waren. Schwere Verläufe brauchen die meisten Geimpften aber nicht mehr zu fürchten, betont Christine Dahlke vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Schließlich gibt es neben den Antikörpern auch andere Elemente des Immunsystems, etwa Gedächtniszellen. Auch das zeigen die Daten. Ebenfalls spielen T-Zellen eine zentrale Rolle bei der Abwehr der Viren. Das Problem ist allerdings: Sie sind im Labor bislang nur sehr kompliziert nachweisbar. Die dazu benötigten Tests können nur Speziallabore durchführen, die dabei entstehenden Datenmengen gelten als schwierig zu beherrschen. Zudem sind die Kosten immens.

Wenn die Antiköperspiegel sinken, liegt der Schutz vor schweren Verläufen aber immer noch bei über 90 Prozent, jedenfalls beim Durchschnitt der Bevölkerung, sagt der Virologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité. Sehr alte Menschen und Personen mit eingeschränkter Immunfunktion wie etwa Transplantationspatienten bilden deutlich weniger Antikörper und Gedächtniszellen, als andere Gruppen. Für sie würde Sander eine dritte Impfung empfehlen und zwar auch bevor es wirklich harte Daten über eine Zunahme von Todesfällen gibt.

Welche globalen Pläne gibt es für die Dritt-Impfung?

Pläne für eine Auffrischungs- bzw. Booster-Impfung gibt es nicht nur in Deutschland und Großbritannien, in Israel werden sie schon umgesetzt. Davon hält der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation Tedros gar nichts: "Die WHO fordert ein Moratorium für Booster-Impfungen mindestens bis Ende September, damit zehn Prozent der Bevölkerung in allen Ländern geimpft werden können." Denn Drittimpfungen in den Industrieländern verlangsamen die ohnehin nur schleppenden Impfprogramme im globalen Süden. 

Kontroverse um Booster-Impfungen
Die WHO hat ein Moratorium für die sogenannten Booster-Impfungen gefordert – diese verlangsamen die Impfprogramme im globalen Süden verbunden mit der Gefahr der Entstehung neuer Varianten.

Eine Möglichkeit wäre, Drittimpfungen nur zu verabreichen, sollte ein Antikörpertest tatsächlich Schwächen in der Immunantwort anzeigen. Wenn es außerdem gelingt, durch vorsichtiges Verhalten die Viruszirkulation weiter auf niedrigem Niveau zu halten, könnte sich der Schutz der gefährdeten Personen in Deutschland mit einem schnellen Fortschreiten der globalen Impfprogramme vereinbaren lassen. Das wäre nicht nur aus ethischen Gründen wichtig, sondern auch, um die Entstehung von Virenvarianten zu verlangsamen, die den Immunschutz weiter untergraben könnten.

Für die wäre nebenbei bemerkt kein neuartiger Impfstoff notwendig. Christine Dahlke vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf hat beobachtet, dass eine dritte Dosis nach einem Jahr die Immunantwort deutlich steigert. Auch das sollte helfen, mögliche Varianten mit abzufangen. Auf längere Sicht wäre eine Drittimpfung also sinnvoll – und zwar überall auf der Welt.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht 
Die EU-Behörde EMA hat bisher drei Corona-Impfstoffe zugelassen – von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca. Wie die Impfstoffe wirken, was über Nebenwirkungen bekannt ist und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt – ein Überblick.

Wird es standardmäßige Auffrischungsimpfungen geben?

Perspektivisch sei eine dritte Dosis wahrscheinlich für alle notwendig, schätzt auch Dlf-Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth. Man wisse zum Beispiel von den vor SARS-CoV-2 verbreiteten Coronaviren, dass man sich im Abstand von Jahren auch mehrfach mit ihnen anstecken könne. Das führte bei den früheren Coronaviren dann nur zu einem Schnupfen – bei SARS-CoV-2 wäre es ein größeres Problem.

Auch die Impfhersteller Moderna und Biontech/Pfizer rechnen mit einer Abnahme der Wirksamkeit ihrer Vakzine und damit, dass eine dritte Impfung nötig wird - nicht zuletzt wegen der Virus-Varianten. Die Pharmafirmen arbeiten bereits an den entsprechenden Impfstoffen und haben Anträge auf Zulassung gestellt. Perspektivisch gehen sie davon aus, dass man wie bei der Grippeimpfung eine jährliche Auffrischung benötigen wird. Selbstverständlich wollen die Unternehmen aber auch ihren Impfstoff verkaufen. Die Notwendigkeit von Impfauffrischungen müsste daher von unabhängiger Seite untersucht und beurteilt werden.

Emer Cooke, Chefin der Europäischen Arzneimittelagentur, nimmt zwar ebenfalls an, dass eine Auffrischung nötig werden könnte – aber ob dies flächendeckend wirklich schon nach einem Jahr nötig sei, müsse man abwarten. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

(Quellen: Interview Sprechstunde 13.7.2021, Volkart Wildermuth/
Interview Forschung aktuell 22.9.2021, Christina Sartori)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk