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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas bisher Errungene nicht fahrlässig aufs Spiel setzen11.05.2020

Debatte über Corona-EinschränkungenDas bisher Errungene nicht fahrlässig aufs Spiel setzen

In Deutschland seien zwar Grundrechte eingeschränkt worden, die Maßnahmen seien aber im Vergleich zu anderen Ländern in Europa milder gewesen, kommentiert Panajotis Gavrilis. Wenn viele jetzt glaubten, geltende Regeln missachten zu können, dann sei die zweite Infektionswelle wohl schneller da als gedacht.

Von Panajotis Gavrilis

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Menschen sitzen im Berliner Volkspark am Weinberg auf der Wiese, darunter viele junge Menschen, und genießen die sommerlichen Temperaturen bei Sonnenschein. (imago / Jens Schicke)
Draußen, aber zu voll und bei zu wenig Abstand: meist junge Menschen im Berliner Volkspark am 8. Mai (imago / Jens Schicke)
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Wer am vergangenen Wochenende in manchem Berliner Park bei strahlend blauem Himmel unterwegs war, hätte meinen können: Corona ist schon wieder vorbei! Menschengruppen sitzen biertrinkend im Halbkreis, umarmen sich zum Teil, manche küssen sich zur Begrüßung. Von Abstand, von der nötigen Distanz, um eine mögliche Tröpfcheninfektion zu vermeiden, keine Spur. Die Gesundheit des anderen zu schützen – das war gestern.

Und dann die bundesweiten Demonstrationen: Tausende sind auf die Straße gegangen, gegen die Maßnahmen und Einschränkungen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Dabei wurden Abstandsregeln missachtet, Schutzmasken nicht getragen.

Und dann spricht vor einem Millionen-Fernsehpublikum immerhin der Bundestags-Vize-Präsident Wolfgang Kubicki diesen einen Satz aus, der zurecht für Empörung sorgt: "Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben."

Das Narrativ der angeblichen Unterdrückung

Wie bitte? Es klingt wie ein egoistische und keine solidarische Definition von Eigenverantwortung. Er setzt mit solchen Äußerungen fahrlässig alles bisher Errungene aufs Spiel und gibt denen Recht, die gerade dabei sind, den Corona-Diskurs zu bestimmen: Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, AfD-Politiker, aber auch FDP-Politiker wie Thomas Kemmerich, Rechtsradikale, Reichsbürger, Antisemiten, sie alle spinnen ihr Narrativ der angeblich Unterdrückten.

Ja, in Deutschland werden aktuell Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit eingeschränkt, die Maßnahmen treffen viele Unternehmer, Gastronomen hart und die Kritik daran sollte gehört werden. Aber die Maßnahmen, auch das gehört zum vollständigen Bild dazu, waren im Vergleich zu anderen europäischen Ländern milder.

Es gab keinen kompletten Lockdown

Um nur ein Beispiel zu nennen: In Spanien durften nach 42 Tagen Kinder erstmals wieder raus, um zu spielen. Nach 42 Tagen. Es ist nicht lange her, als die Maßnahmen dort gelockert wurden und unter 14-Jährige für eine Stunde pro Tag mit einem Elternteil das Haus verlassen konnten.

Es gibt die Sorge, dass hierzulande die Infektionszahlen wieder in die Höhe schießen. Sie ist nicht unberechtigt. Die Reproduktionszahl stieg zuletzt erneut über dem kritischen Wert. Es ist aber noch unklar laut Robert-Koch-Institut, ob sich daraus ein Trend ablesen lässt. Dennoch sollten wir nicht weniger vorsichtig werden. Wenn viele so weiter machen, ist die zweite Infektionswelle vermutlich schneller da als gedacht. Dabei sind die Grundregeln doch klar: Unnötigen Kontakt vermeiden, Abstand halten, Mundschutz tragen, Rücksicht nehmen. So schwer ist das doch nicht.

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