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StartseiteInterview"Kirche ist geprägt vom Misstrauen gegenüber dem Handeln des Einzelnen"13.10.2018

Debatte über den Fall Wucherpfennig"Kirche ist geprägt vom Misstrauen gegenüber dem Handeln des Einzelnen"

Die Debatte über den Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig habe gezeigt, dass in der Institution Kirche ein tiefgreifendes Misstrauen gegenüber dem Gewissen des Einzelnen herrsche, sagte er Münsteraner Theologe Michael Seewald im Dlf. Der ganze "kirchliche Denunziations- und Überwachungsapparat" müsse überdacht werden.

Michael Seewald im Gespräch mit Christine Heuer

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Blick über den Petersplatz im Vatikan in Rom (picture alliance / Lars Halbauer)
Der Vatikan übt weltweit Einfluss auf die Theologen aus. So wie im Fall von Ansgar Wucherpfennig. (picture alliance / Lars Halbauer)
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Christine Heuer: Aufregung also in der katholischen Kirche. Seit Tagen ruft die Causa Ansgar Wucherpfennig immer mehr Theologen, Geistliche und Laien in Deutschland auf den Plan. Der Theologe hatte sich in Interviews kritisch zum Umgang der Kirche mit Homosexuellen geäußert. Der Vatikan verweigert ihm nun das Nihil obstat, die für die Lehre notwendige Unbedenklichkeitserklärung. Michael Seewald ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Uni Münster und geweihter Priester. Ich habe ihn gestern sprechen können und zuerst gefragt, was eigentlich das Schlimme ist an Ansgar Wucherpfennigs Situation.

Michael Seewald: Das Schlimme an der Situation ist, dass Rom offenbar doppeldeutig agiert. Auf der einen Seite haben wir einen Papst, der die Theologie explizit ermutigt, im Sinne kirchlicher Reform zu denken. Es gibt vom Papst eine apostolische Konstitution von Anfang dieses Jahres, also so eine Art Verfassungsordnung, nach der die Bildungskongregation verfahren soll. Darin heißt es, dass die Theologie so etwas wie ein kulturelles Laboratorium zu sein habe, dass die Theologie an einem umfassenden Paradigmenwechsel, heißt es dort wörtlich, mitzuwirken habe. Das ist das, was der Papst sagt. Und jetzt sehen wir, dass die Bildungskongregation und die römische Kurie, die ja eigentlich ein nachgeordneter Verwaltungsapparat des Papstes ist, ganz anders agiert. Und diese Diskrepanz macht es für Theologen sehr schwierig, die gegenwärtige Lage adäquat einschätzen zu können.

Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Rom wolle Wucherpfennig wegen liberaler Äußerungen über Homosexualität und Frauen in der Kirche aus dem Amt drängen.  (picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Rom wolle Wucherpfennig wegen liberaler Äußerungen über Homosexualität und Frauen in der Kirche aus dem Amt drängen. (picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)

Heuer: Das heißt, Ansgar Wucherpfennig weiß jetzt einfach nicht, was er glauben soll?

Seewald: Genau. Das hat er ja auch gesagt. Er hat sich auf das verlassen, was der Papst sagt, und ist nun damit gegen die Wand gefahren.

"Für viele Theologen natürlich eine Krise"

Heuer: Der Kölner Theologieprofessor Hans-Joachim Höhn hat gesagt, in solchen Fällen, wo die Unbedenklichkeitserklärung nicht ausgestellt wird, da empfänden Theologen, die das betrifft, auch Scham. Das hat mich überrascht. Wieso?

Seewald: Weil für die Theologie als Theologie natürlich die konfessionelle Bindung ganz zentral ist. Katholische Theologie lebt von ihrer Verbindung mit der katholischen Kirche. Evangelische Theologie lebt aus ihrer Verbindung mit den jeweiligen evangelischen Kirchen. Und wenn diese Verbindung grundsätzlich in Frage gestellt wird und einem das Prädikat "katholisch" oder "evangelisch" abgesprochen wird, dann ist das für viele Theologen natürlich eine Krise, die wirklich in die Identität ihres Schaffens hineingeht.

Heuer: Also ein Misstrauensvotum, geradezu ein Ausstoß?

Seewald: So wird es von vielen wahrgenommen, die natürlich auch um ihren Ruf und ihren Rang in der Scientific Community fürchten, wenn ihnen dieses Prädikat abgesprochen wird und sie dadurch natürlich auch Schwierigkeiten haben, auf Lehrstühle zu kommen, oder erst gar nicht überhaupt Professoren werden können.

Heuer: Wie häufig kommt denn eigentlich so etwas vor, dass der Vatikan Theologen, ich sag das mal weltlich gesprochen, kaltstellt?

Seewald: Die Dunkelziffer, in der das vorkommt, ist relativ hoch. Viele dieser Fälle erblicken gar nicht das Licht der kritischen Öffentlichkeit, weil Leute, die bisher noch niemand kennt, die aber einen Ruf auf einen Lehrstuhl haben, denen das Nihil obstat verweigert wird. Es gibt andererseits einige spektakuläre Fälle, in denen das Nihil obstat dann entzogen wurde. Das ist aus den 70er-Jahren zum Beispiel noch der Fall von Hans Küng, der vielen im Bewusstsein ist. Aber es kommt dann doch relativ häufig so ein Mittelding vor, dass die Lehrerlaubnis nicht entzogen wird, aber das einzelne Dinge beanstandet werden und Theologen dann durchaus auch genötigt werden, bestimmte Dinge zu widerrufen oder zu korrigieren.

Muster des Drucks aus dem Vatikan

Heuer: Mit welchen Mitteln, auf welche Weise übt denn der Vatikan oder die Bildungskongregation, im schlimmen Fall die Glaubenskongregation da Druck aus auf die Betroffenen? Wie funktioniert das im Praktischen?

Seewald: Das Muster ist immer gleich. Die Bildungskongregation schreibt über den Nuntius in Berlin an die zuständigen Ortsbischöfe. Und in diesem Schreiben an die Ortsbischöfe sind bestimmte Anweisungen enthalten, was die Ortsbischöfe ihren Theologen kommunizieren sollen und wozu sie diese Theologen bringen. Und das sind ganz unterschiedliche Dinge, die da drinstehen können. Es kann zum Beispiel ein Widerruf einer umstrittenen These verlangt werden. Es kann Zensur angeordnet werden. Der Instrumentenkasten ist breit, und der ist natürlich eine hochproblematische Angelegenheit, weil die Theologie als Fach an einer staatlichen säkularen Universität natürlich genauso Anteil hat an der Freiheit der Forschung und der Lehre, wie sie das Grundgesetz garantiert. Das heißt, hier begibt sich die Bildungskongregation mit den Instrumenten, die sie auffährt, in eine auch staatskirchenrechtlich nicht unproblematische Situation.

Heuer: Nun sage ich mal als katholischer Theologe, der ich natürlich nicht bin, was passiert, wenn ich dann sage, ich widerrufe aber nicht, ich bleibe bei meiner Meinung?

Seewald: Das kommt darauf an, wie der Ortsbischof sich dazu stellt und wie ernst das die Kongregation nimmt und wie sozusagen die politische Gesamtgemengelage ist. Häufig, muss man sagen, wird versucht, diese Konflikte sozusagen hinter den Kulissen zu lösen. Die deutschen Bischöfe sind da auch in so einer eigenartigen Zwischenstellung. Auf der einen Seite finden sie das Gebaren der Bildungskongregation in vielen Fällen problematisch und versuchen, sozusagen nach oben hin beschwichtigend zu wirken. Auf der anderen Seite wird natürlich auch viel Druck vonseiten der Bischöfe dann an die Theologen weitergegeben. Und was jetzt im Einzelfall dort passiert, das hängt immer von der Gesamtgemengelage ab und ist für Einzelne natürlich schwer berechenbar. Und das ist ein Problem, weil es in der Kirche häufig so was wie Rechtssicherheit nicht gibt. Viele Theologinnen und Theologen wissen zum Beispiel gar nicht genau, was ihnen vorgeworfen wird. Das heißt, es wird mit anonymer Denunziation gearbeitet. Irgendwer wendet sich nach Rom. Viele wissen nicht genau, wer oder welche Hintergründe da sind, und dann werden teilweise willkürlich Maßnahmen verhängt, die in einem demokratischen Rechtsstaat eigentlich undenkbar wären.

Innerkirchliches Zensurverfahren

Heuer: Wir wollen das nicht verschweigen, Professor Seewald, Sie haben das selbst erlebt, zuletzt mit dem Versuch, dass Ihr Buch "Dogma im Wandel" nicht veröffentlicht werden sollte. Was ist da genau passiert?

Seewald: Ja, da hat die Bildungskongregation auch sozusagen Angst vor dem Titel des Buches gehabt und hat deshalb angeordnet, dass dieses Buch nicht veröffentlicht werden soll, bevor es nicht ein innerkirchliches Zensurverfahren durchlaufen hat. Das heißt, dass innerkirchlich bestimmt wird, ob dieses Buch nun das Licht der Welt erblicken darf oder nicht. So war die Anordnung. Und das ist natürlich eine vollkommen absurde Forderung. Jeder Theologe, der einem wissenschaftlichen Ethos verpflichtet ist, kann so was nur kategorisch zurückweisen, und das habe ich dann auch getan und seitdem dann auch nichts mehr gehört. Aber allein schon die Idee – dass jemand auf die Idee kommt, Zensur anzuordnen, um das Erscheinen eines wissenschaftlichen Buches zu verhindern, ist natürlich hochproblematisch.

Heuer: Da sind Sie sehr widerständig. Muss man charakterlich besonders widerständig sein, um dem Druck aus Rom dann gegebenenfalls standzuhalten?

Seewald: Ich will mich jetzt nicht mehr heroisieren, als ich tatsächlich bin. Aber was man sicher sagen kann, ist, dass man in der Kirche auch eine dicke Haut braucht und einiges an Widerstandskraft aufwenden muss, wenn man in dieser Institution nicht untergehen will.

Heuer: Was beobachten Sie denn in der Kollegenschaft? Haben katholische Theologen in Deutschland, haben viele von denen so was wie eine Schere im Kopf?

Seewald: Das kommt darauf an. Was man sich sicher fragt, ist, wie das, was man sagt oder schreibt, dann von irgendwem böswillig missverstanden werden kann, sodass es einem dann problematisch ausgelegt wird. Wie sehr dieses Bewusstsein den einzelnen oder die einzelne Theologin davon abhält, kritische Dinge zu sagen, das ist, denke ich, eine individuelle Frage. Bei mir, muss ich ehrlich sagen, löst das eher den gegenteiligen Reflex aus, dass ich mich immer zwinge zu Klarheit und mich frage, habe ich jetzt meine Meinung auch wirklich klar genug und unmissverständlich genug ausgedrückt.

"Bischöfe sind in der Pflicht"

Heuer: Es wurde ja lange geschwiegen. Im Fall Ansgar Wucherpfennig reden jetzt aber viele, auch viele stellen sich gerade in Deutschland hinter ihn. Wie kommt so was in Rom an? Wie ernst nimmt der Vatikan diese Kritik dann eben auch an seinen Verfahrensweisen?

Seewald: Das kommt darauf an. Derjenige, der zunächst mal diese Kritik hört und entsprechend handeln müsste, das wären die deutschen Bischöfe, denn die deutschen Bischöfe sind verantwortlich für das, was in der katholischen Kirche in Deutschland vor sich geht. Und diese Maßnahmen gehen ja in der Regel auch über die Schreibtische der Bischöfe. Insofern sind die Bischöfe jetzt in der Pflicht, in Rom deutlich zu machen, dass es bestimmte Maßnahmen und bestimmte Arten des Umgangs gibt, die in Deutschland einfach nicht akzeptabel sind, weil die Theologie in Deutschland sich auch in einer weltkirchlich gesehen besonderen Situation befindet. Theologie in Deutschland ist Teil der staatlichen säkularen Universität. Das heißt, Theologinnen und Theologen, die auf Lehrstühlen sitzen, sind Landesbeamte, sind auf Lebenszeit verbeamtet und genießen verfassungsmäßige Rechte, die auch die katholische Kirche zu achten hat. Die zweite Problematik ist die, dass die Bischöfe in Rom einfordern sollten, dass sie als Bischöfe verantwortlich sind. Die römische Kurie ist in dogmatischer Hinsicht kein Leitungsinstrument, sondern sie ist nur eine nachgeordnete Behörde, die den Papst dabei unterstützt, seine Leitungsaufgaben wahrzunehmen.

"Auch die Kirche muss gewisse Grenzen achten"

Heuer: Also das ist der Appell an die Bischöfe. Geht es unterm Strich in dieser Art von Streitigkeiten um Wahrheit oder um Macht, Herr Seewald?

Seewald: Es geht, denke ich, um beides. Ich würde den Kurialen, die hier am Werk sind, schon unterstellen, dass sie das sozusagen aufrichtigen Gewissens tun und das durchsetzen wollen, was sie selbst als wahr erachten. Aber man muss natürlich auch sagen: Es ist nicht alles erlaubt, sondern es gibt bestimmte Grenzen, vor allem dort, wo das Gewissen und die Freiheit des Einzelnen betroffen sind. Es gibt gewisse Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, und zwar kategorisch nicht überschritten werden dürfen. Und diese Grenzen muss auch die Kirche achten.

Heuer: Glauben Sie, dass sie das tun wird? Glauben Sie, jetzt im konkreten Fall Ansgar Wucherpfennig wird der Vatikan einlenken?

Seewald: Ich wage da keine Prognose. Aber ich würde mir sehr wünschen, dass das ganze System von kirchlicher – wie soll man sagen –, dieser kirchliche Denunziations- und Überwachungsapparat, dass das überdacht wird. Die Institution ist geprägt von einem tiefgreifenden Misstrauen gegenüber dem Handeln und dem Gewissen des Einzelnen. Und dieses Misstrauen, das muss sie überwinden, weil die Institution Kirche nur dann funktioniert, wenn sie ein positives Verhältnis zur Freiheit einzelner Christinnen und Christen findet, und nicht, wenn sie diese Freiheit einfach abbügelt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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