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StartseiteKommentare und Themen der WocheWie wir uns Menschen mit Down-Syndrom vom Leib halten11.04.2019

Debatte über Gentests für SchwangereWie wir uns Menschen mit Down-Syndrom vom Leib halten

Mit den Tests auf Trisomie 21 würden wir zu einer inhumanen Gesellschaft, die sich einer fragwürdigen Selbstoptimierung verschrieben habe, kommentiert Stephan Detjen. Dass die Krankenkassen solche Tests für schwangere Frauen schon bald bezahlen, sei so gut wie sicher. Es sei ein Abschied von vielen Prinzipien.

Von Stephan Detjen

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Ein sogenannter "Praena-Test", der über eine vorgeburtliche Blutentnahme Aufschluss über eine mögliche Erkrankung des Kindes an Trisomie 21 geben soll, liegt auf einem Tisch. (Tobias Kleinschmidt /dpa / lsw)
Schon bald von der Kasse bezahlt? Ein Test auf Trisomie (Tobias Kleinschmidt /dpa / lsw)
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Als der Britische Mediziner John Langdon-Down um 1880 erstmals das später nach ihm benannte Syndrom beschrieb, nannte er als besondere Auffälligkeit neben äußerlichen  Merkmalen eine Reihe charakterlicher Wesenszüge. Die als mongolisch bezeichneten Menschen seien in besonderer Weise "heiter und humorvoll", "angenehm" im Umgang, "ausgesprochen liebevoll" und "frei von jeder Bösartigkeit". Langdon-Downs Studien im damals noch sogenannten "Earlswood Asylum for Idiots" trugen dazu bei, Menschen mit Trisomie 21 als Teil einer Menschheit wertzuschätzen, deren Ganzheit in der Vielfalt ihrer Variationen und Besonderheiten des Menschlichen besteht.

Abtreibung als erste Wahl

Knapp 140 Jahre später haben es die medizinisch hochgerüsteten Gesellschaften des Westens geschafft, sich Menschen mit Trisomie 21 sprichwörtlich vom Leibe zu halten. 90 Prozent aller vor der Geburt mit dem sogenannten Down-Syndrom diagnostizierten Kinder werden in Deutschland abgetrieben. Sie werden Opfer eines Denkens, in dem Abweichungen von einer optimierten Norm als abwendbarer Schaden und die Geburt von Down-Kindern nur als vermeidbares Risiko angesehen werden. Die bevorstehende Entscheidung über die Kassenfinanzierung von Bluttests, die vor allem zur Früherkennung der Trisomie 21 genutzt werden, wird diese, die eigentliche Dimension des Themas kaum noch berühren. Der Bundestag muss lediglich beantworten, ob die Tests ein Privileg der Besserverdienenden bleiben sollen. Das Parlament wird daher absehbar den Weg für die Kassenzulassung der Tests frei machen.

Fragwürdige Selbst-Optimierung

Pränatal-Diagnostik ist längst und unwiderruflich zum Instrument einer inhumanen Selektionslogik geworden. Die allgemein akzeptierte Verhinderung von Menschen mit dem Down-Syndrom ist nur möglich, weil die unmittelbare Begegnung mit ihnen immer wieder erfolgreich vermieden wurde. Früher wurden sie weggesperrt. Heute werden sie abgetrieben. Die Gesellschaft, die das zulässt und befördert, hat gar kein Gespür mehr für den Verlust an Wärme, Herzlichkeit und Lebensfreude, den sie sich damit selbst zufügt. Sie hat sich einer fragwürdigen Selbstoptimierung verschrieben, die das menschliche Maß verloren hat. Wo heute die Abtreibung von Kindern mit Down-Syndrom hingenommen wird ohne zutiefst darüber zu erschrecken, wird es morgen keinen Halt geben, wenn Haar- oder Augenfarbe, Charaktermerkmale oder Intelligenz zu Kriterien der vorgeburtlichen Selektion werden.

Heuchlerische Wehklagen

In der selektiven Gesellschaft sucht sich jeder aus, wen er oder sie als Mitmenschen neben sich zulassen möchte. Im Bundestag wurde das nirgendwo so deutlich wie in den heuchlerischen Wehklagen jener AfD-Politiker, die heute eine "Willkommenskultur für Menschen mit Behinderungen" forderten, um ab morgen wieder die rassistische Selektion an den deutschen Grenzen zu propagieren. Beides aber hängt unmittelbar zusammen. Es hat mit einem Menschenbild zu tun. Eine Gesellschaft, die sich als wirklich human versteht, nimmt die Vielfalt des Menschlichen in allen Beziehungen an und zieht die Praxis der Inklusion auf allen Ebenen der kalten Logik der Selektion vor.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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