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StartseiteKommentare und Themen der WocheWeniger diskutieren, mehr verordnen25.03.2019

Debatte über ImpfpflichtWeniger diskutieren, mehr verordnen

Braucht Deutschland eine Impfpflicht für Kinder, um der Zunahme der Masern-Erkrankungen entgegen zu wirken? Ja, meint Volker Finthammer. Wer nicht geimpft sei, werde zur Ansteckungsgefahr für Mitmenschen.

Von Volker Finthammer

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Eine Ärztin impft ein Kind, es sitzt auf dem Schoß des Vaters. (Imago / Mareen Fischinger)
Angesichts einer erneuten Häufung der Masern-Fälle in Deutschland ist eine neue Debatte um die Einführung einer Impfpflicht entbrannt. (Imago / Mareen Fischinger)
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Manchmal weiß man einfach nicht mehr, was man noch sagen soll. Egal wo man hinschaut, die Menschen genießen – sofern sie es denn können – alle Vorzüge des modernen Lebens. Fliegen übers Wochenende mal eben nach Barcelona oder Tunis, weil es da in dieser Jahreszeit wärmer und angenehmer als in der kalten Heimat ist.

Die meisten sind auch in der Ferne ständig bestens vernetzt und über die sozialen Netzwerk ununterbrochen in Kontakt, damit ja nichts verpasst wird und man immer auf den Laufenden ist. Läuft eben möchte man meinen. Aber dann schlägt oft genug auch das irrationale Verhalten oder die selbst verschuldete Unmündigkeit durch und dann werden aus eigentlichen Selbstverständlichkeiten Religionen und Pseudo-Wissenschaften für die es kaum nachvollziehbare sachliche Gründe gibt.

Die Impfgegner gehören in meinen Augen dazu. Unbestritten gibt es Menschen bei denen eine Impfung gesundheitliche Schäden ausgelöst hat mit denen sie ein Leben lang zu kämpfen haben. Das sind tatsächlich bedauernswerte Schicksale. Aber ist der von den Impfgegnern gezogene Umkehrschluss, wenn ich mich nicht impfen lasse, kann mir das oder anderes auch nicht passieren deshalb richtig? Bestimmt nicht.

Unverantwortlich und egoistisch

Diese stark individualisierte Risikobewertung ist unverantwortlich und egoistisch und übersieht ganz nebenbei, dass nicht geimpfte Menschen in einer hypermobilen Zeit potentielle Risikoträger für andere sind. Sie werden zu einer Ansteckungsgefahr für ihre Mitschüler oder Kollegen und das nur, weil sie dem Glauben anhängen, sich selbst so besser vor möglichen Krankheiten und Folgewirkungen schützen zu können.

Wobei, die Kinder möchte ich da in Schutz nehmen. Nicht sie, sondern ihre Eltern fröhnen dem Glauben, ohne Impfung besser durchs Leben zu kommen. In Belgien und in Frankreich gibt es die Impfpflicht bereits und es nicht bekannt, dass das zu größeren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. Auch Italien beschloss im vergangenen Jahr nach einem Masern-Ausbruch Pflichtimpfungen für alle Kinder und Jugendliche einzuführen.

In Deutschland aber fröhnen wir lieber der Leidenschaft des "entweder oder" und verharren im fortwährenden Grundsatzstreit. Stattdessen könnte es gewiss viel sinnvoller sein, eine Debatte über bessere und moderne Impfstoffe zu führen, die das Risiko von möglichen Folgeschäden noch weiter begrenzen.

Damit wäre der Sache geholfen, aber nicht mit einem weiteren Glaubenskrieg. Schade nur, dass sich auch der Gesundheitsminister von dieser Debatte schon hat verunsichern lassen. Von einer allgemeinen Impfpflicht möchte auch Jens Spahn offenbar nichts wissen, sondern will stattdessen mehr für die Aufklärung tun, anstatt entschlossen ein Zeichen zu setzen. Der Wahnsinn nimmt kein Ende, weil sich da wieder jeder raussuchen kann, was sie oder er für richtig hält.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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