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StartseiteInformationen am MorgenWirtschaftsfaktor versus Gesundheitsschutz08.01.2020

Debatte über WindkraftanlagenWirtschaftsfaktor versus Gesundheitsschutz

In Schleswig-Holstein ist die Windkraft ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Einnahmen aus Bürgerwindparks gehen dort teilweise an Kitas und Schulen, die sich damit eine bessere Ausstattung leisten können. Doch die Anlagen machen auch Lärm und bringen Anwohner um den Schlaf.

Von Johannes Kulms

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Viele Windräder stehen in der Landschaft von Dithmarschen (picture-alliance / dpa / imageBROKER / Michael Dietrich)
Dithmarschen ist eine Hochburg der Windkraft (picture-alliance / dpa / imageBROKER / Michael Dietrich)
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Dithmarschen ist eine Hochburg der Windkraft. In dem Landkreis an der Schleswig-Holsteinischen Westküste drehen sich rund 1.000 Windräder. Christiane Stolzenberg freut sich einerseits über die sauber erzeugte Energie.

Anderseits findet sie, "dass die Landschaft so verschandelt wurde. Dass man also wirklich, wenn man nach Dithmarschen kommt, nur noch Windmühlen sieht, ist schade. Ich fahre gerne in Urlaubsgebiete, wo keine Windmühlen sind."

Die 53-Jährige leitet die Kindertagesstätte in Süderdeich. Rund um das 500-Einwohnerdorf drehen sich dutzende Windkraftanlagen in Sichtweite. Dazu gehören auch die drei Räder des 2016 eröffneten Bürgerwindparks.

Bürgerwindpark-Einnahmen gehen teilweise an Kitas und Schulen

Über eine Stiftung gehen rund 20.000 Euro der Bürgerwindpark-Einnahmen jedes Jahr an Schulen und Kindertagesstätten in der Umgebung. In Stolzenbergs Kita konnte so die Lernwerkstatt ausgestattet werden.

Kinder können jetzt selber einen Elektrokreislauf aufbauen, "um zum Beispiel aus einem Lautsprecher Happy Birthday rauszubringen oder eine Lampe zum Leuchten zu bringen."

Windräder und eine Hochspannungsleitung stehen auf einem Feld. (dpa) (dpa)Wirtschaftsminister Altmaier - "Ausbau der Windenergie bürgerverträglich gestalten"
Man wolle Hindernisse zur Genehmigung von Windparks abbauen, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Dlf. Windenergie solle auch an Land und auf hoher See weiter ausgebaut werden. Gleichzeitig nehme man aber auch die berechtigten Sorgen vieler Menschen ernst, sagte der CDU-Politiker.

Gemeinden und Anwohner stärker an den Einnahmen aus dem vor ihrer Haustür erzeugten Windstrom zu beteiligen – so wie es vor kurzem auch die SPD angeregt hat – sei doch eine gute Idee. Und eine Chance, Kritiker zu besänftigen.

"Ob sie nun wirklich Freunde werden weiß ich nicht. Aber ich glaube, es würde ihnen zumindest deutlich leichter fallen, eine Windmühle vor der Nase zu haben und Nutznießer zu sein und einmal davon in den Urlaub fahren zu können. Also, ich glaube, mit Geld ist alles machbar!"

Tatsächlich ist die Windkraft gerade für das strukturschwache Dithmarschen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Alleine für Süderddeich käme durch die Anlagen jedes Jahr ein sechsstelliger Betrag an Gewerbesteuer herein sagt Wilhelm Borcherding.  Er verweist auf den Nachbarort Wesselburen, wo für mehr als 18 Millionen Euro gerade eine neue Schule errichtet wurde.

"Und ohne die Gewerbesteuereinnahmen in den umliegenden Gemeinden von Wesselburen aus der Windkraft wäre dieser Bau schlicht einfach nicht möglich gewesen."

Windkraft als Wirtschaftsfaktor für die Region

Wilhelm Borcherding ist Geschäftsführer des Bürgerwindparks von Süderdeich. 47 Anwohner haben sich an dem Projekt mit einem Betrag von 500 Euro beteiligt. Heute liefern die drei 130 Meter hohen Anlagen genügend Strom um umgerechnet 6.000 Privathaushalte zu versorgen.

"Gerade das ist ja das schöne an den Bürgerwindparks, dass man die Leute einbringen kann, dass sie auch was davon haben. Und dann auch der Windkraft letztendlich positiv gegenüberstehen."

Nach Schätzungen des Bundesverbands Windenergie gibt es in ganz Deutschland rund 750 Bürgerwindparks. Mit Blick auf die Akzeptanz seien Bürgerwindparks noch wertvoller als das von der SPD geforderte Windbürgergeld, heißt es von dem Lobbyverband aus Berlin. Wilhelm Borcherding sieht noch einen anderen Weg. Er ist dafür, für Betroffene die Strompreise zu senken.

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"Dass sie sagen, Mensch, der Strom kommt vielleicht sogar aus der Anlage und ich habe es aber viel günstiger als einer, der in der Stadt wohnt und den die Windmühlen vielleicht überhaupt nicht interessieren, überhaupt nicht stören. Aber ich auf dem Lande muss die nun erdulden. Und wenn ich nun den Strompreis für einige Cents günstiger kriege, dann kann man sich ja vielleicht mit anfreunden."

Debatte über Abstände der Windkraftanlagen

Für Susanne Kirchhof geht die ganze Debatte dagegen am eigentlichen Problem vorbei. Viel wichtiger sei, die Immissionsschutzrichtwerte zu überarbeiten und damit den Gesundheitsschutz ernst zu nehmen.

"Wir haben einfach das das Problem, dass die großen Rotoren in immer tieferen Frequenzen Schall imitieren. Und das ist das, was die Leute um ihren Schlaf bringt und krank macht. Und da ist ja mit einer finanziellen Beteiligung erstmal nicht geholfen."

Seit Jahren kämpft Kirchhof als Vorsitzende des Vereins "Vernunftkraft" in Schleswig-Holstein für größere Abstände von Windkraftanlagen zu Siedlungen und Häusern.  Die Bestimmungen, wo und unter welchen Bedingungen künftig Windräder errichtet werden dürfen, bereitet der Landesregierung seit Jahren Kopfzerbrechen. Auch in Schleswig-Holstein ist die Errichtung von neuen Anlagen praktisch zum Erliegen gekommen.

Doch den SPD-Vorschlag, das Klagerecht einzuschränken um damit Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, weist Windkraft-Kritikerin Susanne Kirchhof zurück.

"Wir haben Gesetze und jeder Mensch muss in der Lage sein, gemäß diesen Gesetzen sein Recht auch irgendwie durchzusetzen. Dafür haben wir unseren Rechtsstaat. Und das einzuschränken, das geht gar nicht!"

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