Kommentare und Themen der Woche 29.05.2020

Debatte um Christian DrostenVirologen auf dem Schlachtfeld der MedienVon Stephan Detjen

Beitrag hören Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie am Charité, der Universitätsmedizin Berlin (picture alliance/Michael Kappeler/dpa-pool/dpa)Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie am Charité, der Universitätsmedizin Berlin (picture alliance/Michael Kappeler/dpa-pool/dpa)

Die "Bild"-Zeitung hat in mehreren Artikeln Forschungsergebnisse des Berliner Virologen Christian Drosten infrage gestellt. Die zitierten Wissenschaftler distanzierten sich jedoch von der Berichterstattung. Der "Bild" gehe es nur um Streit als Selbstzweck der Medien, kommentiert Stephan Detjen.

Der Verdienst des Virologen Christian Drosten ist es nicht allein, einer breiten Öffentlichkeit Wissen über die Epidemie zu vermitteln. Drosten lebt im Gesprächspodcast des NDR einen Modus des Denkens vor, der auch da, wo das Wissen des Virologen endet, einen Schlüssel zum Umgang mit den Ungewissheiten, offenen Fragen und Entscheidungsnöten dieser Zeit liefert. Eine Millionen-Hörerschaft verfolgt seit Wochen, wie sich Drosten forschend, lesend und lernend in der Krise vorantastet. Der regelmäßige Verweis auf Grenzen der eigenen Kompetenz, die Bereitschaft, eigene Forschungsergebnisse infrage zu stellen und Widerlegung nicht als Niederlage, sondern als Gewinn für das eigene Wissen zu betrachten, liegen quer zu den Eigengesetzlichkeiten der Kommuniklation in den Massenmedien.

Umso erstaunlicher ist der Erfolg des Podcasts, der eigentlich als Folge kurzer, vermeintlich hörergerechter Erklärsequenzen geplant war. Die Macher in der NDR-Redaktion hatten sowohl Drosten als auch ihr eigenes Publikum unterschätzt. Der Virologe und seine Hörerschaft nahmen sich mehr Zeit, wollten es genauer wissen und widerlegten damit eine publizistische Formatideologie, die den Glauben daran aufgegeben hat, dass es auch in Massenmedien ernsthaft - und erfolgreich - um Wissen gehen könnte.

Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter des Instituts fuer Virologie der Charite Berlin, am 29.01.2020 in einem der Labore im Institut für Virologie.  (laif / Andreas Pein) (laif / Andreas Pein)Kommentar - Die "Bild"-Zeitung greift in die unterste Schublade 
Mit gutem Journalismus habe der jüngste "Bild"-Artikel über Christian Drosten nichts zu tun, kommentiert Ralf Krauter. Das Blatt liefere Verschwörungstheoretikern Futter und unterstelle methodische Fehler - ohne sie zu benennen.

Die Epidemie wird zum Spektakel

Das konnte so nicht nur gut gehen. Drostens Erfolg musste eine Provokation vor allem für Medien und Journalisten sein, die Öffentlichkeit nur als Schlachtfeld verstehen, auf dem permanent Polarisierung als Selbstzweck erzeugt werden muss. Es geht dabei nicht mehr um den Gewinn von Erkenntnis, sondern nur noch darum, Stoff zu produzieren, aus dem Geschichten von Sieg und Niederlagen zusammengeschneidert werden.

Die "Bild"-Zeitung ist die Meisterin dieses Fachs, andere eifern ihr nach, auch solche, die es nicht nötig haben. Sie brauchen dafür Protagonisten, die gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Der erfolglose Versuch von "Bild"-Journalisten, internationale Wissenschaftler mit hanebüchenen Methoden gegen Drosten in Stellung zu bringen, öffnete in dieser Woche einen denkwürdigen Einblick in diese Methode. Andere Wissenschaftler haben sich freiwillig zu Puppen auf einer Bühne gemacht, auf der immer ein Krokodil gesucht wird, das den Kasperl beißt. Die Epidemie wird auf diese Weise zum Spektakel. Das kann in diesem Fall lebensgefährlich werden.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

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