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StartseiteKommentare und Themen der WocheImpft nach bestem Wissen und Gewissen10.03.2021

Debatte um Corona-ImpfungenImpft nach bestem Wissen und Gewissen

Die Gesellschaft steckt nicht nur in der Coronakrise, sondern auch in einer Vertrauenskrise, kommentiert Ann-Kathrin Jeske. Dies zeige die präventive Kritik an den Hausärztinnen und Hausärzten in der Impfkampagne. Dabei sollte man dem medizinischen Fachpersonal vertrauen - auch bei den Impfungen.

Ein Kommentar von Ann-Kathrin Jeske

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Ein Impfarzt bittet den nächsten Patienten in eine Impfkabine im am selben Tag eröffneten zweiten Impfzentrum im Vogtland. Hier können am Tag 240 Menschen geimpft werden. Damit sollen die Corona-Schutzimpfungen im besonders betroffenen Vogtland schneller als bisher vonstatten gehen. Künftig können sich alle Einwohner des Vogtlandes im Alter ab 18 Jahren impfen lassen, unabhängig von einer Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe. Damit soll dem Gebiet mit besonders hoher Inzidenz eine Hilfestellung gegeben werden. ( picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)
Coronavirus - Vogtland eröffnet zweites Impfzentrum ( picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)
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Erst wenn der letzte über 80-Jährige geimpft ist, darf die erste 79-Jährige an die Reihe kommen. Das fasst – auf die Spitze getrieben – zusammen, woran die Ständige Impfkommission und die Deutsche Stiftung Patientenschutz unbedingt festhalten wollen: Dass das Impfen fein säuberlich nach der festgelegten Reihenfolge vonstatten gehen soll, damit sich bloß niemand vordrängeln kann, der streng genommen noch gar nicht an der Reihe wäre.

So ärgerte sich Eugen Brosche von der Stiftung Patientenschutz: "Wenn es heißt, die Mediziner kennen ihre Patienten am besten, dann ist Willkür nicht weit." Der implizite Vorwurf in dieser Aussage ist ungeheuerlich: Deutschlands oberster Patientenschützer wirft den Hausärztinnen und Hausärzten mitten in einer Pandemie vor, dass sie Patienten an der Impfreihenfolge vorbei schleusen und bevorzugt impfen würden.

Die Verantwortung des Einzelnen

Die präventive Kritik an den Hausärztinnen und Hausärzten zeigt vor allem eines: Die Gesellschaft steckt nicht nur in der Coronakrise, sondern auch in einer Vertrauenskrise.

Diese Vertrauenskrise ließ sich schon bei der Debatte über Selbsttests beobachten. Darf man den Bürgerinnen und Bürgern wirklich zutrauen, sich selbst zu testen, lautete die Frage? Denn erstens könnten sie den Test falsch anwenden und zweitens könne niemand garantieren, dass sich positiv Getestete wirklich in Quarantäne begeben würden. Ja, das stimmt, aber mehr Testen ist sicherlich besser als weniger.

Eine Mitarbeiterin eines mobilen Impfteam spritzt einem Senioren in der Hausarztpraxis den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner) (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner)Impfungen und Priorisierung - Das ändert sich, wenn die Hausärzte impfen
Im zweiten Quartal 2021 sollen die niedergelassenen Ärzte mit in die Corona-Impfstrategie eingebunden werden. Die Politik hofft, so Schwung in die schleppende Impfkampagne zu bekommen. Auch die Impfpriorisierung soll aufgeweicht werden. Ein Überblick.

Im Kern geht es aber noch um eine ganz andere Frage: Wie viel Verantwortung trauen wir als Gesellschaft den Einzelnen zu? Die aktuelle Diskussion um das Impfen in Hausarztpraxen führt diese Frage ad absurdum. Denn: Anders als bei den Selbsttests geht es noch nicht einmal darum, Privatpersonen zu vertrauen, sondern der Berufsgruppe, die uns alle durch die Pandemie bringt – den Ärztinnen und Ärzten.

Menschenbild, das auf kollektivem Misstrauen fußt

Wenn aber die Ständige Impfkommission und die Stiftung Patientenschutz nicht einmal dem Fachpersonal zutrauen, verantwortungsvoll zu impfen und Vordrängelnde auszubremsen, kann sie in der Pandemie wohl auf niemanden mehr setzen.

So ein Menschenbild, das auf kollektivem Misstrauen fußt, ist gefährlich, weil es letztlich antidemokratisch ist. Liberale Demokratien gründen schließlich immer auf Vertrauen. Sie entscheiden sich dazu, nicht alles zu kontrollieren, was sie kontrollieren können und setzen darauf, dass es ausreicht, wenn sich der Großteil der Bevölkerung an Regeln hält. Das ist gut so.

Gelten sollte deshalb die Maxime: Impft nach bestem Wissen und Gewissen und zuerst all jene, die es besonders nötig haben. Und vor allem: Impft schnell und alles, was ihr habt!

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