Mittwoch, 20.01.2021
 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteKommentare und Themen der WocheBesser ein kurzer, harter Lockdown als ein langer "Halbschlaf"03.12.2020

Debatte um Corona-MaßnahmenBesser ein kurzer, harter Lockdown als ein langer "Halbschlaf"

Bund und Länder haben sich für ein Weiter-so ihrer halbherzigen Corona-Politik entschieden, kommentiert Panajotis Gavrilis. Dabei hat der Teil-Lockdown der vergangenen Wochen nicht den erhofften Effekt gebracht. Zudem droht bei den Maßnahmen erneut die Gefahr eines Flickenteppichs.

Ein Kommentar von Panajotis Gavrilis

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Schild ZUTRITT NUR MIT MUNDSCHUTZ im Eingangsbereich eines Modegeschaefts in einem Einkaufszentrum. Shopping Center,Maskenpflicht. Pandemie,Lockdown,Shutdown,Inzidenzwert. *** SHIELD ONLY ACCESS WITH MOUTH PROTECTION in the entrance area of a fashion store in a shopping center Shopping Center,Mask duty Pandemic,Lockdown,Shutdown,Incidence value (Imago Images / Sven Simon)
Der deutsche Lockdown "light": Shoppen ist weiter erlaubt (Imago Images / Sven Simon)

Alles bleibt, wie es ist. Ein Satz, der in diesen Zeiten ungewohnt klingt, fast schon undenkbar geworden ist. Cafés, Restaurants, Museen, Kinos – sie bleiben bis zum 10. Januar zu. Leider, aber es ist nötig.

Aufnahme aus der weihnachtlich geschmückten Innenstadt in Essen während des Teil-Lockdowns in der Coronapandemie im Dezember 2020 (Rupert Oberhäuser / dpa) (Rupert Oberhäuser / dpa)Diese Corona-Auflagen gelten bis 10. Januar Angesichts weiter hoher Corona-Zahlen wird der Teil-Lockdown in Deutschland bis 10. Januar verlängert. Seit Dezember gelten zum Teil verschärfte Auflagen. Für Weihnachten und Silvester soll es aber wieder Lockerungen geben.

Fast unscheinbar und nebenbei einigten Bund und Länder sich darauf, Grundrechte weiter einzuschränken. Immerhin: Das exponentielle Wachstum konnte gestoppt werden. Die gemeldeten Infektionszahlen bleiben aber auf hohem Niveau – das hören wir aber nicht erst seit gestern. Jeden Tag Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich. Von einer Trendumkehr keine Spur.

Nur ein Teilerfolg

Der bisherige Teil-Lockdown ist deshalb nur ein Teilerfolg – wenn man das angesichts der vielen Todesfälle überhaupt sagen kann. Die Mitarbeitenden in Gesundheitsämtern sind erschöpft, Krankenhäuser zum Teil am Limit. Von den an COVID-19 Erkrankten liegen fast 4.000 auf Intensivstationen, 60 Prozent von ihnen werden invasiv beatmet.

"Stop Corona" steht auf einem Hinweisschild in einer Fußgängerzone in der Innenstadt von Dortmund (mago images / Olaf Döring) (mago images / Olaf Döring)Virologin: "Konsequenter auf die Bremse drücken" Für die Virologin Melanie Brinkmann ist fraglich, ob die neuen Corona-Maßnahmen ausreichen. Sie hätte sich zum Beispiel eine geringere Inzidenzzahl als Grenzwert gewünscht.

Insgesamt gibt es aktuell noch etwa 5.200 freie Intensivbetten in ganz Deutschland. Betten, die nicht nur für COVID-19-Erkrankte gedacht sind, sondern für alle Notfälle.

Besonders tragisch ist die Situation für die Menschen und für das Personal in Alten- und Pflegeheimen. Die Lage ist ernst – auch das wissen wir nicht erst seit gestern.

Und in dieser Situation entscheiden sich Bund und Länder für eine Politik des Weiter-so, die den erhofften Effekt nicht gebracht hat. Stattdessen besteht erneut die Gefahr eines Flickenteppichs. Dass Länder wie Mecklenburg-Vorpommern bei der Teil-Lockdown-Verlängerung gar nicht mitziehen und sogar lockern könnten, während Bayern überlegt, zu verschärfen.

Söders leere Worthülsen

Dabei bekommt Markus Söder seit Wochen die Lage in Bayern nicht in den Griff. Er spricht von härteren Maßnahmen, aber bisher sind das nichts als leere Worthülsen eines Ministerpräsidenten, der keine Kontrolle über das Pandemiegeschehen hat, sich dafür aber als der große Retter inszeniert.

Bayern liegt bundesweit mit 172 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen auf Platz zwei, nur in Sachsen ist die Lage mit fast 100 Fällen schlimmer.

Immerhin, es gibt Zuversicht: Eine Impfstoff-Zulassung ist für dieses Jahr noch absehbar, die Länder bauen Impfzentren auf. Und: Ab morgen sollen laut Gesundheitsminister Spahn Erzieherinnen und Lehrende sich selbst testen dürfen mit einem Antigen-Schnelltest. Das macht Sinn, scheint aber so schnell nicht umsetzbar zu sein und an der Realität der Schulen vorbeizugehen. Sie kämpfen mit Hybridunterricht, Luftfiltern, und Quarantäne-Ausfällen. Und wer sich umhört: Viele wissen gar nicht, wo sie sich schulen lassen sollen, um die Tests durchführen zu können.

Die halbherzige Corona-Politik – sie bleibt, wie es Söder sagt - ein "Halbschlaf". So schmerzhaft es sein mag, aber ein einmaliger kurzer, harter Lockdown wäre vermutlich besser für alle.

Panajotis Gavrilis, Deutschlandradio Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Panajotis Gavrilis (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Panajotis Gavrilis, Jahrgang 1987, hat Journalistik mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Politik in Bremen und Istanbul studiert. Er volontierte 2014 beim Deutschlandradio, war danach als freier Korrespondent in Griechenland, ehe er als Redakteur in der Hintergrundabteilung beim Deutschlandfunk Kultur tätig war. Seit 2018 arbeitet er als freier Korrespondent im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk