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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Land ist keineswegs gespalten08.08.2020

Debatte um Corona-MaßnahmenDas Land ist keineswegs gespalten

Oft werde zwischen extremen Polen entschieden, wenn es um Corona-Maßnahmen gehe, kommentiert Katharina Hamberger im Dlf. Doch die Akzeptanz sei sehr hoch. Damit das so bleibe, sei aber das ständige Abwägen über Sinn und Unsinn und auch das Erklären der Maßnahmen obligatorisch.

Von Katharina Hamberger

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03.08.2020 - Ärztin bei einem Abstrich für einen Test auf COVID-19 am Flughafen Dresden (picture alliance / dpa / Robert Michael)
Corona-Tests: Auch solche Maßnahmen werden weiterhin von der Bevölkerung akzeptiert, kommentiert Katharina Hamberger (picture alliance / dpa / Robert Michael)
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Wer von einer Reise aus einem Corona-Risikogebiet zurückkommt, kommt um den Test nicht mehr herum. Wer sich weigert und ein maximal zwei Tage altes, negatives Testergebnis vorzuweisen hat, muss mit einem Bußgeld rechnen. Diese Testpflicht, sie zeigt ein weiteres Mal, welcher Balanceakt es für die Politik ist, mit dem Coronavirus richtig umzugehen – und auch, dass es den Königsweg nicht gibt.

Stattdessen ist es ein ständiges Abwägen von verschiedenen Interessen, oft extremen Gegensätzen. Steht auf der einen Seite die Freiheit des einen, zum Beispiel im Fall der Testpflicht, die Freiheit, auch einfach nicht zu wissen, ob man Corona hat oder nicht, steht auf der anderen Seite der Schutz des Lebens eines anderen Menschen. Es ist immer die Frage der Verhältnismäßigkeit, die bei jeder Maßnahme gestellt werden muss – und die auch manchmal so beantwortet wird, dass eine Maßnahme zu weitgehend ist – und dann korrigieren Gerichte, wie es in einem funktionierenden Rechtsstaat nicht ungewöhnlich ist, politische Entscheidungen.

Aber weil es den Königsweg nicht gibt, muss und darf über die Maßnahmen auch gestritten und diskutiert werden, ja es darf auch dagegen demonstriert werden. Kritiker und Kritikerinnen müssen aber eben mit Widerspruch leben und jene, die an Verschwörungsmythen glauben, müssen akzeptieren, mit Fakten konfrontiert zu werden.

Das Land ist keineswegs gespalten

Wer genau hinschaut, sieht zwar, dass hier oft zwischen extremen Polen gestritten wird, aber das Land keineswegs gespalten ist. Es gibt keine breite Front gegen die Corona-Maßnahmen, die von der Politik unerhört bleibt. Das haben einige Demonstrierende, die gegen die Maßnahmen vergangenes Wochenende auf die Straße gegangen sind, suggeriert, indem sie Teilnehmerzahlen nannten, die, wenn man sie zum Beispiel mit der Love Parade vergleicht, viel zu hoch erscheinen. Stattdessen schafft es dieses Land an vielen Stellen, sehr gut mit den Maßnahmen umzugehen, die Debatte darüber eingeschlossen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

So wird bei genauem Hinsehen klar, wie sehr mittlerweile die Maßnahmen betreffend in der Politik gestritten wird – keineswegs wird nur kritiklos abgenickt. Das zeigen die Streitigkeiten der für viele Maßnahmen zuständigen Länder untereinander, die es von Anfang an gab.

Sehr lautstark wurde der Politik auch deutlich gemacht, dass sie zu wenig auf Kinder, Jugendliche und Familien geschaut hat, als die ersten Maßnahmen beschlossen wurden. Im Bundestag wird gestritten und auch jetzt bei der Testpflicht ist zu sehen, dass der Bundesgesundheitsminister mittlerweile Gegenwind aus der eigenen Partei bekommt.

Aber deutlich wird dabei auch: Dass die meisten, die die Maßnahmen kritisieren, auch wissen, dass der Weg zurück zur Normalität nicht ohne Einschränkungen gehen kann.

Großteil der Menschen trägt die Masken

Und man sieht auch im Kleinen, dass viele Menschen in Deutschland ebenso dieser Meinung sind: Der Großteil der Menschen trägt Masken in Bus und Bahn, viele umarmen Freunde und Verwandte nach wie vor nicht, halten lieber Abstand. Ständig abzuwägen gilt nicht nur für die Politik, sondern eben auch für jeden Einzelnen und jede Einzelne von uns. Zum Beispiel ist es schlimmer mal zwischen fünf Minuten oder auch mehreren Stunden beim ÖPNV- oder Bahnfahren einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen oder das Leben anderer zu schützen? Die meisten beantworten die Frage recht eindeutig, bedecken Mund und Nase, manche allerdings beweisen, dass sie eher sich selbst am nächsten sind.

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In der Bevölkerung gibt es bislang noch eine hohe Akzeptanz für die Maßnahmen – Stand einer Umfrage der Universität Heidelberg von Ende Juli. Gleichzeitig gibt es ein eher geringes Verständnis für die Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Eine Umfrage des Forsa-Instituts zeigt, der Großteil der Bevölkerung, mehr als 90 Prozent, lehnt diese Demonstrationen ab, auf denen Menschen sich weigern, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, keinen Abstand halten, auf denen Rechtsextreme mitlaufen, die versuchen, die Demos dafür zu nutzen, ihr menschenfeindliches Weltbild zu transportieren - und von denen sich die anderen Demonstrierenden dringend distanzieren sollten.

Damit die Akzeptanz für die Maßnahmen groß bleibt, bleibt auch ständiges Abwägen und die Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn von Maßnahmen – auch das Erklären - obligatorisch.

Katharina Hamberger, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio - Bettina Straub)Katharina Hamberger, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio - Bettina Straub)Katharina Hamberger, Jahrgang 1985, hat Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und Journalismus in Regensburg und Hamburg studiert. Während des Studiums arbeitete sie als freie Journalistin unter anderem für die "taz" und die "Passauer Neue Presse". Journalistische Erfahrung sammelte sie außerdem beim Bayerischen Rundfunk, der Talksendung "Anne Will" und dem "Hamburger Abendblatt". Seit Ende ihres Deutschlandradio-Volontariats 2012 arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio.

 

 

 

 

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