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StartseiteForschung aktuellPhysikerin plädiert für "kurzen, harten Lockdown"25.11.2020

Debatte um Corona-MaßnahmenPhysikerin plädiert für "kurzen, harten Lockdown"

Stark durchgreifen helfe dabei, die Corona-Infektionszahlen zügig zu senken, sagte die Physikerin Viola Priesemann im Dlf. Kurzzeitige Schulschließungen könnten dafür ein wichtiger Baustein sein. Wenn die Zahlen dann wie erwartet fielen, wären Treffen an Weihnachten „absolut kein Problem“ mehr.

Viola Priesemann im Gespräch mit Sophie Stigler

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Coronavirus in Deutschland - Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Institut 25.11.2020: Robert Koch-Institut: COVID-19-Todesfälle 14.771. Zugang um 410 gegenüber dem Vortag. *** Coronavirus in Germany Covid 19 Dashboard of the Robert Koch Institute 25 11 2020 Robert Koch Institute COVID 19 deaths 14 771 Access by 410 compared to the previous day (Imago Images / Rüdiger Wölk)
Bei weiter hohen Fallzahlen und einer hohen Dunkelziffer hingegen wären Familienfeiern an Weihnachten ein deutliches Risiko, warnte Physikerin Priesemann im Dlf (Imago Images / Rüdiger Wölk)
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Zur Stunde diskutiert Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Länderchefinnen und -chefs darüber, wie es mit den Corona-Maßnahmen weitergehen soll. Dreieinhalb Wochen gelten jetzt schon verschärfte Regeln. Der R-Wert hat sich in etwa bei 1 eingependelt, das heißt: eine infizierte Person steckt im Schnitt eine weitere an.

Damit steigen die Infektionszahlen nicht mehr, sie sinken auch nicht deutlich, sondern sie bleiben stabil – auf hohem Niveau. Welche Maßnahmen in der Corona-Pandemie was bewirken können, das modelliert die Physikerin Viola Priesemann am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Sie plädierte im Dlf für einen kurzen, härteren Lockdown. Andere Länder hätten nach dem Versuch eines Teil-Lockdown auch so gehandelt - und erst dadurch eine Reduzierung der Infektionszahlen erreicht.

24.11.2020, Berlin: Mit einem Kran wird vor dem Reichstagsgebäude, dem Sitz des Deutschen Bundestages, der diesjährige Weihnachtsbaum aufgestellt. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm) (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Politologe: Corona-Vorschläge nicht konsequent "Weihnachtsromantik" sei bei den vorgeschlagenen Corona-Maßnahmen für Dezember spürbar, sagte der Politologe Korte im Dlf. Mehr private Treffen an Weihnachten seien ein Hoffnungsschimmer, aber dieser sei trügerisch. Die Politik solle andere Zeichen setzen.


Sophie Stigler: Wenn wir ohne große Änderungen weitermachen wie bisher, wie werden sich die Infektionen weiter entwickeln?

Viola Priesemann: Ich glaube, Sie sagen das ja selber, wenn wir genauso weitermachen wie bisher, dann werden auch die Fallzahlen sich genauso verhalten wie bisher, nämlich es werden um die 20.000 Neuinfektionen pro Tag bleiben. Was bedeutet das? Bei 20.000 Neuinfektionen pro Tag sind die Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitäten, es bedeutet, dass wirklich tagtäglich ja wirklich sehr, sehr viele Menschen angesteckt werden, es bedeutet, dass die Gesundheitsämter mit der Kontaktnachverfolgung nicht mehr hinterherkommen, und insgesamt bedeutet es auch, dass die Fallzahlen einfach nicht runtergehen. Damit die Fallzahlen runtergehen, müssen wir einfach deutlicher eingreifen.

Stigler: Wie könnten wir das tun, was haben wir sozusagen noch im Werkzeugkasten?

Priesemann: Aus unserer Sicht, aus Theoretikersicht, ist das natürlich eine Güterabwägung der Politik, aber wir wissen natürlich, dass Schulschließungen etwas bringen, und inzwischen wissen wir ja auch, dass man die etwas intelligent angehen kann. Da gibt es kreative Ideen – ob man das für Jüngere oder Ältere verschieden gestaltet, Schulschließungen sind da garantiert ein Beitrag. Jede einzelne Person kann noch mal schauen, inwiefern man seine Kontakte oder ihre Kontakte einschränkt.

Viola Priesemann 2020-11-01, Berlin, Deutschland - Viola Priesemann, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, MPIDS, zu Gast bei Anne Will im Ersten Deutschen Fernsehen. Thema der Politik-Talkrunde: Vier harte Wochen - wie nachhaltig wirken die Anti-Corona-Maßnahmen *** Viola Priesemann 2020 11 01, Berlin, Germany Viola Priesemann, Research Group Leader at the Max Planck Institute for Dynamics and Self-Organisation, MPIDS, guest of Anne Will at the First German Television Topic of the Policy Talks Four hard weeks how sustainable are the anti corona measures (Imago Images / Jürgen Heinrich)Viola Priesemann (Imago Images / Jürgen Heinrich)

Es gibt noch viel Luft nach oben fürs Homeoffice. Und ich denke, wenn wir sagen, es geht jetzt wirklich um zwei oder drei Wochen: Je stärker es uns gelingt, in diesen zwei oder drei Wochen diesen R-Wert, also die Infektionen zu senken, desto schneller ist dieser Lockdown auch vorbei, und das ist ein sogenannter nicht linearer Effekt. Je mehr uns das gelingt, das einzudämmen, desto schneller sind wir auch wirklich durch diesen Lockdown durch. Insofern würde es sich lohnen, jetzt noch mal alle Bausteine, die wir haben, alle, die wir uns leisten können, zu nutzen und für die zwei oder drei Wochen sich wirklich Mühe zu geben, denn dann sind zu Weihnachten die Fallzahlen so niedrig, dass man eigentlich keine Sorgen hat, wenn man seine Verwandten besuchen möchte.

Stigler: Ich weiß, das sind immer nur so grobe Abschätzungen, aber können Sie diese Optionen, die jetzt vor uns auf dem Tisch liegen, in eine Art Rangliste bringen, also was würde am meisten bringen und was vielleicht ein bisschen weniger?

Priesemann: Ich möchte das nicht direkt in eine Rangliste bringen, am Ende sind ja viele Unsicherheiten immer auf den genauen Werten, wie viel etwas bringt. Der Punkt ist: Wenn wir nicht konsequent durchgreifen, dann brauchen wir weit ins nächste Jahr hinein, um die Fallzahlen wirklich deutlich runterzubekommen, und das macht diesen großen Unterschied. Aus meiner Sicht geht es gar nicht um die Frage, was können wir hier auswählen, sondern jetzt geht es um die Frage, was können wir alles in den Ring werfen, um die Fallzahlen runterzubekommen, damit wir sie schnell gesenkt haben können.

"Dafür brauchen wir definitiv mehr"

Stigler: Wenn wir mal auf das gucken, was die Bundesländer vorgeschlagen haben an Änderungen – man soll sich nur noch zu fünft treffen statt zu zehnt, und es gilt eine erweiterte Maskenpflicht an Orten, wo sich viele Menschen begegnen –, was würden Sie sagen, wie wirksam können solche Maßnahmen sein?

Priesemann: Diese beiden Maßnahmen zusammen – es ist natürlich schwer einzuschätzen, wie viel es wirklich bringt –, aber die werden nicht diese 30 Prozent Reduktion bringen, die wir brauchen, um von dem R = 1 auf einen R = 0,7 zu kommen. Dafür brauchen wir definitiv mehr. Wir wissen aus Studien, dass die Schließungen von Schulen und Universitäten im Frühjahr etwa 30 Prozent gebracht haben, aber man muss dazusagen, dass das ja der Vergleich von vor Corona zu jetzt ist.

Der Grund, warum wir jetzt nicht genau sagen können, wie viel es bringt, liegt einfach daran, dass ja jetzt schon Hygienemaßnahmen, Vorsichtsmaßnahmen auch an den Schulen und Universitäten gibt. Insofern sind es sicherlich nicht 30 Prozent, die das jetzt bringen wird, aber es würde sicherlich – das ist jetzt eine grobe Abschätzung von mir – zehn, 15 Prozent bringen können. Und dann brauchen wir noch zwei, drei andere Bausteine, damit wir auf die 30 Prozent kommen.

Wichtiges Thema Schulschließungen

Stigler: Würden Sie sagen, dass wir nicht drum rumkommen, die Schulen wenigstens teilweise zu schließen?

Priesemann: Ich würde sagen, dass man sich sehr genau überlegen sollte, ob man einen kurzen, harten Lockdown haben möchte und danach auch durch ist und danach viel mehr lockern kann, als wir es jetzt zurzeit während dem Soft-Lockdown haben, oder ob man die Schulen offenlassen möchte und riskiert, dass die Fallzahlen nicht sinken. Wir können aber auch einfach in andere Länder schauen: Irland hat relativ früh reagiert, auch mit einem Soft-Lockdown. Die haben die Schulen auch erst mal offengelassen, die Fallzahlen haben sich stabilisiert oder sind weniger schnell gewachsen, und irgendwann haben die sich entschieden, die Schulen auch zuzumachen, und zwei Wochen Schulschließung in der Größenordnung haben da dann auch gereicht.

Israel ist ganz ähnlich gewesen, haben auch länger versucht, einen Soft-Lockdown zu machen, und haben dann einen starken gemacht, die Fallzahlen sind dann sehr erfolgreich gesunken. Das funktioniert. Wir wissen aus der ersten und aus der zweiten Welle, dass wenn man stark durchgreift und sich wirklich Mühe gibt, dann gehen die Fallzahlen auch sehr, sehr zügig runter.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Stigler: Eine Zeit lang wurden ja Schnelltests als Wundermittel in der Pandemie gehandelt, zum Teil testen Länder wirklich fast die ganze Bevölkerung durch. Wäre das auch eine Option für Deutschland?

Priesemann: Bei Schnelltests ist das Tolle, dass sie schnell sind, das Problem ist, dass sie eben falsch positive Ergebnisse bringen. Das heißt, sie bringen vor allen Dingen dann was, wenn sowieso schon sehr viele Menschen eigentlich positiv sind, infiziert sind und man die direktieren möchte, und sie bringen auch dann was, wenn man schon einen Verdacht hat, dass eine Person COVID-positiv sein könnte – entweder wegen Symptomen oder wegen anderen Gründen. Wenn man davon ausgeht, dass ein Prozent der Bevölkerung aktiv infiziert ist, dann lohnen sich Schnelltests, um einfach einen solchen massiven Ausbruch wieder in den Griff zu bekommen, aber davon sind wir in Deutschland derzeit noch weit entfernt.

Stigler: Was halten Sie denn von den Überlegungen, über Weihnachten und vielleicht auch über Silvester so eine Auszeit von den Kontaktbeschränkungen zu nehmen?

Priesemann: Ich denke, dass das absolut gar kein Problem wäre, wenn die Fallzahlen bis dahin niedrig sind. Es ist ein gewisses Risiko, eventuell sogar ein deutliches Risiko bei hohen Fallzahlen und vor allen Dingen bei einer hohen Dunkelziffer, so viele Kontakte zu haben. Aber, und das verstehe ich auch, Weihnachten ist ein besonderes Fest, man möchte sich treffen, und man muss dann eine Güterabwägung finden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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