Donnerstag, 16.08.2018
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteKommentare und Themen der WocheEine vertane Chance11.08.2018

Debatte um DienstpflichtjahrEine vertane Chance

Es sei schade, dass die von CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer aufgeworfene Idee eines Dienstes an der Gemeinschaft nur in Nützlichkeitskriterien gedacht werde, kommentiert Brigitte Fehrle. Damit werde eine Chance vergeben, obwohl es gewichtige Gründe gebe, über ein Pflichtjahr nachzudenken.

Von Brigitte Fehrle

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (dpa-Bildfunk / Christophe Gateau)
CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer erntete für ihren Vorschlag, ein Dienstpflichtjahr für junge Leute einzuführen, viel Kritik (dpa-Bildfunk / Christophe Gateau)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Ehrenamtliches Engagement Der Verein bin ich

Freiwilligenarbeit Das Experiment mit dem Ehrenamt

Personalnot im Ehrenamt "Viele haben eine 40-Stunden-Woche"

Unterstellen wir einmal, Annegret Kramp-Karrenbauer, die Generalsekretärin der CDU, hat ihren Vorschlag für eine Allgemeine Dienstpflicht in Deutschland wirklich von ihrer "Zuhörtour" durchs Land mitgebracht. Glauben wir ihr also, dass das Thema die Bürgerinnen und Bürger tatsächlich beschäftigt. Versagen wir uns die zugegebenermaßen nicht ganz abwegige Vermutung, es könnte sich um ein cleveres parteitaktisches Manöver handeln, das die Konservativen in der Union, die Kritiker von Kanzlerin Merkel, zufriedenstellen soll.

Nehmen wir die Sache also ernst und fragen, was genau Kramp-Karrenbauer eigentlich in die Debatte geworfen hat? Ein verpflichtendes Dienstjahr für junge Männer und Frauen, das diese sowohl in der Bundeswehr als auch in einer sozialen oder gesellschaftlichen Einrichtung absolvieren können. Nicht mehr und nicht weniger. Keine genaue Forderung, kein Konzept, das insbesondere rechtlich geprüft wäre, ja nicht einmal die Überzeugung, dass dieser Vorschlag realisierbar ist. Man stünde noch ganz am Anfang der Debatte, an deren Ende man auch zu der Einschätzung gelangen könnte, so komme man nicht weiter, blieb Kramp-Karrenbauer im Ungefähren. 

Babylonisches Stimmengewirr von Gegnern, Befürwortern und Skeptikern

Kaum aber hatte die Generalsekretärin ihre Idee vorgebracht, hob ein babylonisches Stimmengewirr von Gegnern, Befürwortern, Skeptikern an, die eines gemeinsam hatten: Ihre Meinung stand fest. Und: Jeder redete über etwas anderes. Die einen über die Rückkehr zur Wehrpflicht, die anderen über den Zivildienst, die dritten über mehr Personal in der Pflege, oder bei der schwierigen Aufgabe der Integration der Flüchtlinge, andere sahen damit gar die Möglichkeit, Extremismus zu bekämpfen. Jeder sah eine andere Lücke, die es galt mit einem Pflichtjahr zu stopfen.

Passend dazu die Kritik: Die Bundeswehr könne bei ihrer heutigen Struktur Wehrpflichtige gar nicht gebrauchen, in der Pflege und der sozialen Arbeit benötige man Fachkräfte, keine Hilfsarbeiter. FDP-Chef Lindner übte Grundsatzkritik und nannte Kramp-Karrenbauers Idee die Zitat "Verstaatlichung eines Lebensjahres". 

Schade. Schade, dass die Idee eines Dienstes an der Gemeinschaft nur in Nützlichkeitskriterien und mit Blick auf Parteiprogramme gedacht wird. Denn dann bekommen die Kritiker allesamt recht.

Interessante Aufschlüsse

Doch es gibt gewichtigere Gründe über ein Pflichtjahr nachzudenken. Wir beklagen heute die zunehmende Vereinzelung und den Egoismus in der Gesellschaft. Wir stellen fest, dass die soziale Schere weiter aufgeht und sich Arm und Reich immer stärker trennen, Jugendliche bleiben in ihren Milieus verhaftet, und der Respekt vor den demokratischen Institutionen, vor Politik, Polizei, Justiz, ja selbst vor Rettungsdiensten und der Feuerwehr schwindet in erschreckendem Maße. Alles, was die demokratische Gesellschaft im Inneren zusammenhält, wird nicht mehr fraglos akzeptiert und unterstützt.

Wir müssen uns also Gedanken darüber machen, wie ein neues Miteinander entstehen kann, wie wir gesellschaftlichen Zusammenhalt organisieren, wenn er nicht mehr selbstverständlich ist. Warum also nicht die Möglichkeiten eines verpflichtenden Jahres für die Gesellschaft ausloten? 

Die Befragung von jungen Leuten, die ein soziales oder ökologisches Jahr absolviert haben, gibt da interessante Aufschlüsse. In dieser Studie des Bundesministeriums sagen über zwei Drittel, ihr Leben habe sich durch die Arbeit in diesem Jahr positiv verändert. Sie hätten interessante Menschen kennengelernt und Menschen helfen können. Nach diesem Jahr fühlten sie sich stärker und selbstständiger und könnten Konflikte besser austragen. Viele gaben an, das Jahr im Freiwilligendienst habe sie in ihrer beruflichen Orientierung weitergebracht. 

Auch die Gesellschaft müsste in die Pflicht genommen werden

Von den derzeit etwa 700.000 Schulabgängern pro Jahr leisten nur knapp 100.000 einen Freiwilligendienst. Nun wäre es natürlich schön, es gäbe mehr solcher Freiwilliger. Aber nicht jeder Jugendliche hat diesen selbstverständlichen Zugang, nicht jeder überwindet die bürokratischen Hürden auf dem Weg zu einem Freiwilligenjob und nicht jeder wird von seinen Eltern darin unterstützt, ein Jahr sich selbst und der Gesellschaft zu schenken. Manch einem könnte man also mit einer Pflicht zu seinem Glück verhelfen. Der Gewinn für die Gesellschaft wäre gewiss.

Und zu guter Letzt: Es gibt derzeit gar nicht genug Stellen für engagierte Freiwillige. Und so ginge eine Pflicht zur gesellschaftlichen Arbeit für Jugendliche mit der Pflicht der Gesellschaft einher, diese Stellen auch zu schaffen.

Brigitte Fehrle, freie Journalistin (Christine Blohmann)Brigitte Fehrle, freie Journalistin (Christine Blohmann)Brigitte Fehrle, Jahrgang 1954, studierte Politikwissenschaften in Berlin an der Freien Universität. Sie arbeitete dann als Redakteurin zunächst für die "taz", ab 1990 für die "Berliner Zeitung", wechselte zur Wochenzeitung "Die Zeit" und zur "Frankfurter Rundschau" und kehrte 2009 zur "Berliner Zeitung" zurück. Bis September 2016 war sie dort Chefredakteurin, jetzt ist sie freie Journalistin.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk