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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Tempolimit hat nur Vorteile27.12.2019

Debatte um GeschwindigkeitsbegrenzungEin Tempolimit hat nur Vorteile

Ein Tempolimit würde das Fahren sicherer und unendlich entspannter machen, kommentiert Christiane Habermalz. Wenn schon eine so einfache Maßnahme von der Union als unzumutbares Verbot deklariert werde, sei fraglich, wie viel grundsätzlichere Veränderungen bewältigt werden sollen.

Von Christiane Habermalz

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Ein Verkehrszeichen zur Geschwindigkeitsbegrenzung für die nächsten 57,0 Kilometer auf der Autobahn A13. Auf einem Streckenabschnitt der A13 gilt jetzt ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde.  (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Deutschland werde vermutlich nicht mehr lange als letzte Bastion freien Rasens in der Welt bestehen, kommentiert Christiane Habermalz (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
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Eigentlich ist es ja noch zu früh für satirische Jahresendbetrachtungen. Aber dass die Union die Forderung nach einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen als "Hysterie" bezeichnet, ist ein Treppenwitz par excellence. Hysterie, weil jemand auf die naheliegende Idee kommt, in Zeiten des Klimanotstands einen Vorschlag zu machen, der ohne große Kosten CO2 einsparen würde? Wenn es je eines Beweises bedurft hätte, wie anachronistisch die Unionsparteien in Sachen Klimaschutz unterwegs sind, dann wurde er jetzt erbracht.

Jede Nation hat ihren eigenen Fetisch

Wenn schon eine so einfache Maßnahme wie ein Tempolimit als unzumutbares Verbot und Verlust von Freiheit deklariert wird, dann fragt sich, wie die viel grundsätzlicheren Veränderungen bewältigt werden sollen, die jetzt auf uns zu kommen. Denn tatsächlich bedroht der Klimawandel unsere gesamte industrielle Lebensweise.

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Der Bundestag hatte erst im Oktober ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen abgelehnt. Die SPD bringt Tempo 130 aus Umweltschutzgründen nun aber erneut ins Spiel. Doch in der Union findet der Plan bislang keine Unterstützung. Aber ohne die Union geht es derzeit wohl nicht.

Ein Tempolimit hat noch dazu nur Vorteile: Es würde das Fahren auch sicherer und unendlich entspannter machen. Doch jede Nation hat, scheint‘s, ihren eigenen Fetisch, an dem sie wider alle Vernunft festhält, und an dem sämtliche rationalen Argumente abprallen wie Fliegen an einer sommerlichen Windschutzscheibe.

Bei den Amerikanern ist es der freie Waffenbesitz für alle, der hochgehalten wird, egal wie viele hochaufgerüstete Irre noch Massaker an Schulen und anderen öffentlichen Orten verüben. Bei den Franzosen: Das Recht auf gestopfte Gänseleber, das man sich von keinem Tierschutzgesetz nehmen lassen will.

Den "Raser"-Befürwortern bricht die Basis weg

2005 wurde die Stopfleber sogar, um die Quälerei gesetzlich zu legitimieren, zum nationalen kulinarischen Kulturerbe erklärt. Und in Deutschland ist es das freie Rasen für freie Bürger. Vor allem für männliche Bürger, denn es dürfte nur wenige Frauen geben, die es als ihr bürgerliches Grundrecht ansehen, andere Verkehrsteilnehmer durch penetrantes Linksblinken von der Spur drängen zu dürfen.

Grenzenlose Geschwindigkeit auf deutschen Autobahnen – dass die erhalten bleibt, dafür hat bislang immer eine konstant verlässliche Koalition aus dem CSU-geführten Verkehrsministerium, dem ADAC und der Autoindustrie gesorgt.

16.12.2019, Brandenburg, Rangsdorf: Verkehrszeichen zur Geschwindigkeitsbegrenzung und zum zeitlich eingeschränkten Überholverbot für Lkw sind an der Autobahn A13 nahe der Anschlussstelle zur L74 nach Teupitz aufgestellt. Auf einem Streckenabschnitt der A13 gilt jetzt ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde. (picture alliance / dpa / Sören Stache) (picture alliance / dpa / Sören Stache)Wittke (CDU): "Autobahnen in Deutschland sind die sichersten Straßen" 
Verkehrspolitiker Oliver Wittke (CDU) spricht sich gegen ein Tempolimit aus. Er sehe keine Gefahrenlage, die es rechtfertige, die Freiheit der Menschen einzuschränken, sagte er im Dlf. Anstatt das Tempolimit auf Autobahnen einzuführen, sollten Landstraßen sicherer gemacht und Staus bekämpft werden. 

Denn der Drang nach Tempo und PS will schließlich mit den entsprechenden Autos bedient werden. Doch Deutschland als letzte Bastion freien Rasens in der Welt bröckelt. In einer aktuellen Umfrage kurz vor Weihnachten sprachen sich zwei Drittel der Bevölkerung klar für ein Tempolimit aus. Die meisten fanden eine maximale Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern richtig. Jetzt könnte es eng werden für Andreas Scheuer und andere stramme Verfechter der Pistenfreiheit. Ihnen bricht die Basis weg.

Rasen als "Nationales Kulturerbe"?

Geht die SPD jetzt auch von der Fahne, bleiben der Union im kommenden Jahr nur die FDP und die AfD, um ein Tempolimit zu verhindern.

Aber zur Not, falls alle Stricke reißen, bleibt ja auch noch die Möglichkeit, sich die Franzosen zum Vorbild zu nehmen. Und das Recht auf freies Rasen zum deutschen Nationalen Kulturerbe zu erklären.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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