Sonntag, 17.02.2019
 
Seit 16:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteUmwelt und VerbraucherPestizide sehr viel gezielter einsetzen18.01.2019

Debatte um PflanzenschutzPestizide sehr viel gezielter einsetzen

Ohne Pestizide geht es in der Landwirtschaft nicht - darüber sind sich selbst Naturschützer einig. Die Menge von Pflanzenschutzmitteln kann jedoch reduziert werden, etwa durch den Einsatz von Drohnen in der biologischen Schädlingsbekämpfung.

Von Anja Nehls

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Einsatz von Pestiziden auf einer Ackerfläche in Hamburg (imago/ Christian Ohde)
Die Menge an Pestiziden, die in Deutschland eingesetzt werden, stagniert (imago/ Christian Ohde)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Pocket
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Pestizid-Zulassung EU-Parlament fordert transparentere Verfahren

Der Vogel des Jahres 2019 Die Feldlerche

Pestizid-Verbot Frankreich geht beim Glyphosat-Ausstieg voran

Wenn der WWF und der Industrieverband Agrar über Pflanzenschutz in der Landwirtschaft reden, scheinen die Positionen eigentlich klar zu sein, aber: "Wir sind voll überzeugt, dass moderne Landwirtschaft Biodiversität ernst nimmt und noch ernster nehmen muss", sagt Helmut Schramm vom Industrieverband Agrar, Dachverband der Hersteller von Pflanzenschutz- und Mitteln zur Schädlingsbekämpfung. Und Andreas Krüger, zuständig für den Naturschutz beim WWF meint: "Brauchen wir noch einen Pflanzenschutz? Dann sagen wir klar, wir brauchen einen Pflanzenschutz."

Allerdings folgt das Aber bei beiden in diesem Fall gemeinsam auf der Grünen Woche angetretenen Referenten auf dem Fuß: "Aber wir brauchen einen Pflanzenschutz, der sich lossagt von der Entkopplung, die in den vergangenen Jahrzehnten weltweit zu beobachten war, dass man gesagt hat, über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, über den Einsatz von Düngemitteln schaffe ich es, weitgehend unabhängig davon, wo ich bin, zu wirtschaften. Und diese Entkopplung, die verursacht heute die Probleme, die wir im Ökosystem sehen."

Modern produzieren, Biodiversität schützen

Aber man müsse ja auch bedenken, dass die Weltbevölkerung bis 2050 auf zehn Milliarden Menschen anwachsen wird - und deren Ernährung bekäme man einfach nicht hin, wenn man auf Pflanzenschutzmittel verzichten würde, so Helmut Schramm: "Im Schnitt kann man sagen, dass die Erträge um 50 Prozent zurückgehen. Im Umkehrschluss kann man sagen, wenn Erträge um 50 Prozent zurückgehen, brauche ich 50 Prozent mehr Fläche, um das dann wieder ausgleichen zu können."

Und dann sei das mit der von ihm eigentlich ausdrücklich unterstützten Biodiversität wieder ein Problem: "Und deshalb sind wir sehr stark interessiert als Industrie, Maßnahmen zu propagieren für den Landwirt, dass er sowohl modern produzieren kann, hohe Erträge erzielen kann aber gleichzeitig Biodiversität schützt und die Ressourcen dann auch möglichst wenig in Anspruch nimmt."

Besser sei es deshalb, auf dem Acker zwischen dem Getreide kleine Parzellen frei zu lassen, damit sich dort zum Beispiel Lerchen ansiedeln können: "Und mit solchen Maßnahmen kann man sehr schnell die Population von Lerchen wieder erhöhen. Daneben gibt es die Möglichkeit von Blühstreifen, Beetle Banks, das heißt, man erzeugt Erdwälle, die dann im Frühjahr sich schneller erwärmen, die trockener sind und auch da dann die Bodenbrüter fördern. Und mit solchen Maßnahmen, die relativ einfach durchzuführen sind, kann der Landwirt sehr schön Biodiversität fördern."

Vorbild Frankreich

Soweit die Theorie. Die Praxis sehe aber anders aus, meint Andreas Krüger vom WWF. Um 30 Prozent sei der Bestand an Ackervögeln zurückgegangen, die Pflanzenvielfalt habe ebenfalls um 30 Prozent abgenommen und die Insektenmenge sogar um 70 Prozent. Daran seien keinesfalls nur die Pflanzenschutzmittel schuld, die eingesetzte Menge müsse aber reduziert werden. Der Absatz und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei in den vergangenen Jahren ungefähr gleich geblieben: "Und was uns ein bisschen besorgt ist eben, dass Untersuchungen ergeben haben, dass der Toxizitätslevel der eingesetzten Mengen tendenziell leicht zu steigen scheint. Es ist ebenso ein Warnhinweis wie die Ergebnisse von vielen Studien in europäischen Nachbarländern, aber eben auch durch Expertenbefragungen hier in Deutschland, wo man sagt, naja, in Frankreich geht man davon aus, dass in 40 Prozent der Betriebe 60 Prozent der Mittel eingespart werden können ohne Ertragsverluste. Scheint also ein Anwendungsproblem zu sein, dass man eventuell durch Schulung angehen muss."

Dass der Einsatz der Mittel reduziert werden könne, hält auch Helmut Schramm vom Industrieverband Agrar für möglich. Bereits jetzt könne man computergesteuert sehr viel gezielter und sparsamer spritzen und düngen. Und die Digitalisierung in der Landwirtschaft macht künftig auch noch mehr biologische Schädlingsbekämpfung möglich, z.B. bei der Bekämpfung eines Maisschädlings mit Schlupfwespeneiern mit Hilfe einer Drohne.

"Das sind wie so kleine Papierkügelchen, in denen sind dann die Trychogramma, Schlupfwespeneier. Die lässt man mit der Drohne über dem Bestand verteilen, die schlüpfen dann, befallen die Adulten des Maiszünslers und verhindern so die Infektion der Population für das nächste Jahr."

Digitalisierung kann zu Intensivierung führen

In diesem Fall eine gute Idee, findet Andreas Krüger, aber: "Wo wir ein bisschen Sorge haben ist, dass Digitalisierung am Ende zu einem Intensivierungstool, zu einer Intensivierung führt, die nicht die Wohlfahrtswirkung für die Landwirtschaft und die Ökosysteme mit sich bringt."

Kurzfristig sei ein Verzicht auf Pestizide sicherlich unrealistisch. Der WWF wünscht sich aber einen verbindlichen Pestizidreduktionsplan, eventuell eine Abgabe, die zu weniger Verbrauch motivieren würde, eine Überprüfung der Zulassungskriterien in Europa und eine andere Form der Landwirtschaft. Für die wirbt auch der Industrieverband Agrar und meint damit vor allem den sogenannten Integrierten Pflanzenschutz, wo zum Beispiel mit der Sortenwahl, der Fruchtfolge oder der Bodenbearbeitung schon so viel erreicht werden kann, dass Pestizide nur noch da eingesetzt werden müssten, wo sie wirklich nötig sind.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk