Dienstag, 18.06.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKommentare und Themen der WocheProvokante Ungeduld der Jugendlichen25.05.2019

Debatte um Rezo-VideoProvokante Ungeduld der Jugendlichen

Die Jugendlichen hätten alles Recht der Welt, uns ihren frechen Videospiegel vor die Nase zu halten, kommentiert Volker Finthammer im Dlf. Denn ohne weitreichende gesellschaftliche Veränderungen werde es keine wirklichen Fortschritte geben - die nötigen Schritte seien alle lange bekannt.

Von Volker Finthammer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Aufnahme zeigt den Youtuber Rezo mit blauen Haaren und Baseballmütze. (dpa / Privat)
Der Youtuber Rezo hat in Deutschland eine breite Debatte angestoßen (dpa / Privat)
Mehr zum Thema

Youtuber gegen die CDU "Rezo legt den Finger in offene Wunden"

Umgang mit Rezo-Video Polenz (CDU): "Es sind Fehler gemacht worden"

Anti-CDU-Video Gespräch anstelle Gegenvideo zu YouTuber Rezo

Da sage noch einer der Europawahlkampf sei langweilig. Auf den letzten Metern ging es doch noch einmal richtig zur Sache. Da haben all die tausend Plakate und Flyer nichts genutzt, die uns mit den üblichen Sprüchen umgarnen wollten. Altpapier, das schnell entsorgt werden sollte.

Die Blockbuster, das waren zwei Videos die seit einer Woche die Schlagzeilen beherrschen. Auf die Ibiza-Connection müssen wir hier nicht weiter eingehen. Um diese nationale Rechtschaffenheit sollen sich die Österreicher selbst kümmern. Wo zumindest die FPÖ-Wähler hoffentlich ein wenig ernüchtert drein schauen und überlegen sollten, ob das die richtigen Kameraden für Österreichs Zukunft sind.

Provokation hat gut getan

Nicht viel weniger Wucht hat hierzulande das Video des Youtubers Rezo erzielt, mit dem zumindest im Konrad-Adenauer-Haus niemand gerechnet hatte. Zwar sind da alle noch im Amt, doch die Sprachlosigkeit ist fassbar und nicht weniger wirkungsvoll, auch wenn das Video an einigen Stellen gezielt und provokant über das Ziel hinaus geschossen ist.

Ist aber auf der anderen Seite nicht genau das die nötige Provokation und Zuspitzung, die sonst in diesem Wahlkampf so gut wie nicht zu finden war? Aber es geht ganz offensichtlich nicht nur um Provokation, es sind auch nicht nur die Youtuber, die in diesen Tagen reichweitenstark etwa auf die Defizite in der Klimapolitik aufmerksam machen.

Europaweit waren gestern hunderttausende Jugendliche bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen unterwegs, um die Politiker nicht zum Reden und zum Dialog, sondern zum Handeln aufzufordern. Und damit stehen die Jugendlichen sogar nicht alleine da.

Klimapolitik ist das Top-Thema

In den aktuellen Wahlumfragen zur Europawahl steht die Klimapolitik für die meisten Wählerinnen und Wähler an der Spitze der Themen, von denen sie sich eine gemeinsame europäische Lösung erhoffen. Das ist ja alles auch kein Neuland. Seit zwei Jahrzehnten steht das Thema auf der Tagesordnung der großen internationalen Konferenzen. Es werden Abkommen geschlossen, an die sich die einen politisch nicht halten wollen, und die von den anderen, die sie unterschrieben haben, nicht eingehalten werden, weil sie die praktischen Schritte dorthin faktisch nicht umsetzen und immer wieder auf die lange Bank schieben: um den Aufschwung, die Arbeitsplätze und was einem sonst noch so einfällt, nicht zu gefährden.

Insofern haben die Jugendlichen alles Recht der Welt, uns ihren frechen Videospiegel vor die Nase zu halten und am Wahltag Konsequenzen einzufordern. Es muss ihnen auch keiner die Frage stellen, wie denn ihre Antworten aussehen würden. Nicht um sie zu schonen, darum geht es nicht, da kommen wir gleich noch dazu, sondern weil die nötigen Schritte allen schon seit Jahren bekannt sind.

Nicht nur die Politik muss liefern, sondern jeder Einzelne

Nur mit einem drastisch reduzierten Energieverbrauch wird die Energiewende überhaupt noch einzuleiten sein. Und da ist tatsächlich nicht nur die Politik, da sind wir alle gefordert. Da gehört der zwei Tonnen schwere SUV, mit dem die Kinder zum Hort gebracht werden genauso in Frage gestellt, wie die Generation Easyjet, die mal eben einen hippen Abend in Barcelona verbringt, weil der Flug dorthin günstiger ist als ein Zugticket von Hamburg nach Berlin.

In den 80er-Jahren sollte das Dreiliter-Auto den großen umweltpolitischen Fortschritt bringen. Gesehen wurde es nur in Ausnahmefällen. Heute soll es die Elekromobilität sein. Aber ist die klimaneutral? Wohl eher der erhoffte neue Wachstumsmotor für eine angeschlagene Branche. Mit wirklich intelligenten und energiesparenden Verkehrskonzepten hat das wenig zu tun, oder sind irgendwo schon gut abgestimmte und ineinandergreifende Nahverkehrssysteme bekannt, durch die man getrost auf den Individualverkehr verzichten kann?

Ohne weitreichende gesellschaftliche Veränderungen wird es in der Klimapolitik keine wirklichen Fortschritte geben. Da sollte die provokante Ungeduld der Jugendlichen und der Youtuber keine Eintagsfliege sein. Mit einem Post ist es da nicht getan, und mit einer Wahlempfehlung auch nicht.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk