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StartseiteKommentare und Themen der WochePhantomdiskussion zwischen den Jahren03.01.2021

Debatte um SchulöffnungPhantomdiskussion zwischen den Jahren

Die von der baden-württembergischen Kultusministerin angestoßene Diskussion über die schnelle Schulöffnung sei reiner Wahlkampf, kommentiert Katharina Thoms. Wer blind die Daten ignoriere, und zu früh zum Regelunterricht wolle, der riskiere nach ein paar Wochen Schule eine dritte Komplettschließung.

Ein Kommentar von Katharina Thoms

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"Bitte Mundschutz tragen" steht am Eingang zu einer Grundschule in Berlin-Friedrichshain (picture alliance/ dpa/ Annette Riedl)
"Bitte Mundschutz tragen" steht am Eingang zu einer Grundschule in Berlin-Friedrichshain (picture alliance/ dpa/ Annette Riedl)
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Die Diskussion um Schulöffnungen in den vergangenen Tagen mit der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann von der CDU im Mittelpunkt: Sie war eine Phantomdiskussion. Medial und inhaltlich.

Was war passiert? Kurz vor Weihnachten kündigt Susanne Eisenmann in einer Pressemitteilung ihres Ministeriums sinngemäß an: "Bitte möglichst Präsenzunterricht nach den Ferien ab 10. Januar. Vor allem Kitas und Grundschulen sollten öffnen!" Und Eisenmann stellt klar: "Entscheiden werden das aber die Länder mit der Kanzlerin am 5. Januar." Damit hat sie sich positioniert. Den Rest wird das neue Jahr zeigen.

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Die Infektionszahlen seien momentan noch viel zu hoch, sagte die niedersächsische Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) im Dlf. Gegebenenfalls müssten sogar Verschärfungen der Maßnahmen geprüft werden. 

Sie fordert das gleiche auch kurz vor Weihnachten in einem Interview mit der Nachrichtenagentur DPA. Nur formuliert sie es da schärfer: Sie wolle öffnen - "unabhängig von den Inzidenzzahlen". Diese Aussagen werden aber erst nach Weihnachten veröffentlicht. In der Feiertagspause. Als das Infektionsgeschehen ziemlich unklar ist und die Intensivbetten gut belegt sind.

Sinnlose Tage der Erregung

Ihre Haltung ist eigentlich nicht neu. Aber die Resonanz ist riesig. Republikweit empören sich Medien, Bildungsverbände, Opposition über die in ihren Augen unangemessene Forderung der baden-württembergischen Kultusministerin. Alle sprechen in der ruhigen Zeit zwischen den Jahren plötzlich über Susanne Eisenmann. Das ist nicht schlecht für jemanden mitten im Wahlkampf. Denn Eisenmann ist CDU-Spitzenkandidatin und sie will im März Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg werden. Sie kann: knallhart. Das hat sie mal wieder gezeigt. Und das wissen nun deutlich mehr Menschen.

Und Eisenmann? Lässt die Diskussion erst mal laufen, schweigt dazu, während sich die Empörungsspirale weiterdreht. Sie weiß: Viele Kultusministerinnen und -minister sind prinzipiell auf ihrer Seite. Und sie weiß auch: Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sich die Ministerpräsidenten der Länder mit der Kanzlerin am 5. Januar für Regelunterricht an Grundschulen aussprechen werden.

Der Grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, lässt lediglich über Twitter ausrichten: Grundlage für Entscheidungen über Schulöffnungen ist das Infektionsgeschehen. Punkt.

Sinnlose Tage der Erregung und des Wahlkampfs – in denen wir alle keinen Schritt weitergekommen sind.

Keine Hauruck-Antworten und Standpunkte

Stattdessen immer wieder der Hinweis, auch von Kultusministerin Eisenmann: Kinder seien doch keine Infektionstreiber. Das muss reichen. Das ist aber so nicht haltbar. Sehr viele Studien weisen darauf hin, dass Kinder COVID-19 besser wegstecken, ja. Dass sie weniger Viren verbreiten – dazu gibt es keine endgültigen Antworten. Unter anderem, weil Kinder seltener getestet werden, weil sie eben weniger oft Symptome haben.

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Kein bisschen beruhigt zeigt sich Dlf-Hauptstadtkorrespondent Klaus Remme angesichts des Durcheinanders eine Woche nach Start der Corona-Impfungen in Deutschland. 

Es ist mühsam. Aber auch nach knapp zehn Monaten Pandemie gibt es eben keine Hauruck-Antworten und Standpunkte, die richtiger werden, je länger man auf ihnen beharrt. Und solche Schwarz-Weiß-Diskussionen bringen nicht weiter.

Wer blind die Daten ignoriert und zu früh zurück zum Regelunterricht will, riskiert nach ein paar Wochen Schule dann eben eine dritte Komplettschließung. Wollen wir das?

Konstruktiv ins neue Jahr

Aber wir sollten auch nicht die psychische Belastung von Kindern ignorieren, wenn sie zu lange nicht in die Schule gehen. Und eben auch nicht die Lehrkräfte vergessen, die in überfüllten, schlecht belüfteten Klassenräumen durchaus einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind.

Die Kultusministerinnen und -minister könnten ihr Treffen morgen mal endlich dafür nutzen, Alternativen und Mittelwege ernsthaft zu erwägen. Warum nicht kreativ nach neuen Orten jenseits der engen Klassenräume suchen? Warum nicht Unterricht im leeren Hotel? Warum nicht endlich Referendare und Lehramtsstudierende einstellen, die Lehrkräfte unterstützen könnten und Unterricht entzerren?

Warum nicht zum Jahresstart einfach konstruktiv diskutieren statt zwischen den Jahren mit Maximalforderungen?

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