Debatte um steigende Renten Keine Frage der Generationengerechtigkeit

Seit dem Bundestagswahlkampf erlebt ein Buzzword Konjunktur: die sogenannte Generationengerechtigkeit. Das sei reiner Lobbyismus, kommentiert Ann-Kathrin Jeske. Gutverdiener und Arbeitgeber sorgten sich nicht um die Jüngeren, sondern um ihr eigenes Portemonnaie. Gerechtigkeit sehe anders aus.

Ein Kommentar von Ann-Kathrin Jeske | 07.11.2021

Zwei ältere Menschen sitzen auf einer Parkbank und gucken auf ein Bergpanorama
Rentnerinnen und Renter in Deutschland könnten in den kommenden zwei Jahren rund zehn Prozent mehr bekommen (Unsplash / Matthew Bennett)
Seit dem Bundestagswahlkampf erlebt ein Buzzword in der politischen Debatte eine große Konjunktur: Es geht um die so genannte Generationengerechtigkeit. Die Grünen wollen sie beim Klima, die FDP will sie beim Staatshaushalt und die SPD, tja, das weiß man nicht so genau, aber so gewinnt man offenbar Wahlen: indem zwei sich streiten und sich der Dritte freut. Generationengerechtigkeit - auf dieses Ziel kann man sich also einigen in der gespaltenen deutschen Gesellschaft. Das Problem daran ist: Generationengerechtigkeit gibt es nicht.
Politische Kommentatoren, Politikerinnen und Lobbyisten benutzen das Wort, um so zu tun, als würden sie die eine Politik in der Hinterhand haben, die Gerechtigkeit für eine komplette Generation schaffen würde. Gerechtigkeit aber wird nicht nach Generation verteilt, sondern nach sozialer Klasse, also zwischen Arm und Reich.

Renten drohen schneller zu steigen als die Löhne

In dieser Woche hat sich das wieder einmal gezeigt beim Thema Rente. Der aktuelle Rentenversicherungsbericht prognostiziert den deutschen Rentnerinnen und Rentnern in den kommenden zwei Jahren eine Rentenerhöhung von gut zehn Prozent. Die Befürchtung: Die Alten könnten zulasten der jüngeren Generation profitieren.
Wie können die Renten finanzierbar bleiben?
Immer weniger Erwerbstätige müssen in Deutschland immer mehr älteren Menschen die Rente finanzieren. Dadurch gerät das Rentensystem ins Wanken. Welche Stellschrauben gibt es, um die gesetzliche Altersvorsorge zu stabilisieren? Ein Überblick.
Grund genug für alle, die das Plus auf den Konten der Alten verhindern wollen, auf die Barrikaden zu gehen. Die "BILD"-Zeitung titelte: "Arbeitnehmer müssen 10-Prozent-Zeche für Rentner zahlen". Die Kommentatoren von "FAZ" und "Handelsblatt" verpacken die Botschaft moralischer: Die Rentenerhöhung sei ungerecht für die jüngeren Generationen.
Wenn liberale bis konservative Kommentatoren, die sonst gerne die Macht des freien Marktes beschwören, sich plötzlich um "Gerechtigkeit" für eine ganze Generation sorgen, sollte man skeptisch werden. In ihrer inhaltlichen Kritik an der Rentenerhöhung mögen sie sogar einen Punkt haben, denn es stimmt: Die Renten drohen schneller zu steigen als die Löhne und das kann gefährlich werden.

Sorge um das eigene Portemonnaie

Das ist aber nicht ungerecht für eine gesamte Generation, sondern wenn überhaupt für Teile von ihr. Ein 35-jähriger Hartz-IV-Empfänger zahlt gar nicht in die Rentenversicherung ein. Ihm kann also egal sein, wie sehr die Rentenversicherungsbeiträge steigen. Genauso wie Beamte sämtlicher Altersklassen.
Was diejenigen, die die Rentenerhöhung bewegt, eigentlich umtreibt, ist nicht Gerechtigkeit für die Jüngeren, sondern ihr eigenes Portemonnaie: Sie als gut verdienende Arbeitnehmer wollen nicht noch höhere Rentenversicherungsbeiträge zahlen. Unterstützt werden sie dabei vom Bundesverband Deutscher Arbeitgeber BDA, denn auch die Arbeitgeber zahlen die Beiträge zur Hälfte und machen deshalb gegen die Rentenerhöhung mobil.
Rentensteigerungen im Interesse der Generationengerechtigkeit
Die gesetzliche Rentenversicherung hat sich sowohl in der Corona- als auch in der Finanzkrise als stabiler Faktor erwiesen, kommentiert Volker Finthammer. Die prognostizierte Steigerung der Renten sollte jedoch in guten Jahren etwas geringer ausfallen.

Bleibt die Frage: Sind zehn Prozent mehr in den Portemonnaies der Rentnerinnen und Rentner zu viel? Auch diese Frage kann nicht pauschal für die gesamte Generation beantwortet werden.
Westdeutsche Frauen beispielsweise bekamen 2020 durchschnittlich eine Altersrente von 774 Euro im Monat. Da reichen auch zehn Prozent Rentenerhöhung nicht. Häufig aber wird so eine Frau mit einem ehemals gut verdienenden Mann verheiratet sein, womöglich hat sie geerbt und ist Hauseigentümerin – und schon sieht die Antwort auf die Frage, ob die Rentenerhöhung gerecht ist, womöglich anders aus.

Gerechtigkeit verläuft zwischen den Klassen

Gerechtigkeit also verläuft nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen den Klassen. Diese Erkenntnis lässt sich beliebig auf alle Debatten übertragen, die momentan unter dem Deckmantel der sogenannten Generationengerechtigkeit geführt werden.
Grüne, die Generationengerechtigkeit im Hinblick auf den Klimawandel fordern, sollten den Begriff deshalb ebenfalls aus ihrem Repertoire streichen. Denn auch was die Klimakrise betrifft, wird es nicht gelingen, der jüngeren Generation als Ganzes Gerechtigkeit zu verschaffen. Arme Familien werden in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren mehr unter hohen Strom- und Spritpreisen leiden als solche aus dem Bildungsbürgertum mit gutem Einkommen.
Wer Gerechtigkeit anstrebt, muss sich um diese Unterschiede zwischen arm und reich kümmern. Nicht um Generationen. Das gilt auch für die Debatte umsteigende Renten.