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StartseiteKommentare und Themen der WocheSterbehilfe darf nicht einfach so zu haben sein20.04.2019

Debatte um SterbehilfeSterbehilfe darf nicht einfach so zu haben sein

Die Sorge ist berechtigt, dass nicht jede Entscheidung eines Sterbewilligen wirklich selbstbestimmt ist, kommentiert Gudula Geuther. Doch so richtig es sei, für die organisierte Sterbehilfe Hürden aufzustellen, so falsch sei die Rigidität dieses Gesetzes.

Von Gudula Geuther

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Alter Frau, die im Bett liegt, werden die Hände gehalten (imago / Joko)
Selbstbestimmtes Sterben wünschen sich viele alte Menschen - die gesellschaftliche Debatte darüber flammt in den Niederlanden gerade wieder auf (imago / Joko)
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Das Thema rührt an Urängste. Die Grundfragen, die sich stellen, gehen jeden an, der sich schon mit dem eignen Tod beschäftigt hat. Die meisten Menschen wünschen sich, selbstbestimmt gehen zu können, ohne Druck von anderen, aber auch ohne einer lebensverlängernden Medizin ausgeliefert zu sein, die vielleicht nicht nach Würde fragt. Das zeigen nicht nur Umfragen, das zeigt auch die immer größere Verbreitung von Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen.

Es ist eine Entwicklung, in die das Gesetz nicht recht hineinzupassen scheint, über das in dieser Woche die Verfassungsrichter verhandelt haben. 2015 hatte der Gesetzgeber die "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" unter Strafe gestellt. Gemeint ist die Arbeit von Sterbehilfevereinen, aber in Einzelfällen auch von Ärzten oder anderen. Strafbar ist seitdem, wer einem anderen hilft, sich das Leben zu nehmen, etwa indem er ihm todbringende Medikamente besorgt - und wer das im Zweifel auch nicht nur dieses eine Mal tun will.

Damit bleibt jedem Menschen selbstverständlich das Recht zum Suizid - aber es verweist ihn auf einen besonders harten Weg, auf mehr oder weniger brutale Formen, die Schwerstkranken am Ende des Lebens vielleicht auch gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Es nimmt die Möglichkeit, sich so helfen zu lassen, dass der Schritt weniger qualvoll wird. Und es nimmt all denen, die den Schritt nie machen werden die Tröstung, dass er möglich wäre. 

Leben in keiner Gesellschaft, in der Schwache in den Tod gedrängt werden

Trotzdem ist damit das Urteil über Paragraf 217 noch nicht gesprochen. Denn die Mehrheit des Bundestages, die ihn beschloss, hatte dafür gute Gründe. Angesichts der Etablierung von Sterbehilfevereinen auch in Deutschland, wollten die Parlamentarier den Raum für Selbstbestimmung gerade erhalten. Genannt wird dabei immer wieder die Sorge, es könne ein Klima entstehen, in dem Alte und Kranke sich für ihr Leben rechtfertigen müssen. Das ist ziemlich fernliegend. Nichts spricht dafür, dass wir an der Schwelle zu einer Gesellschaft sind, in der die Schwachen in den Tod gedrängt würden.

Aber wahr ist: Mit Autonomie und Selbstbestimmung am Lebensende ist es so eine Sache. Die allermeisten, die sich das Leben nehmen, handeln nicht selbstbestimmt, zumindest nicht in einem rechtlichen Sinn - sei es, weil momentane Verzweiflung, sei es, weil Depressionen oder andere seelische Krankheiten den Ausschlag geben. Den Wunsch, lieber rechtzeitig in Würde dem Leben selbst ein Ende zu setzen, als an schwerer Krankheit langsam zu sterben, äußern Patienten immer wieder. Eine ganze Reihe von Hospiz- und Palliativexperten haben vor dem Bundesverfassungsgericht eindringlich beschrieben, dass das meistens der Ruf nach Hilfe beim Sterben sei, nicht der Wunsch nach dem Tod.

Jeder Mensch kann frei entscheiden, dass lebenserhaltende Therapien beendet werden 

Die Palliativmedizin kann viel, sie kann Schmerzen lindern. Ähnlich wichtig ist zuwendende Begleitung. Hier muss noch vieles besser werden. Und die Angst, dass sich die Fortschritte der Medizin am Lebensende gegen den Sterbewilligen wenden, ist zwar verständlich. Die Sorge, durch Maschinen am Leben erhalten zu werden, treibt viele um. Aber jeder Mensch kann frei entscheiden, dass diese Maschinen abgeschaltet werden, dass lebenserhaltende Therapien beendet werden. Hier fehlt Aufklärung.

All das zeigt: Wer am Ende des Lebens hilft und berät, trägt eine große Verantwortung. Und nicht alle werden ihr gerecht. Der frühere Hamburger Senator Roger Kusch hatte mit seinem Verein den Ausschlag dafür gegeben, dass Paragraf 217 überhaupt erlassen wurde. In Karlsruhe bemühte er sich zu zeigen, dass die Grenzen der Selbstbestimmung ernst genommen würden. Gelungen ist das nicht. Auf die Frage, wann ein Todeswunsch als plausibel gelten könne, gab er die Faustregel aus: je älter, desto plausibler. So einfach ist das nicht. 

Hilfe darf nicht einfach so zu haben sein

So richtig es also ist, für die organisierte Sterbehilfe Hürden aufzustellen, so falsch ist die Rigidität dieses Gesetzes. Die Sorge ist berechtigt, dass nicht jede Entscheidung wirklich selbstbestimmt ist. Aber wenn sie das ist, passt das Strafrecht nicht. Die Hilfe darf also nicht einfach so zu haben sein. Niemand kann außerdem beanspruchen, dass ein anderer ihm zum Tod hilft, auch nicht, wen schwerstkrank auswegloses Leiden erwartet. Aber der Staat darf diese Hilfe mindestens in extremen Ausnahmefällen nicht verweigern.

Wie das gehen kann, ist nicht leicht zu sagen, ob Ärzte ausgenommen werden sollen, ob eine Kommission entscheiden soll, ob Beratung nötig ist. Vielleicht sollte auch noch einmal der Bundestag entscheiden. Dass aber die Verfassungsrichter irgendeine Öffnung verlangen, ist zu hoffen.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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