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StartseiteInterview"Für ein fortschrittliches Land haben wir zu viele Masern-Fälle"30.11.2018

Debatte ums Impfen"Für ein fortschrittliches Land haben wir zu viele Masern-Fälle"

Die Zahl der Masern-Fälle ist im vergangenen Jahr laut WHO dramatisch gestiegen. Viele Kinder würden zu spät geimpft, sagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, im Dlf. Die Argumente von Impfgegnern bezeichnete er als spekulativ. Von einer Impfpflicht rät er dennoch ab.

Thomas Mertens im Gespräch mit Stefan Heinlein

Ein Nachweis ueber eine Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln in einem internationalen Impfausweis (picture alliance/ dpa)
Kinder sollten in den ersten 24 Monaten ihres Lebens die Standard-Impfungen bekommen, sagt Thomas Mertens (picture alliance/ dpa)
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Stefan Heinlein: Kinderlähmung, Keuchhusten und Masern plus Tetanus, Diphtherie, Mumps und Röteln – das sind die wesentlichen Impfungen für Kinder, empfohlen von Medizinern und Virologen. Viele dieser Infektionskrankheiten sind mittlerweile eher selten geworden und so gibt es in vielen Ländern dieser Welt einen klaren Trend: Immer weniger Kinder werden geimpft. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schlägt deshalb Alarm. Die Zahl der Masern-Infektionen ist seit 2017 im Vergleich zum Vorjahr dramatisch gestiegen.

Am Telefon begrüße ich jetzt den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens. Guten Tag, Herr Professor!

Thomas Mertens: Ja, guten Tag!

"Die Masern sind keine leichte Erkrankung"

Heinlein: Herr Mertens, laut jüngster Zahlen gibt es in Deutschland 929 Masern-Fälle. Das klingt erst einmal nicht so viel. Wieso schlägt die WHO dennoch Alarm?

Mertens: Nun, weil wenn man das auf europäischer Ebene betrachtet – die Zahlen hat der Kollege jetzt gerade noch nicht genannt -, dann sind es Anfang diesen Jahres, in den ersten sechs Monaten 41.000 Masern-Fälle in der europäischen Region gewesen. Und es gab dort registrierte, was sicher eine zu geringe Annahme ist, 37 Todesfälle. Das bedeutet – und das stimmt über viele Jahre immer wieder -, dass man grob geschätzt immer mit einem Todesfall auf tausend Fälle rechnen kann. Die Masern sind keine leichte Erkrankung. Außerdem haben die Masern alle Eigenschaften, um weltweit ausgerottet zu werden. Das könnte man wirklich vermeiden. Insofern ist es ein Ziel der Weltgesundheitsorganisation – und auch die Bundesrepublik hat sich diesem Ziel verpflichtet -, die Masern-Ausrottung fortzutreiben. Denn wie Sie gehört haben: 100.000 Tote jährlich, meist Kinder, sind einfach viel und es ist völlig überflüssig, dass diese Kinder an den Masern sterben.

In Deutschland, um das zu sagen, klingen natürlich die Fälle nicht so viel. Aber auch bei uns ist es so, dass wir Komplikationen haben. Betrachten wir das vergangene Jahr, dann waren es Patienten mit Meningitis, Hirnhaut- und Hirnentzündungen. Dann waren es Lungenentzündungen und Mittelohrentzündungen. Und man muss bedenken, dass 41 Prozent der Fälle im Jahr 2017 in Deutschland hospitalisiert wurden. Das heißt, sie mussten ins Krankenhaus aufgenommen werden, was ja auch zeigt, dass sie nicht so banal erkrankt waren. Etwas unter der Hälfte der Masern-Erkrankten mussten stationär behandelt werden.

"Es wird generell zu spät geimpft"

Heinlein: Herr Mertens, warum ist Impfen in Deutschland keine Selbstverständlichkeit mehr? Ist das schlicht Impfmüdigkeit der Eltern, oder ist es Bequemlichkeit, oder stecken auch ideologische Gründe dahinter?

Mertens: Für den Großteil der Bevölkerung ist es sicher so, dass da der Begriff der Impfmüdigkeit zu hoch gegriffen ist. Wenn man sich die Schuleingangsuntersuchungen ansieht, das heißt, wenn man schaut, wie viele Kinder sind zum Zeitpunkt des Eintretens in die Schule geimpft, dann sieht man, dass das über die letzten Jahre nicht abgenommen hat, sondern eher noch etwas zugenommen hat. Das muss man differenziert betrachten.

Was in Deutschland der Fall ist, ist, dass es sehr große regionale Unterschiede bei den Durchimpfungsraten gibt. Das heißt, auf Landkreisebene. Manche sind hervorragend durchgeimpft, andere sind schlechter durchgeimpft.

Der zweite Punkt ist, dass generell zu spät geimpft wird. Eigentlich sollten ja alle Kinder mit 24 Monaten, das heißt bei Vollendung des zweiten Lebensjahres, vollständig geimpft sein. Da gibt es einen großen Unterschied. Wenn man diese 24 Monate betrachtet und die Schuleingangsuntersuchungen, dann gibt es einen erheblichen Unterschied. Betrachtet man die 24 Monate, dann sind es tatsächlich nur etwa 74 Prozent, die da durchgeimpft sind mit der zweiten Impfung, und das ist für die Masern, wie wir wissen, zu wenig

Angaben von Impfgegnern "spekulativ"

Heinlein: Und das ist auch der Grund, weshalb sich die Zahl der Masern-Fälle in Deutschland so dramatisch verdreifacht hat?

Mertens: Ja gut, das sind Schwankungen über die letzten Jahre. Wir hatten auch Jahre, wo das sogar schlechter war in Deutschland. Denken Sie an den großen Ausbruch in Berlin mit über 1.300 Fällen. Insofern muss man das auch als eine Wellenbewegung betrachten. Aber in der Tat ist es so, dass wir für ein, sagen wir mal, fortschrittliches Land, wie wir uns ja empfinden würden, tatsächlich viel zu viele Masern-Fälle haben, und das liegt in der Tat daran, dass erstens nicht überall gleichmäßig geimpft wird, und zweitens, dass generell die Impfung zu spät erfolgt. Wenn Sie die Kinder zu spät impfen, sind sie vor der Impfung natürlich alle ungeschützt und können auch als Erkrankte und Überträger fungieren.

Heinlein: Nun sagen Impfgegner, Herr Mertens, Impfungen, das ist unnatürlich, das ist schädlich und vielleicht sogar die Ursache für viele Krankheiten, Allergien oder sogar Krebs. Wie sicher können Sie sein, dass die Risiken einer Impfung in jedem Fall geringer sind als die Folgen einer Masern-Infektion für Kinder und Jugendliche?

Mertens: Viele dieser Angaben von Impfgegnern – und wohl gemerkt: das betrifft ja nur einen sehr kleinen Anteil; Sie müssen davon ausgehen, dass die tatsächlich hartgesottenen Impfgegner nur einen sehr kleinen Anteil der Bevölkerung ausmachen -, diese Angaben sind immer spekulativ. Das ist der Unterschied. Wir können sehr gut beweisen, dass Impfungen – denken Sie an die Pocken-Impfung, die Kinderlähmungs-Impfung, die Masern-Impfung, Diphtherie, Tetanus; viele sind ja eingangs genannt worden – einen enormen Erfolg hatten, weil sie diese Krankheiten völlig verdrängt und zum Teil ausgerottet haben. Da gibt es ganz knallharte Daten, die auch völlig unwidersprechbar sind.

Die von den Impfgegnern angeführten Argumente sind eigentlich immer Spekulationen und man kann sicher sagen, die Angaben über den Zusammenhang der Masern-Impfung mit späteren Erkrankungen sind alle widerlegt beziehungsweise nicht bestätigt worden, so dass das wirklich der Unterschied ist, dass Sie sehr gute Daten haben für den Erfolg der Impfung, und Sie haben immer wieder solche spekulativen Risiken, die aber nicht substantiiert werden konnten oder können. Die Masern-Impfung hat einen unglaublich positiven Effekt und mögliche Nebenwirkungen sind, wenn überhaupt, sehr, sehr gering.

Aufklärung statt Impfpflicht

Heinlein: Die WHO hatte sich ja ein großes Ziel gesetzt. Bis zum Jahr 2020 sollten die Masern weltweit ausgerottet sein. Um das zu erreichen, Herr Professor Mertens, braucht es dafür eine Impfpflicht?

Mertens: Oh Gott! Das ist ein abendfüllendes Thema.

Heinlein: Sie haben noch eine Minute.

Mertens: Ja, das habe ich gerade auf der Uhr auch gesehen. – Die eine Minute will ich damit sagen: Im Prinzip könnte man sich das vorstellen. Ich glaube aber, dass das in Deutschland erstens sehr schwer durchzusetzen und zweitens möglicherweise auch in vieler Hinsicht kontraproduktiv ist, so dass ich weiterhin auf Aufklärung und Überzeugung setzen würde und nicht eigentlich auf eine gesetzliche Impfpflicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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