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StartseiteKommentare und Themen der WocheWir brauchen mehr Empathie für politische Gegner12.07.2020

DebattenkulturWir brauchen mehr Empathie für politische Gegner

In den USA wird über Diskursverengung diskutiert – und das sollten wir auch in Deutschland tun, kommentiert Marco Bertolaso. Denn auch hierzulande würden zu schnell Freund-Feind-Grenzen gezogen. Doch ohne Toleranz sei das Liberale wenig wert.

Von Marco Bertolaso

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Teilnehmer einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt protestieren mit einem Schild mit der Aufschrift "Black Lives Matter" auf dem Rathausmarkt in Hamburg. (dpa / Christian Charisius)
Teilnehmer einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt protestieren mit einem Schild mit der Aufschrift "Black Lives Matter" auf dem Rathausmarkt in Hamburg. (dpa / Christian Charisius)
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Die USA sind so groß wie ein Kontinent. Und ähnlich groß sind die Gräben, die dort zwei feindselige Lager trennen. Im amerikanischen Kulturkampf geht es um Werte und Identitäten, um Globalisierungsgewinner- und verlierer. Vielleicht noch mehr geht es um Rassismus und Klassengegensätze.

Das US-Wahlsystem ist latent undemokratisch. Eine politisierte Justiz macht nichts besser. Vieles schlechter machen parteiische Zeitungen, Radiostationen und TV-Sender. In der digitalen Ära hat sich diese hyperpolarisierte Gesellschaft als idealer Nährboden erwiesen für die gefährlichen Seiten der Plattformen, die man "Soziale Medien" nennt.

Aus diesem toxischen Biotop ist nicht ohne Logik und als traurige Pointe 2016 die Präsidentschaft Donald Trumps erwachsen, des Kandidaten einer von Populisten gekaperten Republikanischen Partei. Seitdem tobt der Kulturkampf umso heftiger und strebt mit der Wahl im November einem weiteren Höhepunkt entgegen.

Brief der Intellektuellen beklagt dogmatische Tendenzen

In dieser Phase hat der durch Polizeigewalt herbeigeführte Tod von George Floyd die stärkste antirassistische Bewegung seit langem ausgelöst. Eindeutig auf die Seite dieser Bewegung stellen sich gut 150 Intellektuelle mit einem offenen Brief. Sie stellen sich auf die Seite derjenigen, die für Aufklärung, Inklusion und Gleichberechtigung kämpfen, für soziale Gerechtigkeit und Diversität. Zugleich, und das ist das Besondere, kritisieren sie das, was sie als dogmatische Tendenzen und Intoleranz im liberalen Lager wahrnehmen.

Eine solche Diskussion kann den USA nur helfen, einem Land, in dem neue Brücken gebaut werden müssen. Doch auch bei uns brauchen wir ein Gespräch über Diskursverengung, denn auch hierzulande werden gerade Brücken eingerissen.

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Das extrem rechte und nationalistische Lager hat in Deutschland in den letzten Jahren Zuwächse verbucht. Das hat nicht zuletzt mit den Folgen der Globalisierung zu tun, vom Lohndruck bis zur Migration, auch die Europapolitik spaltet. Von einer gesellschaftlichen Mehrheit sind diese Kräfte aber noch weit entfernt. So sollte es aus meiner Sicht auch bleiben.

Weniger Unerbittlichkeit, mehr Toleranz

Deshalb möchte ich mich dem Appell aus den USA anschließen mit eingen Bitten an das liberale Lager bei uns. Wir brauchen mehr Empathie für diejenigen, die in Globalisierung und Weltoffenheit auch oder vor allem eine Bedrohung erkennen. Wir sollten uns um soziale Probleme kümmern. Damit daraus nicht politische Probleme werden und nationalistische Verhärtungen. Die Gefahr ist real. Niemand weiß, welche Folgen die Coronakrise noch für Wirtschaft und Arbeitsmarkt haben wird. Das ist mein erster Punkt.

Der zweite: Ich wünsche mir weniger Unerbittlichkeit und mehr Toleranz. Es muss weiter möglich sein, zugleich ein Herz für Israel und für die Palästinenser zu haben. Es muss akzeptiert werden, dass jemand für die geschlechtergerechte Sprache ist und doch den Genderstern ablehnt. Und es ist ok, unter dem Stichwort Diversität an Migrationserfahrung zu denken. Es ist aber genauso ok, bei Diversität eher die Förderung von Arbeiterkindern zu meinen.

Ist es legitim, die Interessen nicht-binärer Menschen im Blick zu haben und dennoch die Gleichberechtigung der Frauen für das größere Thema zu halten? Ich finde schon. Kann man hinter "Black-lives-matter" stehen und sich dennoch wundern, dass das Thema in Deutschland mehr Resonanz erzeugt, als die NSU-Morde oder die Benachteiligung von Millionen Deutsch-Türken? Ich denke, ja. Und müssen aufrechte Demokratinnen fortgeschrittenen Alters wirklich gescholten werden, weil sie noch "Fremdenfeindlichkeit" beklagen und nicht mitbekommen haben, dass inzwischen oftmals "Rassismus" als der treffendere Begriff gilt?

Demokratisch korrekt, politisch korrekt

Es irritiert mich, wie viele Menschen auch auf der Seite der Aufklärung sich ihrer jeweiligen Sache absolut sicher sind. Es irritiert mich, wo bisweilen schon die Freund-Feind-Grenze gezogen wird. Und es befremdet mich, wie viele Teil- und Unterbereiche des politisch Korrekten inzwischen konkurrierend aufgerüstet werden, anstatt das demokratisch Korrekte in den Vordergrund zu stellen. All das – siehe USA – kann die Mitte verprellen und den Falschen in die Hände spielen.

Auch bei unseren Hörerinnen und Nutzern wird das Drängen lauter, dass sich unsere Redaktion in Detailfragen klar erkennbar positionieren möge. Das können wir aber nicht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist geschaffen worden, um – sehr vereinfacht gesagt – das Grundgesetz und die Menschenrechte zu verteidigen. Er ist nicht dazu da, zwischen Fleischessern und Veganern zu richten, zwischen Windkraftbefürworterinnen und –gegnern.

Viel besser gefällt mir die Aufgabenbeschreibung, die mir jüngst ein Hörer gemailt hat. Er möchte – Zitat – "dass der Deutschlandfunk seiner Vermittlerrolle zwischen allen demokratischen Kräften in Deutschland nachkommt". Das machen wir sehr gerne. Lassen Sie uns bitte den Spielraum dafür und gönnen Sie sich auch selbst weiter die Toleranz, ohne die das Liberale wenig wert ist und keinen Spaß macht.

Porträt von Dr. Marco Bertolaso, Leiter der Deutschlandfunk Nachrichtenredaktion (Deutschlandradio/ Bettina Fürst-Fastré)Dr. Marco Bertolaso, Leiter der Deutschlandfunk Nachrichtenredaktion (Deutschlandradio/ Bettina Fürst-Fastré)Marco Bertolaso ist Nachrichtenchef des Dlf und auch für die Aktualität im Netz verantwortlich. 
Vor seiner Zeit beim Deutschlandfunk hat der promovierte Historiker unter anderem im Deutschen Bundestag gearbeitet. 
Bei Twitter können Sie @mbertolaso folgen.

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