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StartseiteKommentare und Themen der WocheWir brauchen mehr Kirchentage23.06.2019

DebattenkulturWir brauchen mehr Kirchentage

Wenn Juden, Christen und Muslime immer so konstruktiv streiten würden wie in Dortmund beim Evangelischen Kirchentag, würde sich der Vertrauensverlust in Luft auflösen, meint Andreas Main. Der Kirchentag habe beispielhaft gezeigt, wie wir offen und fair miteinander reden können - ohne die heißen Eisen zu meiden.

Von Andreas Main

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Vor der Dortmunder Reinoldikirche entzünden Teilnehmerinnen des Kirchentags gemeinsam Kerzen. (imago/Stefan Arend)
Vor der Dortmunder Reinoldikirche entzünden Teilnehmerinnen des Kirchentags gemeinsam Kerzen. (imago/Stefan Arend)
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Du bist ein Gewinn. So steht es auf den T-Shirts der gut gelaunten jungen Helferinnen und Helfer auf dem Kirchentag. Das hat was mit dem Sponsor der Hemden zu tun. Aber egal. "Du bist ein Gewinn", wer das liest oder hört, egal ob in Dortmund beim Deutschen Evangelischen Kirchentag oder am Radio, fühlt sich bestärkt.

Wer sich als Gewinn versteht, hat Selbstvertrauen. Und wer Vertrauen hat, muss sich nicht aufplustern durch Ausgrenzung von Minderheiten. Der fühlt sich nicht erst dann stark, wenn er Juden, Muslime, Homosexuelle angreift. Wer sich als Gewinn versteht, hat es nicht nötig, hasserfüllt Politiker hinzurichten.

Wobei eben immer die Frage bleibt, wie mit denen umzugehen ist, die sich so klein fühlen, dass sie sich als Linke in krude Verschwörungstheorien flüchten, als Muslime zu Kämpfern des so genannten Islamischen Staates aufschwingen oder als Rechtsextreme missliebige Politiker ermorden. Wie kann es gelingen, dass die sich auch als Geschenk verstehen?

Wir können offen, fair und ruhig miteinander reden 

Der Evangelische Kirchentag beantwortet diese Frage mit einem Bibelwort. "Was für ein Vertrauen" – so das Motto von Dortmund. Vertrauensbildung als Kontrapunkt zu Hassparolen, als Kontrapunkt zur Hysterie auf allen Seiten, als Kontrapunkt zum Schaum vor dem Mund. Und entscheidend: Vertrauen wird hier nicht nur proklamiert, sondern: Vertrauensbildung wird gelebt.

Nun ist es unmöglich, alle 2.000 Veranstaltungen der vergangenen Tage zu beobachten, aber der Dortmunder Kirchentag zeigte, wie wir gesamtgesellschaftlich offen, fair und ruhig miteinander reden können - ohne die heißen Eisen zu meiden.

Vertrauensbildung setzt voraus zu klären, wie es zum Vertrauensverlust kommt. Ein Vertrauensverlust, der viele betrifft: Politik, Wirtschaft, Kirchen und Religionsgemeinschaften, auch Journalisten in Verlagen oder Funkhäusern.

Ein Vertrauensverlust, der mit dem rasanten Wandel zu tun hat. Alles um uns herum verändert sich in einem Tempo, das viele abhängt. Stichwort: Digitalisierung. Stichwort: Migration. Stichwort: autoritäre Politiker, die einfache Lösungen anbieten und den Kompromiss ablehnen.

Aber der Kirchentag blieb nicht dabei stehen, nach Ursachen zu fragen. Er lebt einfach vor, wie Vertrauen entstehen kann. Hier wurde nicht - wie es kirchliche Amtsträger lange taten - über Ökumene geredet. Hier saßen ganz selbstverständlich katholische neben evangelischen Denkerinnen und Denkern und kamen auf einen grünen Zweig - hatten Spaß und unterhielten die Menschen auf klug-nachdenkliche Art und Weise.

Interreligiöser Dialog wurde nicht nur gefordert, sondern islamische und jüdische Gelehrte debattierten vollkommen unverkrampft und heiter. Nur ein Beispiel für diesen Paradigmenwechsel: Das Thema etwa dieser Veranstaltung mag fromm wirken: "Gotteswort in Menschenwort - Heilige Schriften und ewige Wahrheiten".

Aus konstruktivem Streit entsteht Vertrauen

Und klar, da ging es um Theologie und nicht offensichtlich um Politik. Aber würden sich alle Religionsgemeinschaften darauf verständigen können, ihre heiligen Texte im Kontext zu lesen und nicht buchstäblich, unser Zusammenleben wäre weniger verspannt. Und somit hat die Auseinandersetzung mit Gottes Wort in Menschenwort zu tun mit Verständigung in dieser Gesellschaft, ist also in gewisser Weise politisch.

Hier soll eine Lanze gebrochen werden dafür, dass Religion und akademische Theologie vieles in diesem Land und darüber hinaus zum Besseren verändern können - jedenfalls in ihrer gemäßigt-klugen Form. Wenn Juden, Christen und Muslime so konstruktiv streiten wie in Dortmund und ihre Erfahrungen austauschen, dann entsteht Vertrauen.

Und wenn dann auch noch viel gelacht wird, dann entsteht noch mehr Vertrauen. Und wenn das große Hallen füllt und Menschen zweieinhalb Stunden gebannt zuhören können, dann entsteht auch Vertrauen.

Eine weitere Lehre des Kirchentags: Die Menschen sind viel interessierter an Religionsfragen, als sich das viele einreden - es muss nicht immer nur um Parteipolitik gehen. Und deswegen wird hier auch nicht gesprochen über jene Partei, die nicht eingeladen war.

Sondern: Es gilt zu sprechen über eine gelungene Debattenkultur, die auch bei jungen Leuten ankommt. Denn auch die wollen Menschen aus Fleisch und Blut treffen, sich austauschen, nicht nur digital. Sich begegnen - das ist das neue Cool.

Wer das in Dortmund erlebt hat, kommt zu dem Eindruck: Wäre das verbreiteter, bräuchten wir keine Hassparolen und Fake News zu beklagen. Der Vertrauensverlust würde sich in Luft auflösen. In dieser Form wie in Dortmund bräuchte es mehr Kirchentage.

Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main ist Redakteur der Redaktion Religion und Gesellschaft des Deutschlandfunks. Er studierte Katholische Theologie und Geschichte in Münster. Nach dem Volontariat bei der Katholischen Nachrichten-Agentur arbeitete er als Redakteur beim Lokalfunk, danach als freier Journalist für den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle.  

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