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StartseiteDie neue PlatteZwischen die Stühle16.06.2019

Debüt CD vom Klaviertrio ZadigZwischen die Stühle

Auf seiner ersten CD verwischt das Trio Zadig Grenzen zwischen den Stilen. Mit Werken von Leonard Bernstein, Benjamin Attahir und Maurice Ravel präsentiert das Ensemble ein breites Spektrum an Farben und begeistert mit Spielwitz und Präzision.

Am Mikrofon: Marcus Stäbler

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Die drei Musiker des Klaviertrio Zadig stehen schwarz gekleidet vor grauem Hintergrund und schauen im Halbporträt in die Kamera. (Bernhardt Martinez)
Französisch-amerikanische Freundschaft: das Trio Zadig (Bernhardt Martinez)

"Something in between", auf Deutsch "Irgendwas dazwischen", nennt das Trio Zadig sein Debütalbum. Ein passender Titel. Denn das französisch-amerikanische Ensemble, 2014 in Paris gegründet, setzt sich ganz gezielt zwischen die Stühle. Mit einem Programm, das Werke von Maurice Ravel, Benjamin Attahir und Leonard Bernstein vereint und sich einer klaren stilistischen Zuordnung entzieht.

Musik: Bernstein (arr. Bruno Fontaine), A West Side Story Fantasy

Das Album "Something in between", erschienen beim Label Fuga Libera, beginnt mit zwei Arrangements nach Werken von Leonard Bernstein. Der amerikanische Komponist verkörpert die Lust am "Dazwischen", am Spiel mit den Genres und Stilen, wie kaum ein anderer. Sowohl in seiner West Side Story als auch in seiner Operette Candide jongliert er virtuos mit Einflüssen aus dem Jazz, aus der südamerikanischen Musik und der klassischen Tradition.

Musik: Bernstein (arr. Bruno Fontaine), A West Side Story Fantasy

Der französische Pianist, Dirigent und Komponist Bruno Fontaine hat ein Best of aus Bernsteins West Side Story, aber auch dessen Candide-Overtüre kongenial für Klaviertrio bearbeitet. Eine dankbare Vorlage, die das Trio Zadig gekonnt annimmt und verwandelt. Das Ensemble begeistert mit seiner Spielfreude, mit seinem Drive und präzise gesetzten Pointen, und es lässt seinerseits auch wieder kunstvoll Grenzen verschwimmen. Violine, Cello und Klavier verwachsen zu einer Einheit, die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile. In manchen Passagen glaubt man fast noch zusätzliche Instrumente zu hören, dann scheint sich das Klaviertrio in eine Art Straßenband mit Akkordeon oder Cymbalom zu verwandeln.

Musik, Bernstein (arr. Bruno Fontaine), Candide-Overtüre

Ein mitreißender Auftakt. Leonard Bernsteins Candide-Ouvertüre in einem Arrangement von Bruno Fontaine, vom Trio Zadig spritzig und beseelt, aber auch angemessen lässig musiziert. In den Bernstein-Bearbeitungen zu Beginn der CD stehen vor allem der rhythmische Groove und ein eher sonniger Sound im Vordergrund. Doch danach verdüstert sich das Klima; mit dem Stück Asfar von Benjamin Attahir schlägt das Trio Zadig einen ganz anderen Ton an.

Spritzig und beseelt

Der französische Komponist Benjamin Attahir, Jahrgang 1989, weckt mit dem Titel seines rund sechzehnminütigen Werks einen Assoziationsraum, den die Musik beziehungsreich ausfüllt. Asfar ist das arabische Wort für "Reisen" – und das Tempo und die nervöse Art der Bewegung legen nahe, dass ihm dabei womöglich keine freiwillige Reise vorgeschwebt ist.

Musik: Attahir, Asfar

Benjamin Attahir lässt harsche, mitunter auch aggressiv hämmernde Klänge aufeinander prallen, er treibt die imaginäre Reise mit unerbittlichen Rhythmen voran. Sie wird zu einer atemlosen Dauerhetze, begleitet von Konflikten und von einer Atmosphäre der Angst und Beklemmung bei der Begegnung mit dem Unbekannten. Als würde die Musik die Perspektive eines Geflüchteten einnehmen, der auf der Suche nach Frieden keine Ruhe findet und ständig mit feindlicher Ablehnung konfrontiert wird.

Musik: Attahir, Asfar

Eine Reise ohne Ankunft, eine Musik der Flucht und der nervösen Unruhe. Das war ein Ausschnitt aus dem Stück Asfar von Benjamin Attahir, ein Auftragswerk für das Trio Zadig. Das 2014 entstandene Ensemble hat sich nach dem philosophischen Roman Zadig von Voltaire benannt. Diese Namenswahl lässt sich als Bekenntnis zum Glauben an das Gute im Menschen begreifen – denn auch die Hauptfigur, der babylonische Adlige namens Zadig, vertraut auf Herzensgüte und klaren Verstand.

Homogen und fein tariert

Zugleich steht der Name für den Wert einer echten Freundschaft, weil Zadig im Roman nur mit der Unterstützung des treuen Cador auf den Königsthron gelangt. Auch diese Parallele dürfte kein Zufall sein. Schließlich spielt das Thema Freundschaft eine große Rolle für das Ensemble. Die zwei französischen Mitglieder, der Geiger Boris Borgolotto und der Cellist Marc Girard-Garcia, kennen sich schon seit der Schulzeit und sind seither ein unzertrennliches Duo, der amerikanische Pianist Ian Barber ist mittlerweile bestens integriert.

Musik: Ravel, Klaviertrio

Vielleicht strahlt diese enge persönliche Bindung auch auf das Zusammenspiel aus. Jedenfalls klingt das Miteinander von zwei Streichern mit Klavier beim Trio Zadig ganz besonders homogen und fein tariert. Auch im vierten Werk der CD, dem Klaviertrio von Maurice Ravel.

Musik: Ravel, Klaviertrio

Das Trio Zadig mit dem Beginn des Klaviertrios von Maurice Ravel. Ravel, der elegante Klangtüftler, demonstriert auch im Klaviertrio sein außergewöhnliches Gespür für Farbnuancen, für das kunstvolle Zeichnen und Verwischen von rhythmischen Konturen. Und doch schlägt der französische Komponist hier einen neuen Weg ein.

Musik: Ravel, Klaviertrio

Sein 1914 entstandenes Klaviertrio orientiert sich stärker als andere Werke auch an traditionellen Formen, weshalb Ravel selbst das seinem Kontrapunktlehrer gewidmete Stück als "fast zu klassisch" bezeichnet hat. Aber die Sorge ist unberechtigt. Selbst im dritten Satz, einer strengen Passcaglia, wirkt die Musik nie akademisch, erst recht, wenn die Linien so organisch geformt und so expressiv ausgesungen sind wie vom Trio Zadig.

Instrumentale Virtuosität

Noch weiter entfernt sich Ravel im anschließenden Finale vom Selbstvorwurf des fast zu klassischen Tons. Dort mischt der Satz Rhythmen aus der Volksmusik seiner baskischen Heimat mit glitzernden Farben und Motiven zu einem bunten und mitunter auch ziemlich wilden Mix. Das Trio Zadig besticht auch hier mit seiner Art, wie es Klanglust, Temperament und Disziplin miteinander verbindet, und es beeindruckt nebenbei auch mit seiner instrumentalen Virtuosität. Kein Wunder, dass Menahem Pressler – als Mitbegründer des Beaux Arts Trios eine lebende Legende der Kammermusik – seine jungen Kollegen zu den besten Interpreten der Gegenwart zählt.

Musik: Ravel, Klaviertrio, 4. Satz

Trio Zadig 
Something in Between
Mit Werken von: Leonard Bernstein, Benjamin Attahir, Maurice Ravel
Label: Fuga Libera

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