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StartseiteCorsoAuf halbe Nummer sicher08.08.2020

Debütalbum von KitschkriegAuf halbe Nummer sicher

Eine Art Schaulaufen ohne allzu viele Wagnisse sei das Debutalbum des Berliner Produzententeams Kitschkrieg, findet der Musikkritiker Axel Rahmlow. Kreativer werde das Album erst, wenn sich das Trio von den Einflüssen von Rapper Trettmann löse.

Axel Rahmlow im Gespräch mit Fabian Elsäßer

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Der Hip-Hop Sänger Trettmann im Bühnen-Nebel, Mikrophon am Mund und Hand in die Luft gestreckt. (picture alliance / HMB Media / Markus Köller)
Das Debütalbum von Kitschkrieg ist fast ein halbes Trettmann-Album geworden. (picture alliance / HMB Media / Markus Köller)
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Das Berliner Produzententeam Kitschkrieg hat sich als gefeierter Dienstleister für den Rapper Trettmann den Status der Szenelieblinge erarbeitet. Bisheriger Erfolgshöhepunkt: Die Single "Standard" vor zwei Jahren. Jetzt tritt das gefragte Trio mit seinem Debütalbum aus dem Hintergrund nach vorne - löst sich dabei aber nicht wirklich vom Protegé Trettmann und dessen Sound, findet der Musikjournalist Axel Rahmlow. Trettmann sei auf fünf der zwölf Songs vertreten, die auch alle typische Trettmann-Songs seien. 

"Da geht es um neue Liebe, um verflossene, es sind Lieder über Dämonen, die besiegt werden. Das blubbert auch musikalisch oft vor sich. Den Song, den Trettmann mit Peter Fox singt,  "Lambo Lambo" ist zum Beispiel quasi ereignislos - das Ereignis ist, dass die beiden ein Lied gemacht haben. Insofern ist das eher gutes Schmiermittel und weniger Kreativmotor. Es zeigt, dass man sich lösen will. Ich glaube, es hätte auch konsequenter mit ein, zwei Trettmann-Liedern weniger sein können."

Schaulaufen deutscher Rap- und Popstars

Kreativer werde das Album, wenn Kitschkrieg ihre vielen anderen musikalischen Assoziationen und Einflüsse verarbeiten, so Rahmlow. Zum Beispiel die Leidenschaft für klassischen Rap, Dancehall oder Elektro.

"Wenn die Rap-Fans Kitschkrieg einen klassischen Rap-Song machen, mit zwei der einflussreichsten Rapper ihrer jeweiligen Generationen, mit Rin, Mitte 20, und Kool Savas, Mitte 40, dann hört man die Kreativität des Trios. Oder wenn die Reggae- und Dancehall-Fans Kitschkrieg ein Lied mit dem Rapper Jamule machen, das zwischen Reggae, Dancehall und Pop hin und herschwankt. Oder, für mich der mutigste Song: 'Nein Du liebst mich nicht' - ein Song des Rappers Crack Ignaz zusammen mit dem DJ-Duo Modeselektor, die vor allem Techno und House machen. Und der 4 Minuten lang nur aus einem einzigen Satz besteht. Solche Songs sind der Mehrwert, weil sie zeigen, dass Kitschkrieg auch ohne Trettmann funktioniert."

Kritik an Mitwirkung von Gzuz und Bonez MC

In der Kritik standen Kitschkrieg, weil auf dem Debüt des Produzenten-Trios auch die Rapper Gzuz und Bonez MC vertreten sind - verschiedene Frauen werfen den beiden Künstlern sexuelle und häusliche Gewalt vor. Fragen danach ignoriere Kitschkrieg, seit die Vorwürfe öffentlich gemacht wurden, so Rahmlow. Auch, weil die beiden mitverantwortlich seien für den Erfolg von Kitschkrieg - zum Beispiel beim Hit "Standard", bei dem Gzuz mitgerappt hat. 

"Er und Bonez sind die Brücke zu den vielen Deutsch-Rap-Fans, die es feiern, wenn Frauen in der Musik herabgewürdigt werden. Da gibt es noch immer keine breite Diskussion über Gewalt. Hier auf dem Album beleidigen sie immerhin keine Frauen. Aber dass die Kritik bisher wieder komplett ignoriert wird, finde ich schwach - Loyalität hin oder her. Zumal der Song von Bonez MC auch noch mit Vybz Kartel ist. Das ist die Ikonie des jamaikanischen Dancehalls, ein Superstar. Aber der sitzt auch seit sechs Jahren im Gefängnis, verurteilt wegen Mordes."

Rein musikalisch sei das Lied zwar ein Höhepunkt, so Rahmlow. Aber irgendwo seien Künstler und Werk nicht mehr zu trennen. Aber: "Das interessiert die meisten Fans allerdings nicht."

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